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aus Heft 44/2011 Essen & Trinken 2 Kommentare

Bis zum letzten Tropfen

Deutscher Wein wird immer wertvoller – und umkämpfter: Jetzt haben Diebe in Deidesheim einem Winzer Trauben für 100 000 Euro geklaut. Und das ist nur die Spitze des Weinbergs.

Von Till Krause  Fotos: Robert Voit

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Die Diebe kamen nachts mit einem Traubenvollernter, einer acht Tonnen schweren Maschine, groß wie ein Traktor. Man kann damit ganze Weinberge in einer Stunde abernten. Das Dröhnen des Dieselmotors muss weit zu hören gewesen sein, als jemand am 23. September gegen drei Uhr morgens durch den Weinberg von Stephan Attmann fuhr und ihm zweieinhalb Tonnen Spätburgundertrauben von den Reben klaute. Nur die erste Reihe blieb stehen, damit man den Diebstahl von der Straße aus nicht sofort entdeckte.

»Professionelle Arbeit, das muss man diesen Verbrechern lassen«, sagt Stephan Attmann, Chef des Weinguts von Winning aus Deidesheim in Rheinland-Pfalz. Er ist ein Mann mit bubenhaften Zügen, 40 Jahre alt, schütteres Haar, aber Lachfalten, trotz allem. Er steht im leer geklauten Weinberg und zeigt auf die tiefen Furchen, die die Reifen der Erntemaschine hinterlassen haben. Er nennt Wein ein Heiligtum, der Diebstahl ist für ihn Frevel: »Als würde einer im Louvre einbrechen und die Mona Lisa zerkratzen.« Denn ihm wurden ja nicht irgendwelche Weinbeeren gestohlen, sondern eine Edelsorte der Lage Herrgottsacker, Grundlage für Attmanns besten Rotwein, seinen Pinot Noir I. Die Flasche verkauft er für 32 Euro. Der 2011er-Jahrgang war bereits vorbestellt, von Restaurants und Händlern auf der ganzen Welt, damit schon halb ausverkauft, bevor er überhaupt geerntet war. Attmann schätzt den Schaden auf 100 000 Euro. Seine Angestellten haben im Regionalfernsehen geweint.

Deidesheim ist eine beschauliche kleine Stadt westlich von Mannheim, auf knapp 4000 Einwohner kommen 19 Weingüter. Und dieser Ort wurde nun zum Schauplatz eines Diebstahls, wie es ihn in solcher Dreistigkeit in Deutschland noch nie gegeben hat. Dass jemand mit einem Erntetraktor die Edeltrauben eines Spitzenweinguts klaut – das war bisher undenkbar. Wie konnte es so weit kommen?

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So viel steht fest: Weit kann man mit einem Vollernter nicht fahren, er schafft höchstens 25 Kilometer pro Stunde. Die Diebe kommen also aus der Region. Die meis-ten Leute hier leben von Weinbau und Tourismus. Das barocke Rathaus mit Walmdach und Geranien vor den Fenstern beherbergt auch ein Weinmuseum, ringsum enge Gassen und Kopfsteinpflaster. In den Neunzigern war Helmut Kohl oft zu Gast in Deidesheim, viel hat sich seitdem nicht verändert.

»Idyllisch und ruhig«, nennt Stephan Attmann den Ort, so scheint es zumindest. »Aber irgendwer hat hier verdammt viel kriminelle Energie.« Er geht von zwei Dieben aus: Einer stand Schmiere, einer fuhr den Vollernter. Die Reifenspuren in seinem Weinberg passen nur zu einem bestimmten Modell: einer Erntemaschine der Firma Braud. Wie schwierig kann es sein, die Maschine zu finden, die zu den Tätern führt? Jochen Gleich von der Polizeiinspektion Haßloch ist zuständig für den Fall. »Diese Spur führt uns nicht weiter«, sagt er. Dieser Typ Erntetraktor sei sehr verbreitet in der Gegend, oft tun sich mehrere Winzer zusammen und mieten so ein Gerät für die Ernte. Die Polizei hat keine Zeit, jeden Vollernter zu kontrollieren.

Attmanns Weinberg liegt etwa zwei Kilometer vom Ortszentrum entfernt, im Umkreis von 30 Kilometern: lauter Weinbetriebe mit großen Bottichen, in denen man Trauben unauffällig verschwinden lassen kann. Wussten die Diebe, dass man ihnen kaum auf die Spur kommen wird? Stephan Attmann hat eine Belohnung von 10 000 Euro ausgesetzt, »vielleicht verquasselt sich ja einer nach ein paar Schoppen«. Auf Indizien wird man sich nicht verlassen können in diesem Fall. Bleibt die Suche nach einem Motiv.

Man kann mit Luxuswein viel Geld verdienen, das Angebot ist knapp, die Nachfrage hoch. Die Exporte nach China, wo reiche Geschäftsleute gern deutschen Spitzenwein trinken, sind im letzten Jahr um fast 70 Prozent gestiegen, im wichtigsten Auslandsmarkt USA immerhin um 21 Prozent. Eine Flasche deutscher Prädikatswein kostete vor sieben Jahren durchschnittlich 17 Euro, heute sind es 27,50. Der Preis für Wein aus dem Supermarkt hat sich in dieser Zeit kaum verändert. Aber die Polizei interessiert sich nicht für Wein, für sie wurden einfach Trauben gestohlen. Und ein Kilo hat nun mal einen Marktwert von höchstens fünf Euro, egal ob daraus Billigwein oder Luxuspinot gemacht wird. Zweieinhalb Tonnen kosten laut Polizei also 12 500 Euro, das ist für sie die Schadenssumme. Nicht die 100 000 Euro, die Attmann als Verlust angibt, weil er so viel am Verkauf des Weins verdient hätte.

Wenn man sich von Stephan Attmann durch das Weingut von Winning führen lässt, erklärt er, warum für seinen Pinot Noir 32 Euro bezahlt werden, während andere Flaschen nur zwei Euro kosten. Manche Winzer bauen eben auf ehemaligen Kartoffeläckern an und keltern charakterlose Massenweine. Er sortiert von Hand, »mindestens der dreifache Aufwand«, dazu kleinere Anbauflächen, bessere Böden. Und natürlich das Marketing: Allein die Entwicklung der Flaschenetiketten hat ein halbes Jahr gedauert. Für Attmann ist Wein »ein Gesamtpaket, ein Kulturgut erster Güte«. Er empfängt Besucher im Erdgeschoss der Gutsvilla. In seinem Büro stehen Designerstühle, im Regal über hundert Flaschen teuerster Wein, alle leer, alle selbst getrunken.

Er hat Betriebswirtschaft studiert, seine Weinbaulehre in einem Edelweingut absolviert und lange auf einem der besten Weinberge der Bourgogne gearbeitet. Er begreift sich als eine Mischung aus Winzer und Manager, er redet schnell. Im März wurde er von Falstaff, einem wichtigen Weinmagazin, als »Newcomer des Jahres« ausgezeichnet, stundenlang kann er von den Basaltböden erzählen und von wissenschaftlichen Erkenntnissen über Wein: »langkettige Tannine, Polyphenole, hochinteressant«. Er hat Kräuter im Wert von 18 000 Euro zwischen die Reben gepflanzt, »das gibt dem Boden mehr Nährstoffe als Kunstdünger«. Letztes Jahr hat er auf seinem Gut ein Restaurant eröffnet, das Holz der Tische glänzt, die Lampen sehen aus wie in einer Galerie. Im Mai war Bundespräsident Wulff zu Gast, zusammen mit 180 Diplomaten beim Pfalzbesuch. Sie haben auch den Pinot Noir I probiert, den Wein, dessen neue Ernte geklaut wurde. Am Ende hat der Präsident ins Gästebuch geschrieben: »Der einzigartigen Gemeinde Deidesheim weiterhin so viel Erfolg.«

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  • Ralf Schindler (0) Till Krause zeigt dem Leser in diesem Artikel die größtmöglichen Gegensätze in der Welt des Weinbaus: Hier der akribische, äußerst engagierte Winzer, stets auf der Suche nach der maximal möglichen Qualität, in persona Stephan Attmann. Dort der gemütliche Fachmann und Leiter einer Weinbauschule, der das genossenschaftlich strukturierte System jeder Flasche ?Luxuswein? vorzieht, in persona Fritz Schumann. Zwei Fotos sowie die jeweiligen knappen Bildunterschriften charakterisieren diese kontrastierenden Pole deutlich.
    Foto I: Der ?bubenhafte? Chef der Von Winning Weingut GmbH hell erleuchtet, in Hemd und Jeans, vor leeren Weinflaschen im ?Werte eines Oberklassewagens? (aber dafür fährt der arme Tropf [Achtung ein Wortspiel auf dem Niveau von: ?Das ist nur die Spitze des Weinbergs?] ja kaum in den Urlaub). Foto II: Der weißhaarige Winzer, korrekt mit Sakko und Krawatte, inmitten seiner eigentlichen Arbeit, nämlich auf einem Fass sitzend im dunklen Weinkeller.

    Ja, und genau da gehört ja wohl ein anständiger Winzer hin, will uns Till Krause damit auch im Weiteren suggerieren.

    Nebenbei wird die Geschichte eines Traubendiebstahls erzählt, der sich am 23. September 2011 in Deidesheim ereignete und das Weingut Von Winning den kompletten Ertrag seiner besten Rotweintrauben kostete. Krause versucht zu ergründen, was dazu führen konnte, es folgt die Suche nach Täter und Motiv. Schnell ist er bei der für ihn stimmigsten Erklärung: Neid. Neid auf einen Emporkömmling, der mit ?Luxuswein? viel Geld verdient. Bei Von Winning wird ein hoher Aufwand betrieben für das Endprodukt, hingewiesen wird der Leser jedoch mehr auf die langwierige und bestimmt sehr kostspielige (nicht wahr, Herr Krause?) Entwicklung der Etiketten, auch dass der Besucher in der luxussanierten ?Gutsvilla?, ausgestattet mit ?Designerstühlen?, empfangen wird. Und wieder der Hinweis auf ?über hundert Flaschen teuerster Wein?. Im beschriebenen Werdegang hat Attmann selbstverständlich bei einem ?Edelweingut? gelernt. Wo sonst? Und im Restaurant des Weingutes glänzt ?das Holz der Tische?, ?die Lampen sehen aus wie in einer Galerie?. Ja, wo gibt?s denn so was?

    Dann rasch wieder zurück zum ursprünglichen Bild der gegensätzlichen Pole: Herr Schumann empfängt Besucher ?im Wohnzimmer seines Geburtshauses?. Hier glänzt kein Holz, nichts erinnert Krause an eine Galerie. Auch Schumanns Erklärung scheint simpel: ?Das globale Business? macht die Einen eitel und die Anderen neidisch ? schon werden Trauben geklaut. Auch der eigentliche Bösewicht hat einen Namen: Achim Niederberger. Der Unternehmer, der die ursprünglichen Besitztümer der Familie Bassermann-Jordan wieder zusammengeführt hat und aus seinen Investitionen doch tatsächlich Ertrag erwirtschaften will.

    Ein Kommentar zur Sache aus berufenem Munde wird eingeholt. Steffen Christmann, der Präsident des Verbandes der Deutschen Prädikatsweingüter (VDP), wird um seinen Kommentar gebeten. Es folgt eine zurückhaltende Einschätzung zum Diebstahl, Krause nennt Christmann dabei einen ?Kenner der Traubenverarbeitung? ? eine wirklich schmeichelhafte Bezeichnung für einen der besten deutschen Winzer.

    Insgesamt ist für Herrn Krause der Hinweis auf kuriose Weinbergsbezeichnungen wichtiger, wie den ?Schlangenpfiff?, das ?Wachenheimer Gerümpel? und den ?Ungsteiner Nussriegel? ? ja das ist wirklich lustig! Ebenso auf die Weingutsnamen ?Reichsrat von Buhl? sowie ?Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan? bei deren Aussprechen er versucht scheint, ?die Hacken zusammenzuschlagen?.

    In einem Absatz beleuchtet der Autor die geschichtliche Vergangenheit der genannten Weingüter und ihres Weltruhmes kurz mit einem einzigen Satz, um dann ausführlich über den Niedergang der Region Pfalz zu berichten. Seriöser und aufschlussreicher wäre vielmehr gewesen, die herausragende Rolle der Familie Jordan zu beleuchten, die im Jahre 1708 aus Savoyen in die Pfalz gekommen ist und bereits 1718 ihr erstes Weingut gegründet hatte. In den folgenden Jahrhunderten setzte sie (zum einen politisch, zum anderen als Förderer der Kunst und Kultur der Rheinpfalz) im Weinbereich Meilensteine (u.a. Mitbegründer bzw. des Verbandes Deutscher Naturweinversteigerer e.V. ? später VDP) und gilt als absoluter Pionier und großer Verfechter des deutschen Qualitätsweinbaus. In diesem Licht betrachtet, bedeutet für die Pfalz der Begriff Qualität mehr historische Tradition, denn neumodische Geldschneiderei.

    Doch was will uns der Autor Till Krause mit diesem Artikel eigentlich sagen? Sicher nicht, dass Stephan Attmann die strikt qualitätsorientierte Tradition der Familie Jordan im besten Sinne fortführt. Das kommt hier an keiner Stelle zum Ausdruck. Vielmehr soll der äußerst kleingeistige Eindruck entstehen: Da ist wieder mal ein Spinner, der uns für Wein viel zu viel Geld aus der Tasche ziehen will. Geschieht ihm doch Recht, dass die Trauben weg sind - am besten hätte er diese einfach bei der Genossenschaft abgegeben...
  • Cosima Jäckel (2) Einn interessanter Artikel.

    Allerdings finde ich, dass neue und alte Welt ein wenig (zu) scharf gegeneinander geschnitten wird. Meine Erfahrung mit Pfälzer (und nicht nur mit diesen) Weinen und Winzern ist, dass es dazwischen eine Vielzahl von (auch jungen) Winzern gibt, die sehr gute Weine machen, die auch "der normale Pfälzer" kauft. Sprich: hervorragende Weine zu fairen Preisen.
    Damit will ich gar nicht sagen, dass ein hervorragender Spätburgunder keine 32 Euro Wert sein kann. Im Gegenteil.
    Winzern, denen es gelingt, solche Weine zu machen, geht es meist in erster Linie um die Qualität und den Geschmack. Gut möglich, dass auch bei diesen der zu erzielende Preis eine Rolle spielt. Aber ich hatte bei keinem dieser Winzer je den Eindruck, dass das das treibende Momentum ist. Allerdings sind alle Winzer, mit denen ich gesprochen und deren Weine ich probiert habe, Inhaber der jeweiligen Weingüter - oft in familiärer Tradition.

    Und. Die in dem Artikel genannten Zahlen, haben mich ein wenig stutzig gemacht:
    1) Die Polizei geht in Ihrer Schadensberechnung von einem maximalen Preis von 5 ? für 1 kg Trauben (zur Weinherstellung) aus. Das scheint mir ziemlich hochgegriffen. Das ist in etwa der Preis von 1 kg Tafeltrauben im Supermarkt (zur Traubenzeit). Schwer vorstellbar, dass eine Winzergenossenschaft nur annähernd einen solchen Kilopreis zahlen würde (s.u.)
    2) Herr Attmann setzt den Schaden aus 2500 kg gestohlener Trauben mit 100 000 ? an. Eine Flasche des Spätburgunders aus der betroffenen Lage kosten 32 ?. Somit beträgt der Schaden - in Flaschen gerechnet - 3125 nicht verkaufte Flaschen à 32 Euro.
    3) Das heißt: Aus 2500 kg Weintrauben kann man 3125 Flaschen Wein à 0,75 l herstellen.
    4) Umgerechnet bedeutet das: Aus 800 g Weintrauben produziert man 0,75 l Wein, der so qualitätsgewaltig ist, dass er 32 ? wert ist.
    5) Eine Google-Rechereche "Wieviel kg Weintrauben benötigt man, um 1 l Wein herzustellen" , lässt den Schluss zu, dass 1 kg Trauben 0,75 l Tafelwein ergeben. Andere Ergebnisse gehen von 1,5 bis 2 kg als notwendige Menge aus.
    6) Da aus den gestohlenen Weintrauben kein Tafelwien, sondern Prädikatswein entstehen sollte, gehe ich in meinem Rechenexempel mal laienhaft von 1,5 kg Trauben pro 0,75 l Wein aus.
    7) Daraus ergeben sich 1667 Flaschen á 32 ?. In Summe: 53344 ? an entgangenen Einnahmen.

    Das ist gut die Hälfte dessen, was Herr Attmann als Schadensumme angibt.