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aus Heft 26/2011 Gesellschaft/Leben

Menschen, Tiere, Aggressionen

Seite 3: »In Bayern sind sie klatschfaul«

Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef  Fotos: Thomas Dworzak / Magnum Photos / Agentur Focus

Eine halbe Stunde nach der Vorstellung schleicht Udo ein wenig nervös zwischen den Wagen umher. »Chefin! Bier?«, fragt er. Martina Renz überlegt kurz und schüttelt den Kopf. »Keines mehr da.« Sie holt einen Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche und schickt ihren Bruder, der immer noch seine Aladinhose trägt, zum Supermarkt. Dann zeigt sie auf Udo: »Er kann noch nicht richtig laufen.« Der stämmige Mann humpelt herbei. Er zieht das linke Hosenbein hoch und entblößt eine eiternde Wunde am Schienbein. »Geht schon wieder«, sagt er. Es war ein glatter Durchschuss.

Die Familie Renz hat ihre eigene Version des Zirkuskriegs: Die Regensburger Stadtverwaltung habe ihnen eine Gastspielgenehmigung erteilt. Wie üblich seien die Renzes schon eine Woche vor dem Termin in die Stadt gefahren, um dort ihre Plakate aufzustellen. Als sie wiederkamen, um das Zelt aufzubauen, seien sämtliche Plakate verschwunden gewesen. Abends habe das Handy von Martina Renz geklingelt. »Regensburg ist meine Stadt«, habe ein gewisser Helmut Brumbach gedroht. »Für jeden Tag, an dem ihr hier spielt, bekommt ihr Schläge.« Gemeinsam mit ihrem Mann, ihrem ältesten Sohn Francesco und Udo habe Martina Renz die Brumbachs in ihrem Winterquartier an der B8 besucht. »Um zu reden«, sagt sie. Als sie dort ankamen, hätten die Brumbachs Stöcke und Eisenstangen in der Hand gehabt, die drei Renz-Männer »hatten nur ihre Fäuste.« Dann habe Helmut Brumbach eine Pistole gezogen. Und geschossen.

Die zuständigen Beamten des Polizeipräsidiums Oberpfalz schütteln nur den Kopf, wenn sie vom Zirkuskrieg erzählen. »Da gibt es leider kein schlüssiges Tatgeschehen«, sagt ein Sprecher. Dass der Fall einmal aufgeklärt wird, glaubt er nicht. Sicher ist nur, dass am 18. April gegen 20 Uhr mehrere Anwohner des Brumbach-Geländes die Polizei alarmiert hatten: Nebenan tobe eine Schlägerei. Ein Nachbar sagt später, dass die Renzes nicht mit vier, sondern mindestens 15 Personen angerückt seien. Als die Beamten am Tatort eintreffen, finden sie sechs Verletzte: drei aus dem Brumbach-Clan, drei aus dem Renz-Clan. Obwohl die Anwohner mehrere Schüsse gehört haben wollen, bleibt am Ende nur die Kugel nachweisbar, die Udo, den Helfer der Renzes, traf – abgefeuert von Helmut Brumbach, das hat er in der Vernehmung zugegeben. Ansonsten haben alle Beteiligten die Aussage verweigert.
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Zehn Tage später, am 28. April, sind noch einmal vierzig Bereitschaftspolizisten ausgerückt, um vier Stunden lang die Holzwaggons und Wohnwagen der Familie Renz zu durchsuchen. Sie fanden Schlagringe, Teleskopschlagstöcke, einen Elektroschocker und Schrotpatronen, aber keine Schusswaffen, keine Pumpguns, von denen Helmut Brumbach erzählt hatte. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Fragt man ihn nach der Kleinkaliberpistole, mit der er geschossen hat, sagt er: »Das war nicht meine, die hat mir ein Zigeuner gegeben, als die Renzes kamen. Ich habe gedacht, wenn die eine Waffe sehen, hauen die schon ab.«

Gegen den Renz-Clan wird wegen schweren Landfriedensbruchs ermittelt. Fragt man Martina Renz, warum in ihren Waggons Schrotpatronen lagerten, sagt sie: »Wir haben mal in einer Kaserne gespielt, da haben die Kinder die Patronen gefunden und mitgenommen. Ich habe gar nicht mehr daran gedacht, sonst hätte ich sie natürlich weggeschmissen.«

Auch wenn es die beiden Zirkusoberhäupter nie zugeben würden: Sie ähneln sich. Beide lassen nichts auf sich und ihre Familien kommen. Nach Tausenden Gesprächen mit störrischen Stadtbeamten sind sie Meister darin, das letzte Wort zu haben, sich rauszureden, rauszuwinden. In ihren Erzählungen übertreiben sie wie August in der Clownsnummer. Sie wollen größer aussehen, als sie eigentlich sind. Und wenn es notwendig ist, lügen sie.

Am Abend nach der Vorstellung sitzt Martina Renz wieder an dem Plastiktisch neben ihrem Zelt und rechnet die Tageseinnahmen zusammen. Nur fünfzig Gäste sind gekommen, obwohl Familientag war, das bedeutet halber Eintritt: acht Euro pro Person. Mit Popcorn und Cola haben sie heute knapp 600 Euro verdient, das macht 2400 Euro die Woche – bei rund 1200 Euro Kosten für Strom, Wasser, Diesel, Versicherungen, Platzmiete und Tierfutter. Für die acht Familienmitglieder und Udo, den Helfer, bleibt kaum etwas übrig. »Das letzte Mal, als unser Zelt ausverkauft war, gab es noch die D-Mark«, sagt Martina Renz. Aufhören will sie trotzdem nicht. »Wer einmal dieses Leben geführt hat, kann nicht sesshaft werden.«

Etwa zur selben Zeit sinkt Helmut Brumbach hinter seinem Wohnwagen auf einer Bank zusammen. Er ist erschöpft vom Erzählen, reibt sich die Stirn – und plötzlich fängt dieser kräftige, ständig rauchende Mann zu weinen an. »Ich muss immer der Harte sein, damit das Geschäft weiterläuft«, sagt er und dreht sich weg, damit man sein Gesicht nicht sieht. Die letzten Stunden hat er fast nur über die Familie Renz geschimpft, diese »Preußen«, doch der Kampf, den er eigentlich führt, ist ein Kampf gegen eine Welt, die sich kaum noch für ihn und seinen Zirkus interessiert.

Wovon sie im Moment leben, wenn sie seit Monaten gar keine Vorstellungen geben? »Freunde helfen uns«, sagt Helmut. »Und es kommen Leute vorbei, die geben mir 500 Euro, wenn sie mich mit meinem Cowboyhut fotografieren dürfen. Die Bilder hängen sie dann bei sich im Wohnzimmer auf.«

Da ist er wieder: Helmut, der weltberühmte Western-Mann, der mehr als hundert Messer in der Minute wirft.

Die Wiese in Burgweinting, um die die beiden Zirkusfamilien so erbittert gekämpft haben, gehört übrigens einem Bauern. Der hat sie von der Stadt Regensburg gepachtet. Als die Renzes über die Stadtverwaltung eine Spielerlaubnis erbaten, hat der Bauer sofort Ja gesagt. Kurze Zeit später meldete sich Helmut Brumbach direkt bei ihm und fragte, ob er auf der Wiese sein Zelt aufbauen dürfe. Der Bauer hörte nur »Zirkus« und meinte: Freilich, hab ich doch schon gesagt.

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Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef

haben den Scherbenkünstler Uwe auch gefragt, warum er sich bei seinem Trick mit den Glassplittern nicht schneidet. Seine Erklärung: 1. Konzentration. 2. Flaschenhälse und Böden aussortieren. 3. Die Füße in Salzwasser baden: Je geschmeidiger die Haut, desto weniger Verletzungen. Noch mehr Bilder des Magnum-Fotografen Thomas Dworzak (ganz unten), 39, sehen Sie diese Woche auf dem iPad.

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