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aus Heft 41/2011 Gesellschaft/Leben

Pfoten weg

Peter Praschl  Illustration: Dirk Schmidt

Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel.


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Nehmen wir an: Es gibt keine Vergewaltigungen mehr. Die Gehirnchemie der Menschen hat sich über Nacht verändert. Oder Gott endlich Erbarmen. Oder ein Journalist hat es sich ausgedacht, wider besseres Wissen, einen Artikel lang. Keine Vergewaltigungen mehr, keine einzige.

Sex ist endlich friedlich. Ein Vergnügen zwischen freien Menschen, kein Mittel, einen anderen zu beherrschen. Er findet nur statt, wenn zwei (oder wie viele auch immer) es wollen. Um einander zu genießen, Lust zu machen, zu trösten, Babys zu zeugen, egal. Aber nicht mehr gegen eines anderen Menschen Willen. Ein Nein ist ein Nein. Man muss nicht einmal groß darüber reden, man merkt es auch so.

Keine Frau denkt mehr nachts über die Schritte in ihrem Rücken nach. Oder über den Mann, der im Wartehäuschen auf den Nachtbus wartet. Den Nachhauseweg. Das Parkhaus. Die paar Meter in der Tiefgarage bis zum Aufzug. Darüber, ob sie hysterisch ist, wenn sie sich fragt, ob es sicher ist.

Wie soll man eine Welt ohne Vergewaltigungen beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.
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Manchmal, wenn man ihnen vertraute, wurde den Männern aus dem Abgrund erzählt: Geschichten von niedergedrückten Armen; oder wie ein Ex ihren Kopf zwischen seine Beine drückte und nicht mehr losließ, ihr Würgen, ihren Ekel, ihre Panik nicht zur Kenntnis nehmend, hinterher verwundert über ihre Schockiertheit: Warum regst du dich bloß so auf?

Beim Zuhören wurde einem immer ganz klamm. Auch, weil man sich halbwegs ausrechnen konnte, um wie viel klammer ihr in dieser Situation gewesen sein musste. Im Blick, mit dem sie es erzählte, stand die Erinnerung an eine Einsamkeit, die Angst machte. Oh Gott, sagte man, tut mir leid, sehr viel mehr fiel einem nicht ein. Ist lange her, sagte sie, doch man sah ihr an, dass das nicht stimmte, dass es nie lange genug her sein würde. Bei anderen ahnte man, dass etwas nicht stimmte, weil sie sich sichtlich unangenehm fühlten, wenn man sie an einer Stelle streichelte, an der ihr Körper sich an etwas zu erinnern schien, bitte nicht meinen Hals, kann ich nicht. Man fragte nicht nach, schließlich spürte man, wenn man besser nicht fragen sollte.

In ihrer Welt bekamen die Männer von Vergewaltigungen kaum etwas mit. Hin und wieder lasen sie etwas in der Zeitung, wahrscheinlich übersah man die meisten Meldungen. Wenn es sich nicht um prominente Opfer oder Verdächtige handelte, blieben sie kurz, ein paar Zeilen, in denen nicht viel stand. Man war froh, nicht mehr über die Einzelheiten zu erfahren. Das Wissen selbst wäre einem vorgekommen wie eine Art Gewalt; als hätte man einen fremden Menschen bedrängt, indem man von den Details seines Leidens wusste.

Über das Allgemeine konnte man sich informieren. Darüber, wie viele Vergewaltigungen und schwere sexuelle Nötigungen in Deutschland gemeldet wurden (2010: 7724 Fälle). Wie hoch die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Vergewaltigungen war (zwei- bis hundertmal höher, die Schätzungen gingen weit auseinander); wie viele Frauen in ihrem Leben schon einmal vergewaltigt oder sexuell genötigt worden waren – 14,5 Prozent, anderen Untersuchungen zufolge noch mehr. Es war eine bedrückend hohe Zahl. Sie bedeutete auch: dass es wahrscheinlich in der eigenen Umgebung Frauen gab, denen eine Vergewaltigung widerfahren war. Und dass man Männer kennen musste, die eine Frau vergewaltigt hatten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Man schob solche Ahnungen gleich wieder weg, anders hätte man es nicht ausgehalten. Das Sicherheitsprivileg von Männern: Es konnte einem vieles passieren, aber das nicht. Was für eine abwegige Idee, zum Beispiel dass der Mensch, mit dem man lebte, einem seinen Körper aufdrängte, die Arme aufs Bettlaken drückte, einen behandelte, als hätte man nichts mitzureden: Sei still, du willst es doch auch.

Frauen aber konnte das jederzeit widerfahren, jeder von ihnen, in jeder Art von Lebenssituation und Beziehung. Bei keiner Art von Mann konnte man sich wirklich sicher sein, er konnte Jahre mit einem gelebt, man konnte sich gut mit ihm verstanden haben, er konnte dennoch zum Vergewaltiger werden.

In der Gedankenspiel-Welt, in der es keine Vergewaltigungen mehr gibt, muss keine Frau mehr darüber nachdenken, dass jemand sich an ihrem Willen vorbei über ihren Körper hermachen könnte. Kein einziger Gedanke mehr, wie sie sich davor schützen soll und wie sich wehren, falls einer es versucht. Diese Gedanken waren zwar völlig sinnlos gewesen, weil man sich vor Vergewaltigungen durch Nachdenken nicht hatte schützen können, denn wie immer eine Frau sich verhielt, es konnte sie treffen. Man redete ihr zwar ein, dass Männer durch Signale provoziert würden, doch die Kriminalakten besagten etwas völlig anderes: Den Vergewaltigern konnte alles zum Signal werden. Wenn eine selbstbewusst war, traf es sie vielleicht, weil einer ihr das Selbstbewusstsein ein für alle Mal austreiben wollte; wenn eine schüchtern war, traf es sie, weil von ihr kein Widerstand zu erwarten war. Dennoch dachte etwas in den Frauen immer wieder darüber nach: Wie komme ich nach Hause? Kann ich da hin? Kann ich mit dem mit, was macht er, wenn ich ihm sage, dass ich doch nicht will? Es waren nicht wirklich Gedanken, eher Beklemmungen, eine Witterung, eine Beunruhigung. Frauen gingen nachts nicht allein nach Hause, auch wenn sie dazu Lust gehabt hätten. Sie deponierten vor Dates bei Freundinnen, wie man sie finden könne, falls man nichts mehr von ihnen hörte. Sie schauten auf den Boden, wenn nachts ein betrunkener Mann in den Bus stieg, bloß unsichtbar bleiben. Ruf mich an, ich hol dich ab, sagten sie zu ihren Töchtern, tu mir den Gefallen. Sobald es um ihre Töchter ging, war übrigens auch in den Vätern die Ahnung gleich wieder da, wie nahe der Abgrund war. Und dass man nie wirklich wissen konnte, was in Männern rumorte.

Jetzt, in der Welt, aus der die Vergewaltigungen verschwunden sind, fährt eine Frau nachts im Hotelaufzug zu ihrer Etage hoch und denkt sich nichts dabei, wenn ein Mann zusteigt. Jetzt zieht sie nachts noch einmal los. Jetzt betritt sie jede Bar, jede Kneipe, jede Straße, auf die sie Lust hat. Jetzt sagt sie ihrer Tochter: Viel Spaß, amüsier dich. Jetzt reist sie, wohin sie will. Jetzt sagt sie einem neuen Liebhaber, wenn sie dann doch keine Lust hat: Nein – und zögert nicht dabei. Jetzt sagt sie ihrem Ehemann, wenn sie noch immer keine Lust auf ihn hat: Nein, und weiß: Sie handelt sich vielleicht anstrengende Gespräche ein, aber niemand wird sich über ihren Körper hermachen. Sie muss nicht mehr daran denken, ihren Körper zu schützen.

Diese eine Sekunde fehlt, die bisher immer wieder da war: diese Sekunde, in der sie die Lage abcheckte, die Männer in ihrer Umgebung, die Stimmung des Mannes, mit dem sie sich eingelassen hatte; diese Sekunde, in der sie sich fragte, ob sie vielleicht übertrieb. Sie kann bleiben, wie sie ist, sie selbst: Ja sagen, Nein sagen, gar nichts sagen – es wird ihr nicht schaden.

In einer Welt ohne Vergewaltigungen müssten Frauen ihre Witterung nicht mehr haben, keinen bangen Augenblick lang. Sie wären in derselben Welt, in der Männer immer schon sind. Es würde sich nicht wirklich viel ändern. Und doch etwas Entscheidendes: Dieser eine Abgrund würde nie wieder Menschen verschlucken.

Wird nicht geschehen, ist ja bloß ein Gedankenspiel. Kann man sich nicht wirklich vorstellen, nicht einmal einen Artikel lang. Vielleicht sollten Männer öfter darüber nachdenken, dass sie in einer Welt leben, in der es Vergewaltigungen gibt.


Peter Praschl

, 51, kann sich noch dunkel an Bundestagsdebatten in den frühen Achtzigern über Vergewaltigung in der Ehe erinnern. Eine gar nicht so seltene Auffassung damals lautete: Kann es nicht geben, schließlich hat die Frau doch schon bei der Heirat ein für alle Mal Ja gesagt.

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