Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 12°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 41/2011 Bayern

Die Geschichte von Daisy und Toni

Gabriela Herpell  Fotos: Bert Heinzlmeier

Im tiefsten Bayern leben zwei Prinzessinnen, glücklich und zufrieden. Ihr Leben lang sind sie beieinandergeblieben, bis heute gehen sie fleißig ihrer Arbeit nach: die Schwestern Thurn und Taxis. Besuch bei einem ungewöhnlichen Paar.


Anzeige
Im Wald südlich des Starnberger Sees sind sie seit ihrer Kindheit zu Hause: die Schwestern Margarethe (l.) und Antonia von Thurn und Taxis.


Wären sie ein Ehepaar, würden sie Kronjuwelenhochzeit feiern, 75 Jahre teilen die beiden nun Haus und Hof. Aber sie sind kein Ehepaar, sondern Schwestern. Prinzessin Antonia ist 75, Prinzessin Margarete 78 Jahre alt, sie sind geborene von Thurn und Taxis, und für Schwestern, auch wenn sie das ganze Leben beieinandergeblieben sind, gibt es keine Jubiläen.

Am Sonntagmittag um 12 Uhr parkt Prinzessin Antonia den dunkelblauen BMW vor der »Schlossgaststätte Hohenberg«. Die Prinzessinnen kommen gern früh, bevor die Autos aus ganz Bayern vor der Tür stehen und es in der Stube so voll ist, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Das Gasthaus ist gut besucht, dabei kommen die Leute nicht wegen der Prinzessinnen, die wenigsten wissen überhaupt, dass sie hier leben. Die Ausflügler kommen, weil die Landschaft rund um die Osterseen und südlich des Starnberger Sees so wild und schön und einzigartig ist. Moorwiesen und kleine Seen, sanfte Hügel von einem tiefdunklen Grün, die der Würmtal-Gletscher in der letzten Eiszeit geformt hat, Mischwälder, Buchen mit Kronen so breit, dass fünfzig Kühe darunter Schatten finden.

Oberhalb der Wirtschaft, umgeben von dichtem Wald und von der Straße nicht zu sehen, liegt Schloss Hohenberg. Dort sind die Prinzessinnen auf die Welt gekommen, und dort haben sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht, bis sie den Besitz 1999 ihrem Neffen und Patenkind vermachten, Emmeram Prinz von und zu Liechtenstein, dessen Mutter auch eine Thurn und Taxis war: die Schwester von Johannes, Glorias Mann. Für ihre alten Tage haben sie sich am Waldrand ein Austragshäusl gebaut, aus Hohenberger Holz; es war immer ihr Traum, in einem Holzhaus zu leben.

Die Prinzessinnen nehmen in ihrer angestammten Ecke Platz, Antonia wie immer rechts von Margarete. Prinzessin Antonia, zuständig für die Konversation, gibt die Worte der Kellnerin an ihre Schwester weiter: »Möchte sie Kalbszunge probieren?« Die beiden siezen sich. »Es ist das kleine Sie«, erklärt Antonia, »man spricht miteinander in der dritten Person. ›Gibt sie mir mal bitte das Salz?‹ Aber das gibt es nur noch in der engsten Verwandtschaft.«
Anzeige

Prinzessin Margarete bleibt beim Tafelspitz, keine Experimente bitte. Wenn die Schwestern erzählen, wie sie stets in aller Herrgottsfrühe aufgestanden sind und lange schon verlernt haben auszuschlafen, ergänzen sie sich gegenseitig, ständig. Und führen vor, wie man sich unterbricht, ohne sich ins Wort zu fallen, so eingespielt sind sie. Sie nennen sich Toni und Daisy; Daisy ist der englische Name für die Margaretenblume.

Antonia:
Als der Vater gestorben ist, hat Daisy den Jagdschein gemacht, die Jagd und die Landwirtschaft übernommen, ich habe den Forst gemacht. Sie ist ja schon in aller Früh auf die Jagd gegangen.
Margarete: Ich musste um vier Uhr im Wald sein. Und dann heim, und die Landwirtschaft ist angegangen. Kuhstall, Viecher melken. 25 bis 30 Stück Kühe, entsprechend Jungvieh. Und Pferde. Vater hat fast alles mit Pferden gemacht.
Antonia: Der Wald ist nicht so groß, 105 Hektar. Ich bin rausgegangen zum Holzmessen.
Margarete: Sie hat die Bäume ausgesucht, die geschlagen wurden.
Antonia: Und dann hab ich das Holz ausgerechnet und mit den Käufern verhandelt.
Margarete: Der Vater wollte den Wald haben wegen der Tiere. Er wollte sie anschauen, nicht jagen.
Antonia: Mit Gästen ist er oft rausgegangen, um ihnen ein Reh zu zeigen oder einen Fuchs.
Margarete: Man lebt ja hier und sieht die Kitze auf der Wiese herumsausen. Die möchte man nicht gern schießen.

Antonia: Daisy hatte jemanden mit zur Jagd, er hat die Kitze und Geißen schießen müssen. Wie die Mutter 1991 so krank geworden ist, konnte Daisy nicht mehr jagen.
Margarete: Die Mutter war zwei Jahre bettlägerig, man musste sie aus dem Bett heraus- und hineinheben, das ging nur zu zweit. Da habe ich die Jagd verpachtet.
Antonia: In den zwei Jahren hatten wir nicht eine Minute jemanden Fremden da, haben alles ganz allein gemacht.
Margarete: Eine 30 Meter lange Schnur mit einer Glocke daran haben wir uns in den Garten gelegt. Dass wir’s hören konnten, wenn sie geläutet hat. Und dann sind wir gesaust.
Antonia: Die Mutter hatte einen Herzinfarkt – und Herzwasser.
Margarete: Am Schluss ist das Wasser nicht mehr weggegangen.
Antonia: Wir haben ihr versprochen, dass sie in kein Altersheim oder Pflegeheim muss.

Margarete: Wir hingen an den Eltern und hätten uns ein Leben anders nicht vorstellen können. Die Frage hat sich natürlich gestellt: Wenn eine von uns heiraten würde, wo blieben da die Eltern?
Antonia: Daisy war mal verlobt.
Margarete: 1960 war das, und 1961 wieder entlobt.
Antonia: Es war nie der Richtige.
Margarete: Weil alle anders waren. Alle nicht so wie wir.

Antonia: Wir sind wirklich unkompliziert. Die Leute meinen immer: »Ui, die Prinzessinnen.« Und wenn sie uns dann kennen: »Ach, die sind ja gar nicht so.«
Margarete: Wir sind mit den Bauernkindern in die Schule gegangen, sind aufgezogen worden wie auf dem Bauernhof. Da leben die Alten auch noch zusammen. Wir sind nicht lang gefragt worden, wir haben’s gemacht.
Antonia: Den Haushalt haben wir immer zusammen erledigt.
Margarete: Toni macht kalte Küche, Salate und Suppen.
Antonia: Daisy die Braten. Und backt.
Margarete: Nur keine Weihnachtsplätzchen. Die bekommen wir immer von den Frauen unserer Holzhauer. Jedes Jahr.

Antonia: Aber jede hat auch ihren Beruf gehabt. Darauf hat der Vater bestanden. Ich bin Damenschneidermeisterin. Sie ist Säuglingskrankenschwester. Ich war zwei Jahre in München, habe im Modesalon genäht.
Margarete: Der Bruder ist Kunstschlossermeister, konnte mit der Landwirtschaft nichts anfangen.
Antonia: Der Vater ahnte, dass er verkaufen würde, und hat uns gefragt, ob wir weitermachen täten, und wir haben gesagt: »Freilich.« Im Testament hat er uns Hohenberg dann vererbt.
Margarete: 1964, da war ich 31. Vaters Heiligtum – das wäre gar nicht gegangen für uns, das herzugeben.
Seite 1 2
Gabriela Herpell

macht selbst gern Ausflüge in die Gegend um die Osterseen herum. Außer der »Schlossgaststätte Hohenberg«, in der man herrlich Radisalat mit kalter Ochsenbrust isst, empfiehlt sie Fischer Lidl in Seeshaupt, der frische und geräucherte Renken verkauft.

  • Bayern

    Der Himmel der Bayern

    Das unheimliche Wachstum der Therme Erding: Wie aus einem Acker bei München Europas größtes Erlebnisbad wurde.

    Rainer Stadler
  • Anzeige
    Bayern

    Nüchtern betrachtet

    Warum sollte die Globalisierung vor Brauchtum Halt machen? Ein Besuch in dem Land, aus dem fast jede original bayerische Lederhose kommt - Sri Lanka.

    Roland Schulz
  • Bayern

    Es stinkt zum Himmel

    Seit drei Jahren leiden die Menschen im oberbayerischen Piding: Ein übler Geruch hängt im ganzen Ort - und keiner weiß, woher er kommt.

    Lara Fritzsche