Lernen von den Samurai

Es ist heiß in Tokio. Heiß wie in einem Backofen. Heiß wie im Inneren eines Vulkans. Um sich gegen die Sonne und die Hitze zu schützen, entdecken die Menschen in Tokio die Klimaanlagen des 17. Jahrhunderts neu.


Schwitzend an Edo denken

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie heiß es hier ist? Es ist heiß. Heiß wie in einem Backofen. Heiß wie im Inneren eines Vulkans. Heiß wie in Tokio mitten im August. Dumm, dass uns immer noch gesagt wird, wir sollen doch bitte weiterhin Energie sparen und die Klimaanlagen auslassen (dabei weiß niemand, ob dem Energiespar-Gerade überhaupt noch Glauben geschenkt werden darf). Jedenfalls schwitzen die Menschen. Und während der Schweiß in Strömen über ihre Gesichter in ihren Business-Dress und ihre Anzüge läuft, besinnen sie sich, diese schwitzenden Horden, auf die alte Edo-Zeit.

Kühler Hauch der Geschichte
Die Edo-Periode dauerte von 1603 bis 1868. Edo ist der alte Name von Tokio. Und Edo war schon damals eine der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt. Deswegen weist die Edo-Kultur auch eine traditionelle Großstadtkultur auf. Und die kann problemlos in unsere moderne Großstadtkultur integriert werden. Um sich gegen die Sonne und die Hitze zu schützen, ließen die Menschen grünen Efeu vor ihren Fenstern wachsen. Sie benutzen Scheiben aus rotem Glas und gläserne Windspiele. Wer in diesem August in Tokio kurz den Kopf hebt, dürfte sich ein bisschen in die Edo-Zeit zurückversetzt fühlen. Die Ideen unser nichtelektrisierten Vorfahren wehen als angenehm kühler Hauch der Geschichte um unsere Köpfe.

Samurais in Kimonos
Edo war die letzte Epoche der japanischen Geschichte, in der unsere charakteristische Kultur noch nicht komplett mit der westlichen Kultur vermischt wurde. Es war letzte Epoche der Samurais in Kimonos und so. Weil ich davon ausging, diesen Sommer sehr viel mehr mit Edo in Berührung zu kommen als bisher, habe ich meinen Freund Nagi Ijima besucht. Nagi ist ein Kimono-Spezialist, er schreibt Essays über das Thema und gibt stets ausgebuchte Seminare, wie der Kimono richtig getragen wird. Auch ich habe einen Kurs besucht, er hieß: "Wie trage ich den Yukata mit Eleganz." Der Yukata ist die Casual-Version des Kimono, eine Art Bademantel, wenn man so will. Ich war bislang ein typischer Japaner moderner Ausprägung und wusste zwar so ungefähr, wie man einen Yukata trägt, allerdings nicht, wie der "Yukata mit Eleganz" getragen wird. Bei mir sah es auch immer aus, als trüge ich einen Bademantel.

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Nur den Kragen lockern
Nagi machte uns mit sehr viel interessanten Tatsachen vertraut. Eine davon: "Ihr werdet es kaum glauben, aber der Yukata sorgt für eine gewisse Kühlung, wenn ihr ihn nur richtig und traditionell tragt. Sehr ihr? Ihr müsst nur den hinteren Teil des Kragens etwas lockern. Es gibt Schlitze an der Seite, die Luft kann durch die hindurchströmen, zudem solltet ihr am besten barfuss auf Holzschuhen laufen." Traditionelle Yukatas sind aus zweifarbiger Baumwolle, indigo und weiß. Das sieht schon kühler aus als andere Farbkombinationen, so raunen die Alten. "Falls ihr Angst habt, bei einem weiteren Erdbeben den Halt zu verlieren, könnt ihr anstatt der Holzschuhe natürlich auch westliche Sandalen anziehen", fügte Nagi der Witzbold hinzu.

Neue Berührungspunkte
Ich finde es großartig, alten Traditionen und praktische Errungenschaften der Moderne auf diese Weise zu mischen. So viele neue Berührungspunkte mit dem althergebrachten Japan. Ich habe es wirklich genossen. Fast hoffe ich, dass ich jetzt noch mehr schöne Dinge entdecke, für die mein Land einst stand. Denn ich habe mich in den letzten Monaten, nach den Katastrophen und den vielen Debatten, nach allem, was über uns hereingebrochen sind, schon oft gefragt, was genau an meinem Heimatland wirklich liebenswert ist.

Apropos. Herzlichen Glückwunsch nachträglich an Nadeshiko Japan, die japanische Fußballnationalmannschaft der Frauen. Was für eine große Errungenschaft der Spielerinnen.