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aus Heft 41/2011 Meikes Reisebüro

Seufz

Seite 2: »Meine Vorgeschichte ist uninteressant, es kommt auf andere Dinge an: Bin ich freundlich, offen, mutig, anständig?«

Meike Winnemuth  Illustration: Dirk Schmidt

Dieses Ausprobierenkönnen, das ja das Leitmotiv dieses Jahres ist – zwölf Städte in zwölf Monaten –, empfinde ich ohnehin als das größte Geschenk. Ungebremste Neugier in alle Richtungen auszutoben, einfach stromern gehen zu dürfen, offen für Überraschungen und Erschütterungen zu sein, nicht immer schon vorher alles wissen zu müssen, wie ich es mir in den letzten Jahrzehnten mit immer geringer werdender Fehlertoleranz antrainiert habe – na sicher, all das hätte ich auch zu Hause haben können. Aber meine Versuchsanordnung macht die Sache um einiges spannender: In zwölf verschiedene Reagenzgläser getunkt zu werden sorgt für unberechenbare Reaktionen. In Buenos Aires war ich ungewohnt verfressen und genusssüchtig, in Shanghai berauscht vom Tempo der Stadt, in Honolulu lethargisch. In San Francisco und London hatte ich alle Antennen weit ausgefahren und war empfänglich für die seltsamsten Koinzidenzen und Synchronizitäten; ich fühlte mich fast überschüttet von Ideen, Erkenntnissen, Querverbindungen. Auf einer Weltreise wird man zu einer Zusammenhangsmaschine. Man klöppelt die entferntesten Orte, Zeiten und Personen zu einem schönen dichten Netz zusammen und lässt sich hineinfallen wie in eine Hängematte.

Du fragst, ob ich mich nicht manchmal allein fühle. Ja, manchmal. Aber selten. Und nicht alleiner als zu Hause, eher im Gegenteil. Denn zu Hause sind Beziehungen aller Art oft wacklige Konstrukte aus alten Gewohnheiten und stumm ertragenen Abhängigkeiten, ein ständiges gegenseitiges Aufrechnen, wer wem was schuldet. Hier draußen wird es wieder ganz einfach. Ich kann es nicht anders beschreiben als: Ich lebe im Präsens und im Indikativ. Meine Vorgeschichte ist uninteressant, es kommt auf andere Dinge an: Bin ich freundlich, bin ich offen, mutig, anständig, weiß ich mich zurechtzufinden? Ich habe wieder gelernt zu fragen, ohne die Antwort schon zu wissen zu glauben, ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten, und bin wieder und wieder gerührt von der Freundlichkeit Wildfremder. Und von der Leichtigkeit, mit der sich neue Verbindungen knüpfen. Wenn ich mich auf eins verlassen kann in diesem Jahr, dann auf diesen ewigen Reigen des Weiterreichens und Weitergereichtwerdens. Ich bin gut aufgehoben hier draußen.

Und danach? Ganz ehrlich: keine Ahnung, es ist noch viel zu früh. Ich habe noch ein Vierteljahr vor mir, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna – da kann (und wird) viel passieren. Jeder Monat mehr kann das Spiel noch mal völlig verändern. Wovor ich komischerweise keine Angst habe: dass dieses Jahr der Höhepunkt meines Lebens sein könnte. Fast im Gegenteil: Die Reise hat mir den Blick geweitet für all die Optionen, die ich habe. Ich habe festgestellt, dass ich mich in vielen Städten wohlfühle, dass ich beinahe überall leben kann. Ich habe unterwegs erstaunlich viele Menschen kennengelernt, die mitten im Leben ganz neue Karrieren begonnen haben, die was gewagt und viel gewonnen haben. Ich sage nicht, dass ich es auch tue, aber das Wissen, dass ich es könnte, macht mich froh und frei. Mein Gott, was alles ginge! Was für ein Glück, so viele Möglichkeiten zu haben, was für ein Reichtum! In San Francisco habe ich einen Tag mit der Freundin einer Bekannten verbracht, einer Psychoanalytikerin, die mit sechzig beschlossen hat, Kunst zu studieren. Abends beim Essen zitierte sie eine Gedichtzeile von Mary Oliver: »Tell me, what is it you plan to do/With your one wild and precious life?« Eine verdammt gute Frage, die ich mir jetzt ebenfalls neu stelle. Das Tolle ist doch, Susanne: Du darfst bis ans Ende deines Lebens immer wieder andere Antworten darauf geben.

Verändert mich dieses Jahr also? Nicht fundamental, nein. Aber es fördert ein paar verschüttete Dinge zutage, glaube ich. Es stellt einiges Verschwommene scharf. Das Hamsterrad, aus dem ich so froh war auszusteigen für ein Jahr? Das habe ich mir selbst zusammengelötet, es ohne fremde Hilfe bestiegen und mit allen Kräften in Gang gehalten. Ich habe wie wir alle oft gestöhnt über all die To-Dos: Blödsinn. Man muss so viel weniger, als man sich eingesteht. Ehrlicher wäre gewesen, ich hätte gesagt: Ich will. Ich hatte mich für das Hamsterradleben entschieden. Und sollte ich in das Rad zurückkehren, dann bewusst und ohne Murren.

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Aber weißt Du, was das für mich Unfassbarste ist? Ich hätte die ganze Zeit tun können, was ich jetzt tue. Es kostet hier draußen nicht mehr Geld als zu Hause, oft weniger, und ich verdiene ja was. Ohne den Gewinn im Rücken hätte ich die Reise in meiner Betriebsblindheit nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen, und jetzt stelle ich fest: Ich hätte das Geld gar nicht gebraucht. Ich hätte jederzeit losziehen können, ich hatte es immer selbst in der Hand. Eine Lehre fürs Leben: sich mehr trauen. Es einfach machen, ohne viel nachzudenken – mit anderen Worten: ohne die üblichen Bedenken.

Deshalb war es auch gut, mich ohne jede Planung, Hals über Kopf in dieses Abenteuer gestürzt zu haben. Ich hatte nur wenige Erwartungen und erlebe deshalb auch keine Enttäuschungen. Hätte ich die Chance gehabt, alles penibel vorzubereiten – ich wäre nicht halb so weit gekommen. Und das Heimweh? Die Momente wie den am Strand von Hawaii? Vielleicht können wir wirklich nicht anders, als die Alternative immer mitzudenken, egal wie glücklich wir gerade sind. Aber wenn ich die Wahl zwischen Fernweh und Heimweh habe, wähle ich das Heimweh und fahre weiter um die Welt. Liebe Grüße an alle zu Hause, Deine Meike

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Meike Winnemuth

, 51, hat gerade beschlossen: So ein Jahr kann nur auf eine Weise zu Ende gehen – langsam. Zu Weihnachten wird sie einen Containerfrachter in Cartagena/Kolumbien besteigen und zwei Wochen später im Hamburger Hafen ankommen. Sie freut sich schon auf den Rum zu Silvester auf hoher See – und auf die Pause von ihrem Blog www.vormirdiewelt.de

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