Anzeige

aus Heft 41/2011 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare

Spül mit dem Feuer

Wenn Sie Ihre Spülmaschine für praktisch halten und sich weiter keine Gedanken machen, riskieren Sie Ihre Beziehung: Nirgends lauert so viel Konfliktpotenzial wie beim Einräumen des Geschirrs.

Von Jan Heidtmann  Fotos: Jan Burwick; Styling: Christoph Himmel




Faustregel I: Die Anzahl der Möglichkeiten, eine Spülmaschine zu bestücken, verhält sich proportional zu den Möglichkeiten, sich darüber zu streiten.


Diese Maschine wurde gebaut, um Probleme zu lösen. Zum Beispiel das mit dem angebrannten Rest Suppe am Topfboden. Oder dem Lippenstift auf dem Weinglas. Manche Menschen benutzen sie auch, um Lachs zu garen: in Plastikfolie verpacken, dann 120 Minuten bei 60 Grad. Nur, bitte, kein Spülmittel verwenden. Eigentlich aber soll das Ding Teller, Tassen und Besteck säubern; rund 200 Einzelteile wurden dafür verbaut, zehn Jahre haben die Ingenieure geforscht und entwickelt. Jetzt sieht diese Maschine fast so gut aus wie der Mann, der sie entworfen hat. Gerhard Nüssler, Chefdesigner für Hausgeräte bei Siemens, weißes Hemd, kurze braune Haare, Augen wie George Clooney, sagt stolz: »Ihre Aufgabe ist es, Geschirr zu spülen. Das macht sie perfekt.«

Doch, das ist das Paradox, schafft die Spülmaschine mehr Probleme, als sie löst. Jeder Büromensch kennt den Zettel in der Gemeinschaftsküche: »Das Geschirr räumt sich nicht von allein ein.« Im Internet wird ausführlich über das gespannte Verhältnis von Spülmaschinenbetrieb und Beziehungspflege debattiert: Auf brigitte.de sorgte allein die kurze Erzählung eines jungen Mannes für eine zwanzig Druckseiten lange Diskussion. Er hatte die Spülmaschine nach einem späten Essen nicht eingeräumt, also machte sie Schluss. Einfach so. Was dann zu tun ist, erklären die Redakteure von Gentlemen’s Quarterly. Punkt 8 ihrer Serie »So retten Sie Ihre Beziehung«: Aufgaben klar verteilen, einer räumt die Spülmaschine ein, der andere trägt den Müll runter. »Geschirrspüler«, sagt Wilhelm Schmid, Autor viel gelesener Sachbücher zum Thema Liebe, »sind prädestiniert dafür, immer wieder ein Streitpunkt in einer Beziehung zu werden.« Die Spülmaschine als Mikrokosmos aus verhärteten Ketchup-Resten, Maschinensalzstand und Drei-Phasen-Tab, in dem sich die großen Regungen der Liebe vor allem zu einem Gefühl verdichten: Zorn?

Man will das eigentlich gar nicht so recht glauben, aber Wolfgang Schmidbauer, Paartherapeut aus München, versteht es schon: »In Beziehungen gibt es keine Kleinigkeiten«, die Machtfrage, um die Paare immer wieder streiten, könne sich an vielen Dingen entzünden. »Da ist die Spülmaschine ein gutes Beispiel.«

Anzeige


Aber warum nicht die Waschmaschine? Der Espressoautomat? Das Bügeleisen? Warum ausgerechnet der Geschirrspüler? Wilhelm Schmids Erklärung geht so: »Die Spülmaschine ein- und auszuräumen ist eine der lästigsten Arbeiten im Haushalt. Und es ist im Vergleich zur Waschmaschine kompliziert.« Während die einfach zu beladen und die Programmwahl eindeutig ist, tun sich beim Geschirrspüler mit jedem Schritt neue Fragen auf: Vorher abspülen, ja, nein? Besteck sortiert oder im Mikado-Stil? Gabeln und Messer mit dem Kopf nach oben? Oder doch nach unten? Was ist mit den Weingläsern? Gemeinsam mit den Tassen? Und wie war das noch mal genau mit den Plastikschüsseln? Weil das sowieso jeder anders hält, geben die Hersteller ihren Geschirrspülern nur rudimentäre Gebrauchsanweisungen mit auf den Weg: Leichtes Geschirr oben, schweres unten. Noch so eine Faustregel, die man sich offenbar merken sollte: Die Anzahl der Möglichkeiten, eine Spülmaschine in Gang zu setzen, verhält sich proportional zu den Möglichkeiten, sich zu streiten. Bei aller Liebe. Oder, um es mit Bruno, dem genervten Protagonisten in Dominik Grafs Film Komm mir nicht nach, zu sagen: »Vor allen Dingen kommen Teller nach vorn, damit hinten Platz für die Töpfe ist. Okay?! Noch nie davon gehört?!« Jo, die Frau in dieser Szene, wendet sich konsterniert ab.

Spricht man Freunde auf das prekäre Verhältnis Mensch–Maschine–Mensch an, weiß fast jeder eine Geschichte zu erzählen: Da ist zum Beispiel die Freundin, deren Charakter sich in ihrer Art, die Spülmaschine einzuräumen, spiegelt: unfassbar chaotisch; der Ehemann, der den Salat mit Walnüssen garniert, deren Reste die Düsen des Spülarms verstopfen; das Geräusch des Rotors, der einem nachts den Schlaf raubt, weil er in regelmäßigen Abständen über den Boden des Topfes schabt. Wilhelm Schmid hat der Spülmaschine in seinem neuesten Buch Liebe – Warum sie so schwierig ist einen kleinen Abschnitt gewidmet. Er empfiehlt eine Art Hauswirtschaftslehre für beziehungsgestresste Paare: »Wie bestücke ich die Spülmaschine, wie setze ich sie in Gang?«

Der Mensch und sein Alltag sind vielfach beschrieben. Es gibt soziologische Studien zum Wäschewaschen und psychologische Erörterungen des Bügelns. Die Spülmaschine aber ist das einzige unter den alltäglichen Geräten im Haushalt, das noch nicht ausführlich untersucht worden ist. Ein Grund dafür ist sicher, dass sie bis in die 1990er-Jahre noch als Luxusgut galt. Damals hatten nicht einmal die Hälfte der Haushalte eine Spülmaschine, heute besitzen mehr als zwei Drittel der Deutschen einen Geschirrspüler – meist etablierte Paare zwischen 35 und 55. So beschreibt die junge Frau in Judith Hermanns Buch Alice ihre erste Begegnung mit der Spülmaschine auch als »die unfreiwillige Imitation eines anderen Lebens«.

Rainer Stamminger ist, wie er sagt, »fasziniert vom Abwasch«. Er war Entwicklungsleiter für Spülmaschinen bei AEG, vor neun Jahren wechselte er im Range eines Professors an die Universität Bonn, Lehrstuhl für Haushaltstechnik. Gemeinsam mit seinem Doktoranden begann Stamminger wenig später eine groß angelegte Feldforschung: 200 Haushalte in Deutschland, Schweden, Italien und Großbritannien untersuchten die beiden, die Probanden mussten zwei Wochen lang ihren Abwasch schriftlich dokumentieren, dazu den Geschirrspüler vor jedem Betrieb fotografieren.

Kommentare

Name:
Kommentar: