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aus Heft 26/2011 Essen & Trinken

Ich und er

Peter Praschl  Foto: Maak Roberts

Schon klar, Essen ist ein soziales Vergnügen, alle miteinander am Tisch, gute Unterhaltung und so. Aber mal im Ernst: Kochen macht viel mehr Spaß, wenn man allein mit den Zutaten ist. Ein Plädoyer für entspannte Einsamkeit. 


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Das Kochen ist ein einsames Geschäft. Nicht einmal Spitzenköche ertragen auf Dauer, dass ihnen das Kalbsbäckchen nie etwas Liebes sagt und der Dialog von Sacherschnitten mit Chilistreifen hartnäckig stumm bleibt. Deswegen sind sie alle ins Fernsehen gegangen. Dort können sie labern, labern und labern und sich freitagabends bei Lanz kocht sogar gegenseitig vollschwallen, ein Scherz würzt den anderen. Die Amateure machen es ihnen nach. In den Kochkursen, mit denen sie sich für Pärchenabende, Freundeskreise und Laienkochsendungen fit machen, lernen sie nicht bloß (falls überhaupt), wie man verletzungsfrei Schalotten hackt, sondern, dass kein Geheimtrick geheim bleiben darf. Beim Perfekten Dinner auf Vox können sie ihre Multitaskingkompetenzen dann unter Beweis stellen. Hilde aus Hildesheim erzählt dem Kameramann, wie sie ihren Jus ansetzt, Tim und Georg und die lustige Physiotherapeutin Johanne berichten beim Essen über ihre Unverträglichkeiten, und hinterher sagt Hilde, ihrem Gefühl nach hätte sie eine Acht oder Neun verdient. Nicht, dass etwas davon sättigend wäre, leeres Geplappere, rutscht einfach so durch.

Wie aber, fragt man sich, gelingt diesen Plaudertaschen eine knusprige Bratenkruste, die richtige Risottocremigkeit, ein flüssiger Schokoküchleinkern, wenn sie doch nie bei der Sache sind, sondern immerzu nur im Sozialen versacken? Wie schaffen sie
es trotz Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms, die angeditschten Himbeeren auszusortieren und den Zeitpunkt nicht zu übersehen, zu dem ein Steak sich in einen zähen Lappen Fleisch verwandelt? Und vor allem: Was hat man eigentlich davon, während des Kochens über das Kochen und beim Essen über das Gekochte zu reden?

Lange Zeit wurde man am Herd in Ruhe gelassen. Das war einer der Gründe dafür, warum Frauen Feministinnen wurden: Sie wollten endlich auch an Gesprächen teilnehmen, statt in der Küche zu versauern. Doch nicht wenige Köche haben sich genau deswegen in die Küche verkrümelt. Endlich ein Ort, an dem man herumbosseln durfte, ohne als Sonderling zu gelten, man bemalte ja nicht Zinnsoldaten mit napoleonischen Waffenröcken, sondern lackierte Enten. Wenn man dann endlich auftischte (womit man sich viel Zeit gelassen hatte), erntete man großes Hallo, aber nur kurz, schließlich gab’s Wichtigeres zu thematisieren als die Arbeit dessen, der gekocht hatte. Dem Koch war es nur recht, dass man seinem Spleen ein kleines Dankeschön widmete, ihn aber nie erschöpfend analysierte. Sonst hätte man möglicherweise bemerkt, dass er so gern Gemüse schnippelte und aus Pergamentpapier Abzugstrichter für selbst gemachte Pasteten bastelte, um nicht bei den superwichtigen Tischschwurbeleien sitzen zu müssen.
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Diese glückseligen Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Die Gäste, die heute zum Essen kommen, bringen Salzflocken mit und wollen dem Gastgeber über die Schulter schauen, wenn er sich in der Küche ans Finishing macht. Seit Längerem gehört es zu den Basistugenden des kultivierten Mittelschichtsmenschen, dass er jederzeit und mit jedem über Ernährung reden kann, die Männer schauen sich Premiumfleisch nicht mehr im Playboy, sondern in Beef! an. Jeder hat etwas zu sagen, jeder sein Halbwissen immer dabei. Schon deswegen schmeckt das meiste Essen mittlerweile, als wäre es unendlich lang besprochen und anschließend im sozialen Netzwerk beschlossen worden. Egal, ob man nach Jamie Oliver, nach Tim Mälzer, nach Donna Hay oder nach einer dieser Rezeptwebsites kocht: Es ist immer dasselbe. Genderneutral, leicht, saisonal, aber nie verbissen, keine Innereien und sonstige Extreme, zum Schluss wird ein wenig Biozitronenschale darübergerieben, und alles ist so bekömmlich, als hätte noch eine Diätassistentin draufgeguckt. Gegen die Stammessen eins, zwei und drei, die von den Modeköchen kommen, schmeckt wahrscheinlich das Schlemmerfilet à la Bordelaise aus der Tiefkühltruhe wie eine kulinarische Offenbarung.

Gerettet werden kann das Kochen nur von den Alleinekochern – von Menschen, die über ihr Tun mit niemandem reden und mit ihm auch nicht ins Fernsehen kommen wollen. Und die nicht darüber nachdenken, ob sie den Geschmack anderer treffen, es reicht ihnen ja ihr eigener.
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Peter Praschl

, 51, vermisst immer noch "Silent Cooking", die einzige Kochsendung im Fernsehen, bei der der Koch (Patrick Müller) niemals etwas gesagt hat, und auch sonst niemand – reines, sättigendes Zuschauen, das glücklich machte.

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