Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München -4°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 26/2011 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold

Sollte man einem Obdachlosen Geld geben oder eine Zeitung abkaufen, wenn er mit dem Kinderwagen hilft?

Anzeige
»Als junge Mutter bin ich viel mit meinem Kinderwagen unterwegs. Bei der hiesigen Post muss ich eine Menge Stufen überwinden, um hineinzukommen. Unten an der Treppe steht meist ein obdachloser Mitbürger, der bettelt und den Straßenfeger, die Berliner Obdachlosenzeitung, verkauft. Er hilft mir dann mit dem Kinderwagen und trägt ihn mit hoch. Nun meine Frage: Muss ich ihm dafür Geld geben oder eine Ausgabe der Zeitung kaufen? Oder soll ich es als ›Mitbürgerhilfe‹ ansehen und mich einfach nur bedanken?« Katharina R., Berlin



Eigentlich ist das Ganze doch ziemlich einfach. Man kann die Situation als klassisches Tauschgeschäft ansehen. Sie bekommen das, was Sie wollen und in dem Moment brauchen: die Hilfe beim Hochtragen. Und wenn Sie dem, der Ihnen diese Hilfe gewährt, dafür etwas geben, bekommt auch er das, worum er bittet, nämlich Geld. Beiden ist geholfen, man kann sogar ein Geschäft darin erkennen, was den Vorteil hätte, dass der Bettler nicht Almosen erhält, sondern eine Art von Lohn.

Man kann die beiden Teile aber auch getrennt betrachten, dann sieht man zwei Akte der sozialen Hilfe: Der obdachlose Mitbürger hilft – indem er Ihnen den Wagen hochträgt – einer jungen Mutter, die in diesem Moment Hilfe braucht. Und andererseits helfen Sie einem Menschen, der finanzielle Unterstützung benötigt, sei es, indem Sie ihm Geld geben oder ihm eine Obdachlosenzeitung abkaufen.

So oder so betrachtet, scheint es also eine gute Sache. Dennoch verspürt man ein leichtes Unbehagen. Warum? Vermutlich rührt es daher, dass der Fall die beiden Betrachtungsweisen verknüpft. Es geht um das, was man in der Soziologie »Reziprozität« nennt: Eine Handlung, meist eine Gabe, erfolgt, woraufhin – in unterschiedlichem Ausmaß – eine Gegengabe erwartet wird. Manche erblicken darin den Ursprung von altruistischem Verhalten und am Ende der Moral. Andere kritisieren das, weil dann die Moral in Wirklichkeit eine verkleidete Ökonomie ist. Und in der Moralentwicklung bei Kindern und Jugendlichen rechnet man eine Moral, die nach dem Motto »Wie du mir, so ich dir« auf Gegenseitigkeit beruht, zu einem sehr frühen, dem sogenannten vorkonventionellen Stadium, das von einem Großteil der Menschen im Lauf der Entwicklung überwunden wird.
Anzeige

Im Prinzip untergräbt deshalb, wer eine soziale, moralisch gebotene Hilfe gebend oder nehmend mit einer Gegenleistung verknüpft, die Moral, die sich über den reinen Austausch erheben sollte. In Ihrem speziellen Fall würde zudem der Helfer, falls er eine Gegenleistung erwartet, so hart es klingen mag, sein eigenes »Geschäftsmodell« konterkarieren: beim Betteln die Gabe eben ohne Gegenleistung und bei der Obdachlosenzeitung das Prinzip des Austausches Geld gegen Zeitung und nicht Kauf gegen Hilfe. Zu mehr als Dank sind Sie daher nicht verpflichtet – aber auch nicht daran gehindert.

Sie finden das Thema spannend? Rainer Erlinger empfiehlt zu dieser Frage folgende Literatur:

Marcel Mauss, Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 8. Auflage 1990

Frank Adloff / Steffen Mau (Hrsg.), Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag Frankfurt am Main 2005

Iris Därmann, Theorien der Gabe. Zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 2010

Christian Stegbauer, Reziprozität, 1. Auflage Westdeutscher Verlag Wiesbaden 2002, 2. Auflage VS Verlag Wiesbaden 2010

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, z.B. in: ders., Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari, dtv München 1999

Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996

Marc D. Hauser, Moral Minds. How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong, Harper Collins New York 2006

Marc D. Hauser, The possibility of impossible cultures. Nature, Vol 460 (2009) 190-196

(Anmerkung von Rainer Erlinger: Marc D. Hauser ist derzeit mit Vorwürfen wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens konfrontiert. Dies betrifft die Gewinnung von Daten. Bei den hier zitierten Arbeiten geht es um Übersichten, nicht aber um die Ergebnisse der fraglichen Experimente.)

Leo Montada, Moralische Entwicklung und moralische Sozialisation, in: Rolf Oerter /
Leo Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie, Beltz Psychologie Verlags Union; 6. Auflage 2008

Monika Keller, Moralentwicklung und moralische Sozialisation, in: Detlev Horster / Jürgen Oelkers (Hrsg.), Pädagogik und Ethik, VS Verlag Wiesbaden 2005
Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Muss man bei nervigen Spielen mitmachen?

    Unsere Leserin würde sich am liebsten unterhalten, stattdessen finden bei einer Geburtstagsfeier jede Menge Spiele und Aktionen statt. Darf sie sich dem Treiben verweigern?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Danke, aber wir kaufen nichts!

    Darf man die Abkürzung durch ein Kaufhaus nehmen, wenn es kalt und windig ist - obwohl man nichts kaufen will? Unser Moralkolumnist ist gespaltener Meinung.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Über den Umgang mit Lästermäulern

    Sollte man einem Kollegen sagen, wenn andere im Büro ihn unerträglich finden? Für unseren Moralkolumnisten ist das vor allem eine Frage des Motivs.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger