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aus Heft 26/2011 Gesellschaft/Leben

Menschen, Tiere, Aggressionen

Seite 2: »Die vom Circus Krone wollen nichts mit uns zu tun haben.«

Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef  Fotos: Thomas Dworzak / Magnum Photos / Agentur Focus

»Die haben meinen Jungen verfolgt, aber der ist klack, klack, klack weggerannt, mit einem Flickflack, die haben ihn nicht gekriegt.« Helmut kann gar nicht aufhören, von dem Tag zu erzählen. Sein älterer Sohn Marlon, 19, kommt mit dem Auto zurück. Er sollte einen Platz finden, auf dem der Zirkus endlich wieder spielen kann. Doch als er in einem Regensburger Möbelhaus gefragt hat, ob sie ihr Zelt auf der Wiese hinter den Geschäftsräumen aufbauen dürften, hat ihn eine junge, picklige Kassiererin bloß angeblafft: »Ein Zirkus? Mit Sicherheit nicht!«

Früher war der Zirkus eine Attraktion, gerade auf dem Land, wo es keine Theater oder Kinos gab. Heute muss er mit Playstation, Internet, Spaßbädern und Flatrate-Partys konkurrieren. Etwa 350 Zirkusse gibt es in Deutschland. An der Spitze steht der Circus Krone, ein Millionen-Euro-Unternehmen mit 400 Mitarbeitern, 250 Tieren, eigener Marketingabteilung und Veranstaltungshalle, dem Krone-Bau in München mit 3000 Sitzplätzen. Zu den Großen der Branche zählen auch der Circus Sarrasani, der Zirkus Charles Knie und der Circus Roncalli, die teilweise wie Eventagenturen geführt werden. Der Circus Roncalli hat nicht mal mehr eigene Artisten, sondern bucht internationale Künstler, die dann für eine oder mehrere Saisons mit auf Tour gehen. Trotz Ticketpreisen von bis zu 49 Euro sind die Vorstellungen ausverkauft – anders als bei vielen anderen Unternehmen: Die meisten sind kleine Familienbetriebe und kommen gerade so über die Runden. Und es werden eher mehr als weniger, weil sich die Zirkusfamilien aufteilen. Auch die drei Brüder von Helmut Brumbach haben eigene Kleinstunternehmen aufgemacht, insgesamt gibt es mehr als zwanzig »Circus Brumbach« und rund ein Dutzend »Zirkus Renz«.

»Das musst du schreiben«, drängt Helmut. »Die Renzes sind eigentlich Top-Familien.« Nur eben diese eine nicht, Martina und Manfred. »Die haben gedroht wiederzukommen. Meine Kinder können nachts nicht mehr schlafen.«

Etwa siebzig Kilometer östlich öffnet Martina Renz nach einem langen Arbeitstag eine Dose Cola. Die massige Frau mit den dunklen Locken und der tiefen Stimme sitzt an einem Plastiktisch neben ihrem Zirkuszelt auf der Festwiese der Gemeinde Teisnach im Bayerischen Wald. Rundherum sind die 15 Zirkuswaggons wie in einer Wagenburg gruppiert. Insgesamt nimmt der Zirkus Renz, der offiziell »Gebrüder Renz« heißt, eine Fläche ein, die so groß ist wie ein Fußballfeld.
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Die Chefin Martina Renz scheint das genaue Gegenteil von Helmut Brumbach zu sein: Sie wirkt kühl, spricht überlegt und kommt ohne viele Worte aus. »Cola holen!«, hat sie gerade ihren Bruder Uwe angewiesen. »Sieh nach den Tieren!«, ruft sie ihrem ältesten Sohn Francesco zu, die Renzes haben fünf Pferde, drei Kamele und zwei Lamas. Martina Renz gibt die Befehle so, dass sie nicht unfreundlich klingen.

Die 50-Jährige nennt sich selbst den »Kopf, der hier alles zusammenhält«. Als sie 16 Jahre alt war, verließ sie den Zirkus ihrer Eltern, um mit ihrem damals 19-jährigen Mann, Manfred Renz, auf Tour zu gehen. Seitdem dauert ihre Reise an. Jedes ihrer fünf Kinder ist im Geschäft geblieben. Die zwei ältesten Töchter haben in andere fahrende Unternehmen eingeheiratet – dass die Frau sich dem Mann anschließt, gebietet die Tradition.

Gerade kommt ihr jüngster Sohn Jakob, 18, vom Zettelverteilen zurück. In Zeiten, in denen schon eine Facebook-Nachricht reicht, um Tausende Menschen zu einer Party zu bewegen, zieht Jakob jeden Tag mit Werbeflyern los. Von Postkasten zu Postkasten. Wenigstens ist er heute nicht als »Zigeuner« beschimpft worden, vor allem Jugendliche nennen ihn so. Auch in der Schule musste er sich das oft anhören, jede Woche saß er in einer anderen Klasse, nach dem Hauptschulabschluss hatte er keine Lust mehr.

Der Zirkus Renz gastiert immer von Donnerstag bis Sonntag. Vier Vorstellungen. Danach wird weitergezogen. Die Artisten bringen erst die neun Zirkuswaggons und das Kassenhäuschen zum nächsten Festplatz – die beiden Lkw-Zugmaschinen müssen dafür jeweils fünfmal hin- und herpendeln. Mithilfe von zwei Traktoren richten die Männer dann die vier Zeltmasten auf, zurren die Plane fest und verankern das Zelt, in das 580 Menschen passen, mit eisernen Heringen im Boden. Auf asphaltierten Plätzen brauchen sie dazu einen Presslufthammer. Am Ende des Gastspiels müssen sie die Löcher mit Teer ausbessern, sonst behält die Gemeinde die Kaution ein. In Teisnach mussten die Renzes 500 Euro hinterlegen. Sobald alles steht, fährt Vater Manfred zu den umliegenden Bauernhöfen, um Heu für die Tiere zu besorgen. Und er sieht sich schon mal nach einem Landwirt um, der ihm später die wöchentliche Wagenladung Tierkot abnimmt. Martina tingelt durch die Nachbargemeinden, bis zu 200 Kilometer am Tag, auf der Suche nach Stellplätzen für die nächsten Wochen. Häufig ohne Erfolg.

Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich für den Zirkus interessieren und einsetzen. Einer ist Ernst Fricke, Anwalt und Professor für Verwaltungsrecht in Landshut. »Das fahrende Volk war bei den Gemeinden immer schon unbeliebt«, sagt er. Fricke vertritt Zirkusfamilien in ganz Deutschland. Er prozessierte in München und Heidelberg gegen Wildtierverbote, die er für Willkür hält, »weil viele Gemeindetierärzte nicht einmal den Unterschied zwischen einem Kamel und einem Lama kennen.« Gegen die Stadt Donauwörth klagte er, weil die sich weigerte, einen Zirkus mit Strom und Wasser zu versorgen. Eines der größten Probleme für Zirkusbetreiber sind Städte und Gemeinden, die ihnen das Plakatieren verbieten oder viel Geld dafür verlangen. In Hamburg musste der Zirkus Manege seine 500 Plakate wieder abhängen, weil sie laut Stadtverwaltung den Verkehr gefährden und das Stadtbild verschandeln. In Regensburg kostet ein Plakat pro Woche 90 Cent. Um 16 Uhr beginnt für Martina Renz die Vorstellung. »Seit 1842« steht in roten Buchstaben auf den Zirkuswaggons – wie die Brumbachs sehen sich auch die Renzes in einer ehrenvollen Tradition: Vor mehr als 150 Jahren erfand Ernst Jakob Renz die »fliegenden Bauten«, das erste Zirkuszelt, mit dem man reisen konnte.

In der Manege in Teisnach spürt man wenig von dem Glanz, mit dem sich der Zirkus gern umgibt. Die Renzes spielen ein Programm wie alle anderen: Es gibt eine Pferdedressur, Clowns, eine Trapeznummer. Sohn Jakob balanciert sieben ineinander verkeilte Stühle auf seinem Kinn. Er kann das auch mit einer Schubkarre und einer fünf Meter langen Leiter. »Fräulein Sissy«, die 26-jährige Tochter, gibt das Schlangenmädchen. Als sie auf einem Tisch die Brücke macht, springt die CD mit der italienischen Schnulze: »Amo-mo-mo-mo-more.« Als Nächstes kündigt Martina Renz ihren 51-jährigen Bruder Uwe an, »der mit den Scherben spielt wie ein Kind mit Sand.« Uwe trägt eine orientalische Pluderhose und wälzt sich in einem Haufen grüner Glasscherben. Er reibt sich den Oberkörper damit ein und schaufelt sie mit beiden Händen in sein Gesicht, als würde er sich waschen.

Während der Umbaupause erkennt man im Halbdunkel der Manege eine hinkende Gestalt, es ist der 48-jährige Udo. Er gehört nicht zur Familie Renz, fährt jedoch seit Jahren mit dem Zirkus mit und versorgt die Tiere.
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Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef

haben den Scherbenkünstler Uwe auch gefragt, warum er sich bei seinem Trick mit den Glassplittern nicht schneidet. Seine Erklärung: 1. Konzentration. 2. Flaschenhälse und Böden aussortieren. 3. Die Füße in Salzwasser baden: Je geschmeidiger die Haut, desto weniger Verletzungen. Noch mehr Bilder des Magnum-Fotografen Thomas Dworzak (ganz unten), 39, sehen Sie diese Woche auf dem iPad.

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