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aus Heft 41/2011 Frauen

»Mit dem Wort Glück hab ich wenig am Hut«

Seite 4: Wer gegen das Altern ankämpft, altert bloß, ohne zu reifen.

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Peter Rigaud (1)/ DPA (3)

Mord, Sucht, Suizid: Werden Sie schlau aus sich, wenn Sie auf Ihre Männer zurückblicken?
Dass meine Beziehungen nicht geglückt sind, hat natürlich auch mit mir zu tun. Man ist schon auch der Auslöser dessen, was einem widerfährt. Dass ich mit Suchtcharakteren zusammen war, wird wohl kein Zufall gewesen sein. Ich war ja auch suchtkrank. Magersucht ist eine Art Todestrieb. Man weiß sehr genau, dass man sich selber zerstört, kriegt aber trotzdem keinen Bissen hinunter.

1985 notierten Sie in Ihr Tagebuch: »Es graut mir vor der Bühne. Ich komme vor Ekel um.« Was löste Ihre Krise aus?
Ich war 40 Jahre lang am Burgtheater und habe wohl fast 3000 Vorstellungen gespielt. Nachträglich weiß ich, dass ich nie der prototypische Schauspielermensch war. In Kritiken wurde mir oft vorgeworfen, ich sei immer ich selber. Das stimmt auch, ich hatte nie diese Lust, mich von mir zu entfernen und in eine andere Gestalt zu klettern. Ich fand es schöner, in einer Figur neue Facetten von mir selbst zu entdecken, statt vor lauter Rollen nicht mehr vorhanden zu sein. Sich auf der Probe anfetzen, dass man schreien und heulen muss, war auch nie meines. Weil sich das Gefühl von Fron einstellte, bin ich ausgebüxt.

Sie begannen, Romane zu schreiben und eigene Lieder zu singen. André Heller sagt über das Timbre Ihrer Stimme: »Hätte die Pluhar nicht darauf bestanden, ausschließlich eigene Lieder zu singen, hätte sie als Sängerin eine Weltkarriere gemacht.«
Das Lob meiner Stimme begleitet mein Leben und ist mir nicht unangenehm. Aber diese Sucht, unbedingt eine sogenannte Weltkarriere anzustreben, war mir seit jeher fremd. Mein gesanglicher Weg ist mir nach zwanzig CDs erfolgreich genug. Es gibt reichlich Menschen, die meine eigenen Lieder lieben – und nicht die einer zweiten Marlene Dietrich. Die gab’s ja schon.

Die alte Marlene Dietrich verhüllte in ihrem Pariser Apartment die Spiegel. Was empfinden Sie heute beim Blick in den Spiegel?
Natürlich nehme ich das Welkwerden wahr, und es braucht ein bissel, bis mein inneres Empfinden sich in der alt gewordenen Frau wiedererkennt, die mich im Spiegel anschaut. Aber Schönheitsoperationen machen alles nur schlimmer. Sich das Alter mit dem Skalpell entfernen zu lassen ist eine Entwürdigung des Älterwerdens. Wer gegen das Altern ankämpft, altert bloß, ohne zu reifen. Ich habe bei Menschen nie nach Schönheit Ausschau gehalten. Etwas Kühnes tun oder ein bissel Leben hinter sich bringen: Dann kann aus einem Gesicht was werden. Vielleicht ist es auch gescheiter, sich nicht makellos zu fühlen. Solche Menschen tendieren zur Oberflächlichkeit.

Altert auch das Glück?
Mit diesem Wort hab ich wenig am Hut, aber wenn schon, dann beschert mir heute die Natur die stärksten Glückserfahrungen, der Atlantik in Portugal zum Beispiel.

Wie verbringen Sie Ihre Abende?
Ich schaue mir Filme im Fernsehen an, manchmal vier hintereinander. Ich bewundere die alten Frauen vergangener Jahrhunderte, die abends gestickt haben und das Pendel der Uhr hörten. Wir haben es schon ganz gut mit dem Fernsehen.

Die 94-jährige Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich sagt: »Die Libido erlischt erst ganz in unserer Sterbesekunde. Ich habe ein mildes Verhältnis zu meinen sexuellen Fantasien und sage mir, ach, mein Kind, du bist halt ein wenig zu alt, um das noch in die Tat umzusetzen.«
Frau Mitscherlich hat recht. Es ist ein Irrglaube, dass sexuelle Fantasien im Alter verschwinden. Eine Freundin von mir arbeitet in einem geriatrischen Zentrum. Da treiben fast Hundertjährige es noch miteinander in irgendeiner Form. Auch ich empfinde nach wie vor erotisch, nur die Liebesgeschichten, die sind mir zu blöd geworden. Ich verstehe gar nicht mehr, dass mir die Komplikationen mit Männern mal so wichtig waren. Da hätte ich mir einiges an sinnlosen Agonien und Selbstaufgaben ersparen sollen. Zu jemandem zu gehören; mir sicher zu sein, geliebt zu werden; mich in den Armen eines Mannes geborgen zu fühlen, ein ewiges Paar zu sein: Rückblickend schüttele ich über solche Sehnsüchte den Kopf, weil ich weiß, dass es das letztlich nicht gibt.

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In der Bibel gibt es das Wort »lebenssatt«. Haben Sie diesen Zustand erreicht?

Ich denke öfter: Jetzt reicht’s, ich mag nicht mehr! Aber dann sagt eine Stimme in mir: Wie kokett von dir. Du willst doch noch gar nicht sterben.

Gibt es Tage, an denen Sie nicht an den Tod denken?
Ich glaube, nein. Am gefährlichsten sind die ersten dreißig Minuten am Morgen, weil man mit dem Gefühl aufwacht: Was willst du diesem Leben noch abgewinnen? Deine Liebsten sind gegangen, und die Zukunft ist nicht mehr da. Nichts mehr nötigt dich zu bleiben. Du gehörst nur noch dem Warten auf den Tod. In diesen Momenten muss ich wirklich um meine Lebenskraft kämpfen.

Haben Sie Frieden mit sich geschlossen?
Eine gewisse Schrulle bin ich schon, aber ich habe mich recht gern gewonnen. Ich finde mich oft blöd, ja, aber mit aller Zuneigung.

Zur Person:
Wenn jemand nach vierzig Berufsjahren seinen Abschied vom Theater erklärt, winken meist nur noch ein Memoirenvertrag und Auftritte im ZDF-Fernsehgarten. Erika Pluhar, 72, gelang eine Folgekarriere als Chansonsängerin und Romanautorin. Zum Star des Wiener Burgtheaters wurde sie in den Sechzigern durch ihre Schnitzler- und Strindberg-Rollen, ihre Filmkarriere begann 1968 mit Helmut Käutners Bel Ami. Ende der Siebziger gehörte die Wienerin zu den Frauen, die den Stern wegen sexistischer Titelblätter verklagten. »Ich galt als schreckliche Emanze«, sagt sie. »Wenn ich in einen Raum kam, haben Ehemänner ihre Frauen an sich gerissen, damit sie nicht mit mir in Kontakt gerieten.«
1962 heiratete Erika Pluhar Udo Proksch, einen kleinen Mann mit klobigem Gesicht, dem die Frauen hinterherliefen, wie sie sagt. Proksch war Wiener Gesellschaftslöwe, Alkoholiker, Macho. Um Geld von der Versicherung zu kassieren, ließ er einen Frachter in die Luft sprengen. Wegen Mordes an sechs Seeleuten wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.
1970 heiratet Erika Pluhar André Heller. Mit 19 Jahren hatte der sein Erbteil aus der Schokoladenfabrik Heller für einen Film verpulvert, der niemals in die Kinos kam, ihm aber die Gelegenheit gab, Erika Pluhar vorgestellt zu werden. Heller ist österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Autor und Schauspieler.
Für ihre dritte Liebe, den Schauspieler Peter Vogel, verließ Erika Pluhar André Heller 1973. Vogels Frau Gertraud Jesserer wiederum zog bei Heller ein. Die Beziehung zu Vogel schildert Erika Pluhar als sehr beglückend, aber viel zu kurz. Vogel war suchtkrank und setzte seinem Leben 1978 mit einer tödlichen Spritze selbst ein Ende.

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Sven Michaelsen

, 53, erfuhr beim Treffen mit Pluhar, dass ihr Exmann Udo Proksch Gründer des »Clubs der senkrecht Begrabenen« war. Um auf Friedhöfen Platz zu sparen, sollten die Leichen in Plastikröhren von einem Meter Durchmesser senkrecht in den Boden eingelassen werden. Der Werbeslogan für diesen Stehplatz der letzten Ruhe lautete: »Wir lassen uns nicht aufs Kreuz legen!«

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