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aus Heft 43/2011 Reise 4 Kommentare

Bei Pater Modistis auf Athos

In der Klosterrepublik leben die Mönche nicht in einer anderen Zeit, aber völlig anders als der Rest der Welt. Ein idealer Zufluchtsort für junge Griechen, die genug von der Krise haben.

Von Alexandros Stefanidis (Text und Fotos)  Illustrationen: Serge Bloch




Das Kloster Konstamonitou besitzt einen eigenen kleinen Hafen (links). Von dort läuft man zwischen Oliven- und Pinienhainen einen Schotterweg hinauf und erreicht nach einer guten Stunde den Klostervorplatz, auf dem ein großer Walnussbaum steht.


Es ist der Tag Ende September, an dem die griechische Regierung zum fünften Mal innerhalb eines Jahres die Steuern erhöht hat. Neben mir auf dem Fährschiff Heilige Anna sitzt Vassilis. 27 Jahre alt, mit 18 Wehrdienst geleistet, mit 24 das Betriebswirtschaftsstudium in Athen abgeschlossen, seit Beginn der Krise vor zwei Jahren arbeitslos. Wir sind auf dem Weg zum Kloster Konstamonitou auf dem »Agio Oros«, dem »Heiligen Berg« der christlich-orthodoxen Mönchsrepublik Athos. Entlang der Küste tauchen hinter Buchten immer wieder griechische und auch russische Klöster auf, die an den grünen Kuppeln zu erkennen sind. Aber das Ungewöhnlichste beim Anblick der – für griechische Verhältnisse – dicht bewaldeten Landschaft sind nicht Klöster, grüne Kuppeln oder sich drehende Windmühlenflügel. Es sind die kilometerlangen Strände. Sie sind menschenleer.

Geografisch gehört der Agio Oros zur Provinz Zentralmakedonien in Nordgriechenland, aber seit Mönche vor mehr als tausend Jahren eine eigene Verfassung auf die Haut eines Ziegenbocks schrieben, ist die Halbinsel autonomes Gebiet, selbst Griechen müssen ein Visum für einen Besuch beantragen. Auf der Bockshaut steht auch, dass Frauen keinen Zutritt haben. »Avaton« heißt dieser Passus, der festlegt, dass auf dem Agio Oros als einzige Frau die Gottesmutter Maria sich aufhalten darf. Als ich Vassilis auf der Fahrt erzähle, dass ich aus Deutschland gekommen bin, sagt er mit einem Lächeln: »Wir fahren gerade zum einzigen Ort in Europa, wo deine Kanzlerin keinen Zugriff auf mich hat.«

Vassilis hat in den vergangenen Monaten schwarz für zwei Euro die Stunde als Straßenfeger gearbeitet, als Kellner, als Touristenführer. Aber der Sommer ist vorbei. Den Winter will er im Kloster verbringen, wieder zu sich selbst finden, abschalten. »In Athen«, sagt er, »war meine Unsicherheit groß. Ich wusste nicht mehr, wovon ich leben soll.« Die Steuern, die offenen Rechnungen, die Krise, die Arbeitslosigkeit, die Streiks – all das rückt mit dem brummenden Bootsmotor immer weiter weg. Seine Mutter ist vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, sein Vater ist Elektriker, arbeitslos. Der jüngere Bruder wohnt bei der Großmutter. »Wir stecken alle tief in der Scheiße«, sagt Vassilis. Es ist nicht ganz klar, ob er von seiner Familie spricht – oder einfach von allen Griechen.






Das Kloster Konstamonitou ist das ärmste und gleichzeitig traditionellste auf dem Agio Oros. Seit mehr als tausend Jahren liegt es inmitten eines Zypressen- und Walnussbaum-Waldes. Ein Packesel vertreibt am Gartentor kopfschüttelnd Fliegen, Kater streunen umher, ein Mönch sitzt in seiner dunklen Kutte in der Sonne auf einer Bank und schnitzt einen Wanderstock. Im Kloster gibt es keinen Strom, kein warmes Wasser, sechs Plumpsklos für etwas mehr als vierzig Mönche. Rauchen ist nicht erlaubt, Handys auch nicht. Zur Begrüßung erhalten wir vom Klostervorsteher Pater Andreas ein Glas Tsipouro (doppelt gebrannter Schnaps) und ein Loukoumi (einen
süßen Geleewürfel). Er fragt nach unseren Namen, woher wir kommen und was wir glauben, hier finden zu können. Vassilis erzählt seine Geschichte.

Wie alle Mönche trägt Pater Andreas einen langen, leicht ergrauten Bart. Seit mehr als 35 Jahren lebt er auf dem Agio Oros, vorher war er Grundschullehrer in Athen. Er hat schon viele Geschichten gehört: von Männern, die nach einer Scheidung hier Ruhe fanden. Von Dieben, Drogenabhängigen und Mördern, die Zuflucht oder Vergebung suchten. Von Aussteigern, Gläubigen und Verzweifelten. »Doch die Wucht, mit der uns diese Krise trifft, ist stärker als alles andere zuvor«, sagt er. Allein im September hatte Pater Andreas auf seinem Schreibtisch mehr als 400 Anträge von jungen Griechen, die den Winter im Kloster verbringen wollten. »Aber wir haben nur 30 bis 35 Gästebetten.« Mehr kann das Kloster nicht versorgen. Mehr gibt der eigene Anbau von Tomaten, Auberginen, Brokkoli, Kopf- und Krautsalat, Paprika, Zucchini und Kartoffeln auch nicht her. Nach einer kurzen Pause, in der er seine braune Hornbrille abnimmt, um seine Nasenwurzel zu reiben, fragt er Vassilis: »Glaubst du an Gott?« Vassilis nickt. »Hast du in Athen einen Beichtvater, dem du vertraust?« Vassilis schüttelt den Kopf. »Verstehe«, sagt Pater Andreas, »habe keine Furcht, hier bist du erst mal sicher.« Vassilis lächelt. Dann weist uns Pater Andreas unsere Schlafplätze zu.

Die Mönche des Klosters Konstamonitou leben nicht nur abgeschirmt von der Außenwelt, sie leben auch nach einer anderen Zeitrechnung. Die Tage werden nach dem Julianischen Kalender gezählt, der gegenüber dem europäischen, Gregorianischen Kalender um 13 Tage nachgeht. In unserem Zimmer stehen fünf frisch bezogene, etwa 80 Zentimeter breite Betten, ein kleiner Tisch, ein Stuhl. Vor dem Fenster ein alter Holzofen. Das Rohr ist mit Aluminiumpapier umwickelt, es endet in einem Loch im Oberfenster.

Der Tag beginnt um drei Uhr dreißig in der Früh mit Klopfen an der Tür. »Zeit aufzustehen«, höre ich eine Stimme rufen, dann immer leiser werdende Schritte auf dem Dielenboden. Um vier ist die erste von zwei Messen am Tag. Die Mönche zünden überall in der Klosterkirche Öllampen an, doch es bleibt schummrig, man erkennt Umrisse, die dunklen Kutten zum Beispiel, aber die Gesichter bleiben verborgen. Abwechselnd singen zwei Mönche Psalme, Vassilis und ich bekreuzigen uns, neigen die Köpfe, während sich die Oberkörper der Mönche bis auf den Boden beugen. Fast zwei Stunden dauert die Morgenliturgie, der Geruch des Weihrauchs lässt einen bei leerem Magen fast high werden. »Antidoro« heißt das gesegnete Stück Brot, das man zum Abschluss empfängt. Dann geht es in den Speisesaal, Frühstück: ein Glas warmer Tee, der hervorragend schmeckt, und ein harter Keks, der einem die Kronen aus dem Gebiss bricht, wenn man ihn nicht vorher in den Tee tunkt.

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Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, keiner spricht ein Wort. Ich habe immer noch den Weihrauch in der Nase und denke schlaftrunken an meine Zeit als Ministrant zurück. Ich war elf, zwölf Jahre alt und liebäugelte damit, Priester zu werden. Wein trinken, predigen, ein bisschen Trost spenden. Das könnte ich auch, dachte ich damals. Und es ist erstaunlich, dass mir der Gedanke erst jetzt kommt, im kargen Speisesaal des Klosters zwischen all den Mönchen und Eremiten, aber wie oft habe ich in meinem Leben anderen Menschen Trost gespendet? Warum habe ich bisher kein einziges tröstendes Wort für Vassilis gefunden?

Kommentare

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  • Nikolai Schulz (0) Nach der Party kommt die spirituelle Neuorientierung, habe ich selbst erlebt, wie auch er: http://www.memoro.org/de-de/Spirituelle-...
  • Roland Brinkhoff (0) Bei allem Respekt vor dem spirituellen Leben der Mönche in den Klöstern Griechenlands: Man sollte auch erwähnen, dass den Klöstern 20 - 35% des Grundbesitzes in Griechenland gehören - die Schätzungen gehen auseinander - für den die orthodoxe Kirche im Gegensatz zu griechischen Bürgern keinen Cent Steuern zahlen muss. Viele kritische Journalisten machen die Kirche mitverantwortlich für Griechenlands Krise.
  • Antonia Geyr (1) Wunderbarer Artikel. sehr beruehrend und ganz anders als erwartet ein atmosphaerischer bericht und keine Beschreibung der Oertlichkeit. Danke.
  • Stephan Pyroth (1) Fast 30 Jahre liegt es zurück: Mit Studienfreunden (Kunst) auf Athos: Gastfeundschaft der Mönche, skurile Begegnungen mit Einsiedlern, nächtliche Gottesdienste, grandiose Natur: Eine andere Welt!