aus Heft 29/2011 Essen & Trinken 10 Kommentare
Es geht um die Wurst
Unsere Ernährung, der Tierschutz, alles kann sich ändern: Wenn die Forschung recht behält, müssen wir in ein paar Jahren keine Tiere mehr schlachten, sondern essen Fleisch, das im Labor gezüchtet wird. Aber sind wir dazu auch bereit?
Von Max Fellmann und Till Krause Foto: Carl Warner
Der englische Fotograf Carl Warner baut grandiose Landschaften aus Wurst und anderen Lebensmitteln - italienische Hersteller haben seine Bilder auch für die Werbung entdeckt.
Klingt doch logisch: Statt ein Schwein zu mästen und dann zu schlachten, züchtet man nur das Schnitzel. Ohne lästiges Tier drum rum.
Kunstfleisch: weder Science-Fiction noch Frankenstein-Fantasie, sondern eine Zukunft, die nicht mehr weit weg ist. Wenn alles so läuft, wie sich das Forscher in Europa und den USA vorstellen, wird Kunstfleisch in zehn bis 15 Jahren selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags sein. Wir werden uns im Supermarkt überlegen, ob wir Rinder- oder Laborhack kaufen. Wir werden Steaks braten, die in einem Brutschrank gewachsen sind. Und beim Grillabend werden Kunstwürste auf dem Rost landen. Mehrere Forscher erklären, sie stünden kurz davor, richtiges Laborfleisch zu produzieren. Ein Wissenschaftler hat sogar angekündigt, er könne jederzeit das erste Steak präsentieren. Wissensmagazine wie Scientific American widmen dem Thema lange Geschichten, und auch das Intellektuellenblatt New Yorker hat vor Kurzem auf vielen Seiten erklärt, was auf uns zukommt. Die Zukunft beginnt: jetzt.
Aber sie beginnt ziemlich klein. Zum Beispiel in einer Petrischale in Eindhoven. Vor dieser Petrischale steht die junge Biotechnologie-Professorin Daisy van der Schaft, eine Spezialistin für Gewebezucht. Die holländische Stadt Eindhoven hat eine der besten technischen Universitäten des Landes, sie gilt als Zentrum der europäischen Kunstfleischforschung. Daisy van der Schaft trägt die blonden Haare offen, dazu Designerbrille, sie hebt die Petrischale aus einem Brutschrank und sagt: »Leider ist uns letzte Woche eine Zellkultur mit Schweinemuskeln eingegangen. Die sind einfach zu schnell gewachsen.« Jetzt zeigt sie frisch angesetzte Mäusezellen.
In-vitro-Fleisch wird so hergestellt: Van der Schaft schneidet ein Stück Muskelgewebe aus einem Tier und dreht es so lange in einer Zentrifuge, bis es sich unter Zugabe von Chemikalien in seine Bestandteile zerlegt. Dann nimmt sie die Muskelzellen und legt sie in eine Nährlösung. Die Lösung samt Zellen wiederum stellt sie in einen Brutschrank, bei exakt 37 Grad und einer genau berechneten Mischung aus Kohlendioxid und Sauerstoff. Das Klima im Schrank gaukelt den Zellen vor, sie lägen nicht in einer Petrischale, sondern seien immer noch Teil eines lebenden Körpers. Jetzt noch verschiedene Nährstoffe dazu, Glukose, Aminosäuren, die sollen den Stoffwechsel anregen. Wenn die Mischung stimmt, teilen und vermehren die Zellen sich. So entsteht neues Muskelgewebe.
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In der Petrischale, die Daisy van der Schaft hält, schwimmen zwei briefmarkengroße, milchfarbene Zellstoffe, die aussehen wie Klettverschlüsse. Darauf lassen sich Muskelzellen besonders gut züchten, denn die sollen nicht flach wie Papier werden, sondern faserig und plastisch, wie echte Muskeln. Im Augenblick erkennt man, mit viel Mühe, eine hauchdünne Schicht durchsichtigen Glibbers, zwei Millimeter breit und kaum einen Zentimeter lang. Soll das jetzt Fleisch sein? Sollen wir das etwa essen? »Wir können bisher nur einzelne Lagen von Zellen züchten«, sagt Daisy van der Schaft, »aber schon diese durchsichtige Masse enthält eine Million Muskelzellen!«
Das Labor riecht, wie alle Labors, nach Desinfektionsmittel und frisch gewaschenen Kitteln, es ist so ziemlich das Gegenteil von einem Stall mit lebenden Tieren, und doch passiert hier im Prinzip das Gleiche: Aufzucht und Wachstum von Organismen. An Essen denkt man allerdings nicht mal ansatzweise. Der Inhalt der Schale sieht so appetitlich aus wie ein Stück Quallencarpaccio. Trotzdem, und da muss die Professorin lachen, redet sie im Labor wie in einem Restaurant. »Gibt es das auch mit Schwein?«, fragt sie einen Techniker. Nein, sagt der, »Schwein ist aus, im Moment gibt’s nur Mäuse. Aber neue Zellen sind schon nachbestellt.«
Bis im Brutschrank alles so gedeiht, wie die Forscher das wollen, ist es noch ein langer Weg. In Eindhoven sind sie seit mehr als vier Jahren damit beschäftigt, probieren verschiedene Nährlösungen aus und regen die Muskeln mit leichten Stromstößen zum Wachstum an. Daisy van der Schaft macht einen Inkubator auf, noch mehr Petrischalen mit Mäusemuskelzellen. Der Unterschied: Hier bewegt sich der Boden der Zuchtschalen mechanisch auf und ab wie bei einem Blasebalg. »Muskeln müssen trainiert werden«, sagt van der Schaft, also werden die Zelllagen gedehnt und zusammengedrückt, eine Art Fitnessstudio für künstliche Mäusemuskeln. Bis sich darin ein Steak züchten lässt, also ein ganzer Muskel mit Blutgefäßen und Fettmaserung, wird es noch etwas dauern, im Moment ist erst mal so etwas Ähnliches wie Hackfleisch das Ziel: Das geht leichter, weil man dafür viele kleine Fasern zusammenfügen kann.
Das Interesse an van der Schafts Arbeit steigt. »Ich stelle mein Projekt schon lang auf Konferenzen vor«, sagt sie, »bis vor Kurzem haben viele Kollegen es noch für einen Witz gehalten, dass Fleisch für Hamburger eines Tages gezüchtet werden kann. Inzwischen hören mir alle zu.« Ein Teil des Geldes, das ihr Labor für die Forschung braucht, kam in den letzten Jahren übrigens von einer holländischen Wurstfirma.
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22 Uhr 29
Beste Gruesse an die Zukunft!
20 Uhr 19
13 Uhr 14
22 Uhr 20
Deutlich wird hier wieder der "Bio-Hype": Zusatzstoffe werden ohne nachzudenken verurteilt (ohne sich vorher über deren Sinn und Zweck zu informieren), Gentechnik wird grundsätzlich abgelehnt weil man keine Ahnung von der Thematik hat. Dass Kunstfleisch keine Akzeptanz finden wird ist schon jetzt klar, denn keiner denkt ernsthaft darüber nach und sieht die Möglichkeiten die neuartige Entwicklungen/Technologien bieten.
17 Uhr 16
15 Uhr 13
siehe auch : http://www.lebensmittelklarheit.de/cps/r...
Auch den Begriff "Bio" finde ich an sich schon pervers, Lebensmittel als "bio" - also sozusagen "normal" - zu bezeichnen, im Gegensatz zu all den manipulierten Kunstprodukten, die man uns als Lebensmittel anzudrehen versucht, und alles unverfälschte dafür dann zu einem gewöhnlich höheren Preis zu verkaufen - - - verkehrte Welt!!
15 Uhr 01
14 Uhr 15
Ekelhaft finde ich dagegen, angesichts der regelmäßigen Fleischskandale, nur das echte Fleisch.
14 Uhr 11
13 Uhr 26