aus Heft 44/2011 Geschichte 1 Kommentar
Der Prozess
Seite 4: Was ich nicht mag: Dass man Eichmanns YouTube Videos »mögen« oder »nicht mögen« kann.
Von Peter Praschl
Der Staatsanwalt Gideon Hausner bei seinem Schlussplädoyer.
8. Oktober 2011. Wieso ist es mir wichtig, wie Eichmann sich benimmt? Ausgerechnet er? Zwei Erkenntnisse: Man lernt sich besser kennen, wenn man Eichmann zusieht; manchmal hätte ich gern darauf verzichtet. Und: Man schafft es einfach nicht, sich einen wie Eichmann nicht als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft vorzustellen – und deshalb zum Beispiel würdiges Benehmen oder die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, von ihm zu erwarten. Das bringt einem die menschliche Gemeinschaft allerdings nicht wirklich näher.
9. Oktober 2011. Hat sich der Richter gerade tatsächlich mit Eichmann über den kategorischen Imperativ Immanuel Kants unterhalten? Ja.
10. Oktober 2011. Was ich mag: Wie langsam ich mich durch diesen Prozess bewegt habe. Wie es mir überlassen blieb, mir Gedanken zu machen. Wie ich nicht mit Auslegungen traktiert wurde. Wie mir vertraut wird, mich in dieser Geschichte selbst zurechtzufinden. Wie sehr man davon überzeugt ist, dass es noch Menschen mit langer Aufmerksamkeitsspanne gibt. Was ich nicht mag: Dass nur 78 Menschen das Video von der 106. Sitzung gesehen haben, so besagt es jedenfalls der YouTube-Zähler. Und dass man die Eichmann-Videos »mögen« oder »nicht mögen« kann. Wie die Filmchen lachender Babys oder von Hochzeitsunfällen, die gleich nebenan im YouTube-Gedächtnis stehen.
11. Oktober 2011. Immer wieder das irritierende Gefühl, dass Eichmann mit seiner Verteidigung durchgekommen ist. Nicht vor Gericht, aber vor der Nachwelt. Sie hält ihn oft genug immer noch für den Bürokraten, der bar jeden Gefühls seine Arbeit erledigt hat, an jener Stelle, an die man ihn gestellt hatte, und die er so gut wie möglich machen wollte. Wie er in Wahrheit gewesen ist, hat die Historikerin Bettina Stangneth in ihrem grandiosen Buch Eichmann vor Jerusalem aufgeschrieben: ein eifriger Antisemit, der die Juden so gehasst hat, dass er sie alle loswerden wollte. Seine Erscheinung im Prozess war eine Maskerade. Seine Illusion bestand darin, die Maskerade könnte ihm nützlicher sein als die Wahrheit.
12. Oktober 2011. Das Schlussplädoyer Gideon Hausners. Er ufert aus, trägt Behauptungen vor, von denen sich während der Verhandlung herausgestellt hat, dass sie sich nicht beweisen, gelegentlich sogar widerlegen lassen. Der Richter weist ihn darauf hin, man kann die Peinlichkeit der Situation auch 50 Jahre danach noch spüren. Der Staatsanwalt lässt sich nicht beirren. Er, der sein Eröffnungsplädoyer mit dem Satz begonnen hat, er müsse für sechs Millionen sprechen, die sich nicht erheben könnten, um auf den Angeklagten zu zeigen, tut es noch immer. Es muss raus. Alles.
13. Oktober 2011. Das Schlussplädoyer von Eichmanns Verteidiger Servatius, konzise argumentiert. Das Gericht ist nicht zuständig, Eichmann mag große Schuld auf sich geladen haben, aber im juristischen Sinne ist er kein Täter, Täter ist der Staat, nicht Eichmann. Er fordert Freispruch.
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15. Oktober 2011. Den Holocaust habe ich auch nach dem Ansehen der Eichmann-Videos nicht begriffen, nicht im Geringsten. Es wird immer diesen einen Punkt geben, über den mein Verstand nicht hinwegkann (und in Wahrheit bin ich darüber froh): dieser Punkt, an dem einer wie Eichmann die Gelegenheit bekommt, die Menschen, die er nicht leiden kann, obwohl sie ihm nichts getan haben und obwohl er sie gar nicht kennt, zu töten. Und dann tatsächlich tötet. Oder töten lässt. Statt vor sich selbst zu erschrecken. Was ich aber durch die Eichmann-Videos endlich verstanden habe, ist, wie Zivilisation funktioniert. Dass sie exakt dort ist, wo sie sich die Form des Eichmann-Prozesses gibt. Ein Gerichtsverfahren. Zur Ermittlung der Wahrheit. Mit dem Vorsatz, Gerechtigkeit walten zu lassen. Der Bereitschaft, Trauma-Erzählungen zuzuhören. Und der Bereitschaft, auch jenen, der die Zivilisation in Hektolitern von Blut ertränken will, zu behandeln, als gehörte er zu ihr. Er bekommt die Gelegenheit, sich zu verteidigen. Er darf lügen, sich rechtfertigen, um sein Leben reden. Die Zivilisation glaubt nicht einmal, dass es den Menschen dadurch besser geht, wahrscheinlich wäre es bekömmlicher, nicht darüber zu reden. Aber sie tut es, weil es das Richtige ist. Die Zivilisation ist der Polizist, der Eichmann in seinem Glaskäfig bewacht, dazu bereit, sich vor ihn zu werfen, würde ihn jemand angreifen, er soll sich erklären und sein Urteil verstehen können. Zivilisation ist nicht der kurze, sondern der lange Prozess.
Am 14. August 1961 ist die Verhandlung zu Ende. Am 15. Dezember wird das Urteil verkündet: Tod durch den Strang. Es wird am 29. Mai 1962 in zweiter Instanz bestätigt und zwei Tage später vollstreckt.
Adolf Eichmann: 1906 geboren, war von 1935 an bei der SS für »Judenangelegenheiten« zuständig, leitete etwa seit 1938 die Vertreibung der Wiener Juden. Ab 1941 organisierte er die Deportation der Juden aus Deutschland und den besetzten Ländern. Bei der Wannseekonferenz, bei der die Deportation der jüdischen Bevölkerung organisiert wurde, führte Eichmann Protokoll. 1950 setzte er sich nach Argentinien ab, wo er als »Riccardo Klement« lebte, bis ihn 1960 Mossad-Agenten nach Israel entführten. Sein Prozess vor einem Jerusalemer Gericht endete im Dezember 1961mit dem Todesurteil.
- Seite 1: Der Prozess
- Seite 2: Eichmann sitzt in seinem Glaskäfig und hört zu.
- Seite 3: Es ist kein Antisemit, sagt er, nie gewesen.
- Seite 4: Was ich nicht mag: Dass man Eichmanns YouTube Videos »mögen« oder »nicht mögen« kann.
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