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aus Heft 44/2011 Geschichte

Der Prozess

Peter Praschl 

Wer will, kann sich - ein halbes Jahrhundert danach - das Verfahren gegen Adolf Eichmann komplett ansehen. Auf YouTube. Aber was stellt das mit dem Zuschauer an? Ein Selbstversuch.

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18. April 2011.
In der Zeitung habe ich gelesen, dass Yad Vashem, die israelische Holocaust-Gedenkstätte, zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses auf ihrem YouTube-Kanal 200 Stunden Video eingestellt hat: die vollständige Verhandlung von der Eröffnung am 11. April 1961 bis zur Urteilsverkündung am 15. Dezember desselben Jahres. Damals ist alles mitgefilmt worden; im israelischen Fernsehen und bei einem amerikanischen Sender liefen an den Verhandlungstagen Zusammenfassungen, die Israelis selbst haben den Prozess eher im Radio verfolgt (private Fernsehgeräte waren 1961 noch ein Luxus). Ich beschließe, mir diese Videos anzusehen, jedes einzelne, gleichgültig, wie erschütternd oder ermüdend sie sein mögen. Es ist eher ein Impuls als das Ergebnis einer Überlegung. Über den Prozess weiß ich zwar auch nur dasselbe wie jeder zeitgeschichtlich halbwegs informierte Mensch, aber mein Halbwissen stört mich nicht. Dass Eichmann so etwas wie der prototypische Massenmörder des 20. Jahrhunderts war, ein effektiver Organisator der Menschenvernichtung, ist mir auch ohne YouTube klar, ich muss nichts Genaueres über ihn erfahren. Was mich eher interessiert: einem epochalen Ereignis, das sich zutrug, als ich zwei Jahre alt war, als Zeuge beiwohnen zu können. Ich muss mich nicht mit den Zusammenfassungen und Interpretationen von Historikern begnügen, sondern kann selbst zusehen. Die YouTube-Videos sind gleichsam ein Gegenmodell dessen, wie ich mich sonst über Geschichte informiere – aus Büchern, in der Wikipedia oder wenn ich beim Zappen durchs Fernsehprogramm bei einer dieser Sendungen Guido Knopps hängen bleibe, die mich fast immer nerven, weil sie mir so aufdringlich vorkommen mit ihren dringlichen Erklärstimmen, pathetischen Soundtracks, Filmschnipseln und Zeitzeugen-Satzspenden. Nimmt man Geschichte anders wahr, wenn man sie so roh zu sehen bekommt, wie sie sich ereignet hat, ungeschnitten und nicht vorsortiert? Die Gelegenheit, das herauszufinden, will ich nicht verpassen.



19. April 2011. Der Angeklagte wird in den Gerichtssaal geführt. Er muss in einem Käfig aus kugelsicherem Glas Platz nehmen, von zwei Polizisten flankiert, neben dem Kasten sitzt noch ein dritter. Das Bild Eichmanns in seinem Aquarium ist längst so ikonisch wie das Che-Poster geworden, doch damals muss seine Erscheinung ein Schock gewesen sein. Dieser nichtssagende Mann mit diesem nichtssagenden Gesicht soll die Vernichtung der europäischen Juden organisiert haben? Obwohl ich es besser weiß, spukt auch in mir noch der Kinderglaube, man könne den Bösewichten ansehen, wozu sie fähig sind. Man stellt sie sich wie Hitler oder Gaddafi vor, fuchtelnde Männer, die vor Vernichtungsenergie nicht stillhalten können, pompöse Angeber, bei denen schon die Körpersprache die anderen verdrängen will. Ich frage mich, ob das eine Art archaische Alarmanlage ist: Wenn man einen schmalen, müden Bürokraten sieht, darf man sich sicher fühlen, wenn einer tobt und sich in die Brust wirft, geht man besser in Deckung. Falls das stimmt, hat das menschliche Sensorium mit der Geschichte nicht Schritt gehalten. Schon lange müssen Massenmörder nicht mehr wie welche aussehen, auf ihre Körper kommt es nicht mehr an, ihre Waffe ist die Signatur unter einem Befehl. Diesem Mann im Glaskäfig werde ich jetzt 200 Stunden lang zusehen. Zum Fürchten.

23. April 2011.
Die Anklage ist verlesen. Das Gericht hat die Einsprüche von Eichmanns Verteidiger Robert Servatius abgewiesen. Nun wird der Angeklagte befragt, ob er sich schuldig bekenne. Eichmann sagt zu jedem einzelnen Anklagepunkt, fünfzehn Mal: Im Sinne der Anklage unschuldig. Es ist das zweite Mal im Prozess, dass er gesprochen hat (ganz zu Anfang hat er seine Identität bestätigt), und seine Sprache klingt wie die in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Linz an der Donau. Die Gegend kann nichts dafür, aber dennoch nehme ich es ihr so übel, dass ich, müsste ich mich für sie erklären, ohne Zögern »schuldig« sagen würde.

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30. April 2011.
Die ersten Zeugen der Anklage. Der Polizeibeamte Avner Less gibt Auskunft über seine Verhöre mit Eichmann. Ein paar Aufnahmen werden abgespielt, man erhält einen ersten Eindruck vom Charakter des Angeklagten: Er ist pingelig und devot, eine schwer erträgliche Mischung. Danach wird Salo Baron in den Zeugenstand gerufen, Professor für jüdische Geschichte an der University of Columbia. Er gibt einen Überblick über das Leben der europäischen Juden, ehe Eichmann sie in Züge stopfte. Die Schtetl in Galizien, die jüdischen Gemeinden, die Mediziner, die Schriftsteller, die Nobelpreisträger. Es ist das Panorama einer Welt, die nicht mehr existiert. Alles ausgelöscht. Drei Jahrzehnte zuvor gab es sie noch. Während Professor Baron spricht, so zärtlich diese Gemeinde und jenen Dichter, diese Erfindung und jene Zeitung streifend, als wolle er alles, was die Nazis vernichtet haben, wieder zum Leben beschwören, überfällt mich wie aus dem Nichts eine Erinnerung. Vor sieben, acht Jahren bin ich für eine Reportage in Kambodscha gewesen und dort eine Woche lang von hinreißenden Menschen unterstützt worden, die bei allen Unterschieden kein prinzipiell anderes Leben als ich lebten, sie interessierten sich für ihre Liebesgeschichten, Popmusik und Fußball, jeden Abend redeten wir beim Essen über Gott und die Welt, als befänden wir uns tatsächlich in derselben. Bis ich am letzten Abend vor meiner Heimreise arglos nach ihren Familien fragte. Eine Stunde später hatte ich fünf Mordgeschichten gehört, Eltern, ein Onkel, eine Großmutter, die von den Roten Khmer umgebracht worden waren, aus keinem besonderen Grund. So verstört wie nach den Erzählungen dieses Abends bin ich selten gewesen, vielleicht weil sie die Essenz des 20. Jahrhunderts enthielten: Die Welt, in der man lebt, kann schon einen Augenblick später nicht mehr existieren, einfach so, weil irgendein Verrückter beschlossen hat, sie zu zerstören.
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Peter Praschl

, 52, empfiehlt Interessierten David Cesaranis Biografie »Adolf Eichmann. Bürokrat und Massenmörder« (Propyläen) und Bettina Stangneths kürzlich erschienenes Buch »Eichmann vor Jerusalem« (Arche), das viele Irrtümer Hannah Arendts korrigiert. Auf YouTube findet man die Videos (mit englischer -Simultanübersetzung) bequem mit dem Suchwort »EichmannTrialEN«.

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