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aus Heft 26/2011 Gesundheit

Pssssst!

Kerstin Greiner und Diana Weis  Foto: phunk/photocase.com; Illustrationen: Niklas Groschup

Man redet ja nicht darüber, aber: Finden Sie Ihre Stirn auch zu runzlig? Und Ihre Wangen zu schlaff? Von diesen Fragen lebt eine ganze Industrie – und gerade entdeckt sie völlig neue Wunder.


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Über die calvinistische Arbeitsethik und den Schönheitsdiskurs

Mit dieser ersten Zeile wollten wir es Ihnen leicht machen. Das mag komisch klingen, aber machen wir uns nichts vor: Würde diese Geschichte mit dem Satz »Was Sie über Anti-Aging wissen müssen« beginnen, würden Sie diesen Artikel vielleicht nur heimlich lesen. Bei unserer Überschrift aber ziehen Sie vor Ehrfurcht bestimmt die Augenbrauen hoch – sofern Sie sie noch hochziehen können (dazu später mehr). Wenn Sie trotzdem verschämt in der Ecke sitzen, dann deshalb, weil Sie wegen des Bilds links Lunte gerochen haben und wissen, dass zumindest in Deutschland Anti-Aging als schmuddelig gilt – damit meinen wir alle medizinischen Eingriffe, die die sichtbaren Zeichen der Hautalterung vorübergehend beseitigen. Das liegt an unserer vom Calvinismus geprägten Arbeitsethik: Wir denken, Schönheit sei kein Wert an sich, aber wenn man sie schon wichtig nimmt, dann bitte todernst. Man muss sie sich erarbeiten mit Fleiß und Disziplin, also mit Sport und gesunder Lebensweise. Nicht mit Spritzen und Operationen – das sind unzulässige Abkürzungen, die obendrein noch viel Geld kosten! Außerhalb Europas denken die Menschen darüber anders. Damit sind wir mitten im Thema Anti-Aging, und haben mit unserer kleinen Tarnüberschrift noch nicht mal gelogen.

Wohin geht die Reise?

Der beste Ort, um alles über Anti-Aging zu erfahren, ist der »Anti-Aging Medicine World Congress«, eine Fachmesse, die jedes Frühjahr in Monte Carlo stattfindet. Zum neunten Mal haben sich dort auch dieses Jahr drei Tage lang über 6000 Mediziner und Pharmazeuten aus der ganzen Welt verabredet, um sich über alle Möglichkeiten auszutauschen, den Alterungsprozess aufzuhalten. Sie bieten ein bildgewordenes Klischee: Braun gebrannte brasilianische Schönheitschirurgen tragen große Armbanduhren, amerikanische Dermatologen gut geschnittene Anzüge, und die vielen Frauen, die an Messeständen in der großen Halle Cremes und Seren präsentieren, auffallend kleine Nasen. In einem Saal des Grimaldi Forums, das eingepfercht zwischen Reichtum und engen Straßen mitten in der Stadt liegt, steht der Stardermatologe Frederic Brandt aus Los Angeles, der aussieht wie eine Comic-Version von Andy Warhol und bekannt dafür ist, der Haut von Madonna zu einer erstaunlichen Jugend zu verhelfen. Zusammen mit seinem ebenso berühmten, ebenso in Los Angeles ansässigen Kollegen Raj Kanodia, von dem alle munkeln, er »mache« Jennifer Aniston und Cameron Diaz, hält er den Vortrag Wie man mit berühmten Gesichtern umgeht: »Niemals dürfen Stars auf normale Menschen in der Praxis treffen! Die Stars sollen abends kommen, falls sie keine gesonderte Eingangstür benutzen können!«, ruft Brandt den Kollegen zu. »Und nehmen Sie die höchsten Honorare! Nur die besten Ärzte bekommen die höchsten Honorare!« In einem anderen Raum zeichnet der belgische Hautarzt Koenraad De Boulle Linien auf das Gesicht von Jacqueline, 62, aus der er in den nächsten zwei Stunden Jacqueline, 42, machen wird: 27-mal spritzt er ihr dafür Injektionen ins Gesicht. Das ist die erste Lektion, die man hier lernt: Die Zeiten von Facelifts sind vorbei, kaum noch ein Arzt strafft das Gesicht mit dem Skalpell – außer bei Frauen jenseits der Siebzig. Heute spritzen Ärzte die Gesichter glatt.
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Das gute Geschäft

Anti-Aging gilt als der am schnellsten wachsende Bereich in der ästhetischen Medizin: Die Hemmschwelle gegenüber einer Spritze ist im Vergleich zur Operation niedrig, die Behandlung kostet nur ein paar Hundert Euro und die Substanzen, die der Arzt spritzt, werden innerhalb von vier bis sechs Monaten wieder abgebaut. Ärzte können also fast sicher sein, dass ihre Patienten wiederkommen. So ist ein lukrativer Geschäftszweig entstanden. Zwar stellen Pharmaunternehmen hier unzählige Peelings und Laserbehandlungen vor – am Ende aber dreht sich alles um die zwei Erfindungen, die den Anti-Aging-Markt heute bestimmen: um Botox, das Nervengift, das Gesichtsmuskeln lähmt. Und um Hyaluronsäure, von den Profis kurz »Eitsch Ei« genannt, HA, englisch hyaluronic acid. Damit kann man Wangen formen und Lippen aufspritzen – also wieder Volumen in schlaffe Gesichter bringen. Botox und »Eitsch Ei«, diese zwei wirken zusammen auch gegen alle Gesichtsfalten, die Ärzte in dynamisch und statisch unterscheiden. Dynamische Falten entstehen durch Mimik: Lachfältchen um die Augen oder die steil aufragende Zornesfalte zwischen den Augen, auch »iPhone- oder Blackberry-Falte« genannt. Sie kommt immer häufiger vor, Dermatologen schieben das auf Smartphones: Wer dauernd auf einen zu kleinen Bildschirm starrt, bekommt steile Falten. Botox lähmt die dafür verantwortlichen Muskeln, die dynamischen Falten verschwinden. Statische Falten wie die zwischen Nasen- und Mundwinkel verlaufenden Nasolabialfalten polstert die Hyaluronsäure wieder auf. Eine komplette Anti-Aging-Behandlung für das Gesicht besteht aus einer Kombination von Botox und Hyaluronsäure. So was ist bei jüngeren Gesichtern mit ein paar Pieksern zu haben. Eine ältere Frau, wie Jacqueline, 62, muss um die 2000 Euro dafür bezahlen. Wer es sich leisten kann, wiederholt diese Behandlung alle paar Monate. Die Laune auf dem Kongress ist gut: Allein in Deutschland liegt der Jahresumsatz der ästhetischen Medizin bei etwa fünf Milliarden Euro, Hautpflegemittel bringen noch mal drei Milliarden.


Mundfalten, hier ein sogenannter Tabakbeutelmund, mit vielen senkrecht zum Mund führenden Falten.


Der Stoff, aus dem die Jugend ist
In der größten Halle des Grimaldi Forums preisen Pharmazeuten ihre Botox- und Hyaluronsäurevarianten an. Ein Mann winkt von seinem Messestand herüber: »Kommen Sie, wir haben ein Gewinnspiel, es gibt ein iPad – oder wollen Sie lieber eine Injektion? Können wir direkt hier am Stand machen, natürlich umsonst!« Dabei zeigt er auf einen Behandlungsstuhl, und wer Platz nimmt, bekommt unter den Augen des Messepublikums eine Botoxinjektion verpasst. Früher musste Botox aus den USA nach Deutschland importiert werden. Oft stand am Flughafen die GSG 9, wenn die Ärzte das Paket abholen wollten: Schließlich gilt Botox als das stärkste bekannte Gift der Welt. Menschenmassen damit zu töten aber wäre schwierig, weil es im Trinkwasser unwirksam wird. Die Sporen müssten über die Luft in die Atemwege gelangen, was technisch so gut wie unmöglich ist. Heute gibt es auch in Deutschland ein Botoxwerk, in der Nähe von Dessau. 18 Millionen Euro hat die Firma Merz investiert, 25 000 spritzfertige Einheiten produziert sie wöchentlich. Merz nennt seine Botoxvariante »Bocouture« – das klingt weniger nach Gift. Nur das amerikanische »Botox« der Firma Allergan hat die Endung des Wortes noch nicht geändert. Alle anderen Hersteller von Botox- oder Hyaluronsäureversionen verwenden Bezeichnungen, die zeigen, wohin die Reise geht, weg aus der pharmazeutischen Ecke, hin zum Lifestyle-Produkt: Vistabel, Perfectha, Juvederm, Restylane, Azzalure.
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Kerstin Greiner und Diana Weis

waren überrascht, wie lustig es in der Anti-Aging-Welt zugeht: Die Kongressvorträge hatten Titel wie »The Biological Clock Aging around the Clock!«, ein Arzt stellte eine Behandlungsmethode als »Vampir-Lift« vor, bei der Falten mit Eigenblut unterspritzt werden. Und die Gala-Veranstaltung am Abend hieß natürlich »Forever Young«.

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