aus Heft 45/2011 Frauen 5 Kommentare
Material Girl
Seite 2: »Wenn sie wollte, könnte sie jedes Unternehmen leiten«, sagt Mark Zuckerberg
Von Ken Auletta Foto: AFPIn ihrem Vortrag schlug Sandberg dreierlei vor. Erstens: Frauen müssen ihr Vorankommen selbst aktiv in die Hand nehmen. Ihr zufolge verhandeln 57 Prozent der Männer, doch nur sieben Prozent der Frauen, die einen neuen Job antreten, ihr Gehalt selbst. Zweitens: Frauen müssen darauf achten, dass ihr Lebenspartner tatsächlich ein Partner ist. Solange sie zwei Drittel der Hausarbeit verrichten und drei Viertel der Kinderbetreuung übernehmen, sind sie nicht wirklich gleichberechtigt. Und drittens: »Mach dich nicht aus dem Staub, ehe du wirklich gehst. Sobald eine Frau beginnt, über Kinder nachzudenken, hebt sie ihre Hand nicht mehr, sondern fängt an, sich zurückzulehnen.«
In den Monaten danach ist Sandbergs TED-Rede im Internet von mehr als 650 000 Usern abgerufen worden. Doch es gab auch Kritik an ihren Macht-doch-mal-Appellen. Sandberg sei alles andere als die typische berufstätige Mutter, sie habe zu Hause ein Kindermädchen und im Büro einen Stab, sie sei viel zu privilegiert, um über die Schwierigkeiten normaler Frauen in der Arbeitswelt Bescheid zu wissen.
Sylvia Ann Hewlett, Leiterin des »Gender and Policy«-Programms an der Columbia University, meint, Sandberg unterschätze die Hindernisse, mit denen Frauen es im Beruf zu tun bekommen. Ihr zufolge existiert immer noch eine allerletzte »gläserne Decke« auf dem Weg nach ganz oben, die weniger von Sexismus verursacht wird als von einem Mangel an Unterstützung. Während Spitzenmanager männliche Nachwuchstalente nach Kräften fördern, sind Frauen zu häufig auf sich selbst und Zufälle angewiesen. Sandberg könne das nicht sehen, weil es ihr selbst anders ergangen sei. »Sie hatte Larry Summers und andere, die für sie in den Ring stiegen. Das ist bei einer Frau höchst außergewöhnlich.«
Hewletts Forschungen ergeben, dass zwei Drittel der männlichen Führungskräfte davor zurückschrecken, Frauen unter ihre Fittiche zu nehmen, und Frauen zur Hälfte Unterstützung auch nicht in Anspruch nehmen wollen. Grund dafür: »Mentorenverhältnisse zwischen einem älteren, verheirateten Mann und einer jungen, alleinstehenden Frau finden oft außerhalb von Arbeitszeit und Büro statt und können deswegen wie Affären wirken, was Spekulationen befördert, es handle sich um mehr als um eine rein professionelle Beziehung – besonders, wenn eine Frau dann befördert wird.«
Sandberg selbst hält die Hindernisse in der Arbeitswelt für weniger gravierend als jene, die Frauen selbst mitbringen. »Der wichtigste Grund dafür, dass Frauen nicht Karriere machen, ist ihr Zuhause. Die meisten Menschen glauben immer noch, dass die Hauptverantwortung für Hausarbeit und Kindererziehung bei den Frauen liege, und die meisten Paare handeln danach – nicht alle.« Das zweite Hemmnis, mit dem Frauen es zu tun bekommen, sind ihre eigenen Schuldgefühle. »Ich selbst habe ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber«, sagt sie, »weil ich so viel Zeit mit Arbeit verbringe.«
In diesem Frühjahr war ich dabei, als Sandberg mit einem Dutzend weiblicher Facebook-Führungskräfte den Women’s Leadership Day vorbereitete, der eine Woche später stattfinden sollte. »Natürlich können wir einander sexistische Horrorgeschichten erzählen«, sagte sie. »Aber so etwas hält Frauen bloß davon ab, ihre eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen.« Sie lehnt Quotenregelungen für Frauen strikt ab und ist sogar dagegen, Positionen für qualifizierte Frauen offen zu halten, wenn diese noch in ihrer Elternzeit sind. »Das führt nur zu Zeitverlust, und für Zeitverlust muss man einen Preis bezahlen. Auch die Frau selbst. Schließlich würde man über sie denken, dass sie den Job nicht bekommen hat, weil sie die Beste, sondern weil sie eine Frau ist.« Und sie erzählte von einem Vortrag, den sie in Harvard gehalten hatte. Hinterher hätten die Männer im Publikum professionelle Fragen gestellt, über die Abwehrstrategien von Facebook gegen die Mobilfunk-Offensive von Google; die Frauen hätten sich für Persönliches interessiert, zum Beispiel, wie man es am besten anstelle, einen Mentor zu finden. So etwas nennt Sandberg etwas abschätzig: »Mädchenfragen.«
Deborah Gruenfeld, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Stanford, versteht, warum solche Mädchenfragen gestellt werden. Schließlich verletzen Frauen, die eine Karriere und Führungspositionen anstreben, jenes Stereotyp, das von Frauen erwartet, sich fast mütterlich um den Erfolg anderer zu kümmern statt ihren eigenen im Auge zu haben. Frauen, die als kompetent wahrgenommen werden, sagt Gruenfeld, gelten bei anderen schnell nicht mehr als warm und zugänglich. Sheryl Sandberg selbst ist solcher Nachrede bisher immer entgangen; für Gruenfeld hat das viel mit ihrer Bescheidenheit und Ehrlichkeit zu tun. Sandberg versteckt ihre Ambitionen nicht, aber sie geht auch nicht protzig mit ihnen um. Sie leitet große Meetings, aber sie nennt Mark Zuckerberg dennoch »meinen Boss« und »den Steve Jobs seiner Generation«. Sie ist, sagt Gruenfeld, ein Beispiel für die Generation postfeministischer Frauen, auch in ihrem Glauben, es sei »ein Zeichen von Ohnmacht, jemand anderen für die eigene Position verantwortlich zu machen«.
»Wenn sie wollte, könnte sie jedes Unternehmen leiten«, sagt Mark Zuckerberg über Sandberg, »aber das Bemerkenswerte an Sheryl ist, dass sie sich wirklich die Hände schmutzig machen und arbeiten will, statt ständig im Vordergrund zu stehen. Sie hat kein aufgeblasenes Ego. Sie will Leuten helfen und nicht das Aushängeschild sein.« Howard Schultz, Chef der Coffeeshop-Kette Starbucks, in dessen Verwaltungsrat Sandberg sitzt, sagt: »Wenn man hoch qualifizierte Menschen trifft, neigen die meisten von ihnen dazu zu erzählen, was sie schon alles geschafft haben und wie toll sie sind. Sheryl ist das Gegenteil.« Und Elliot Schrage, bei Facebook unter anderem für globale Kommunikation verantwortlich und enger Vertrauter Sandbergs noch aus Google-Zeiten, sagt: »Die Leute, die ihre Freunde im Job sind, sind es auch privat.«
Genau das gilt normalerweise als ein Management-Fehler. Allzu große Nähe zu Angestellten, heißt es, behindere Objektivität und kompromittiere die Fähigkeit zu harten Entscheidungen. »Dem widerspreche ich entschieden«, sagt Sandberg. »Ich glaube ganz fest daran, dass man seine ganze Persönlichkeit in die Arbeit einbringen sollte. Wenn man sich bemüht, das private Selbst und das professionelle Selbst voneinander abzugrenzen, erreicht man nur eines: Man wird steif. Ich erwarte nicht, dass mir die Menschen ihr Leben erzählen, aber ich selbst teile ziemlich viel von mir mit.« Offen mit Angestellten umzugehen führt dazu, glaubt Sandberg, dass diese von nichts überrascht werden können – selbst wenn man sie feuert.
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Alle Fragen über die Zukunft von Facebook betreffen logischerweise auch ihre eigene. Gewiss hat sie das Zeug zur Konzernleiterin, und nicht wenige Beobachter trauen ihr eine politische Karriere zu. Sandberg selbst schüttelt Fragen nach ihren Plänen ab: »Ich bin sehr zufrieden mit Mark und Facebook. Und ich habe mir angewöhnt, mich nicht auf etwas Bestimmtes einzuschießen, weil ich das für einen Fehler halte. Als ich noch am College war, gab es kein Internet, kein Google, kein Facebook. Wer sich heute einen Plan für morgen macht, ist morgen vielleicht auf die Möglichkeiten von heute beschränkt.«
Die Zukunft, mit der sie sich stattdessen im Frühsommer dieses Jahres beschäftigte, war die der Absolventinnen des renommierten Barnard College. Sie hatte sich bereit erklärt, die Abschlussrede zu halten – nach Hillary Clinton 2009 und Meryl Streep 2010. Die Zuhörerinnen ihrer postfeministischen Botschaft waren andere als jene ihrer TED-Ansprache: »Das sind Frauen, die jetzt damit beginnen, die Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Ich werde ihnen sagen, dass sie sich reinhängen sollen.«
Auf dem Rednerpodium sprach Sandberg darüber, wie wichtig es für Frauen sei, sich nicht von Selbstzweifeln davon abhalten zu lassen, etwas zu wollen. »Erinnert euch immer daran«, sagte sie, »dass ihr fantastisch seid!« Dann erzählte sie von einem Poster, das bei Facebook hängt und auf dem steht: »Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?« Darum gehe es für Frauen, sagte Sandberg: »Lassen Sie nicht zu, dass Ihre Sehnsüchte von Ihren Ängsten besiegt werden. Lassen Sie die Hindernisse, denen Sie im Berufsleben begegnen –und es wird sie geben –, äußerliche Hindernisse sein, nicht innerliche. Das Glück begünstigt die Mutigen. Sie werden nie erfahren, wozu Sie fähig sind, wenn Sie es nicht versuchen. Wenn diese Zeremonie hier vorüber ist und Sie Ihre Abschlusszeugnisse haben, werden Sie Ihr Erwachsenenleben anpacken. Fangen Sie damit an, dass Sie nach den Sternen greifen. Gehen Sie nach Hause, und fragen Sie sich heute vor dem Einschlafen: Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte? Und dann tun Sie’s. Herzlichen Glückwunsch!«
Man sollte meinen, wer ein Angebot bekommt, im New Yorker porträtiert zu werden, würde freudig annehmen. Doch meist ist das Gegenteil der Fall, so auch bei Sheryl Sandberg: Unser Autor ken auletta – eine Bestätigung dafür, welche Hochachtung ihr in der Firma entgegengebracht wird.
Credits: Erschienen in »The New Yorker«, 11. Juli 2011, Autor: Ken Auletta; aus dem Amerikanischen von Peter Praschl.
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16 Uhr 57
Ich verstehe ihn inhaltlich nicht. Ist der Autor Ken A. eine Bestätigung für die Hochachtung, die Sheryl S. entgegengebracht wird? Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen und den Knoten lösen. Danke!
11 Uhr 10
10 Uhr 47
Wer selbst ein Kind hat, weiß, dass vieles besser funktioniert wenn nicht beide Elternteile ihre Karriere in den Vordergrund stellen. Nur wenn zumindest einer immer bereits ist, zurückzustecken und für das Kind da zu sein, entsteht eine gute Eltern-Kind-Beziehung. Und gerade als Frau ist es bei den meisten auch so, dass man - sobald ein Kind da ist - wirklich gerne für dieses Kind da ist und man kein Problem damit hat, im Beruf zurückzustecken. Das ist in dem Moment für alle Beteiligten das richtige.
Zudem sit es auch bei Männern so, dass nicht alle Männer Karrieristen sind. Auf Führungsebene sicher - aber die Welt besteht eben nur zu einem sehr kleinen Teil aus Führungskräften und auf den Ebenen darunter gibt es jede Menge Frauen und Männer, die sich nicht zu Höherem berufen fühlen. Auch das ist in Ordnung. Es kann nicht das einzige Glück der Welt sein, Karriere zu machen und Unmengen an Geld zu verdienen. Ein sicheres Leben mit einem guten (aber vielleicht mittelmäßigen) Job, dafür mit vielen Freunden und einer glücklichen Familie kann mindestens genauso erfüllend sein.
Summa summarum: Jeder Mensch ist anders. Der Lebensweg von Sandberg ist interessant, aber bestimmt nicht für jede andere Frau nachahmenswert.
01 Uhr 20
Trotzdem finde ich persönlich es oft nicht motivierend, von solchen Karrierefrauen zu lesen. Und warum? Weil ich mich mit diesem Typ Frau nicht identifizieren kann ? ein Typ Frau, der hart, entschlossen und opferbereit ?wie ein Mann? rüberkommt. Typ ?Karrierist? eben ? alles wird hinter die Karriere gestellt, so anscheinend auch die Familie. So sagt ja auch diese Dame »Ich selbst habe ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber«, sagt sie, »weil ich so viel Zeit mit Arbeit verbringe.« Zu recht, wie ich finde. Kinder sollten nicht hinter die Karriere gestellt werden. Weder von Papi noch von Mami. Wenn man sich für Kinder entscheidet, sollte man sich zu dieser Entscheidung mit all ihren Konsequenzen bekennen. Dies zu ermöglichen ist Aufgabe der Politik und der Gesellschaft. Stichwort work-life-balance. Meiner Meinung nach brauchen wir nicht nur mehr Betreuungsplätze, sondern auch andere Arbeitsplatzmodelle. Gerade Manger müssen oft 60 h und mehr ihrem Unternehmen widmen ? wo soll da noch Platz für Familie und anderes sein?
Wir kennen die Zahlen ? nach wie vor gibt es zu wenige Frauen in Spitzenpositionen. Und das obwohl ?inzwischen Frauen mehr Universitätsabschlüsse und Doktortitel erwerben als Männer?. Was kann man daraus schließen?
Wenn es nicht an der mangelnden Ausbildung liegt, dann vielleicht an fehlenden Eigenschaften? Doch um welche Eigenschaften geht es da? U.a. eine gewisse Risikofreudigkeit, selbstbewusstes Auftreten, Durchsetzungsfähigkeit ? ja vielleicht sogar eine Form von Dominanz. Ja nun ? werden diese Eigenschaften bei Frauen gefördert? Nein. Zwar sind wir nicht mehr in dem Zeitalter, in dem Mädchen zum Heimchen am Herde erzogen wurden. Doch ist es immer noch so, dass selbstbewusst auftretende Frauen mit viel Gegenwind zu kämpfen haben ? von der Männerwelt, die es immer noch nicht gewohnt ist, sich etwas von einer Frau sagen zu lassen. Und von anderen Frauen, die vielleicht mit Neid auf die starke Persönlichkeit ihrer Mitstreiterin blicken. Man kann nur hoffen, dass die Mädchen von heute mehr Rotzgöre, Ronja Räubertochter oder Pippi Langstrumpf sein dürfen ? starke Individualistinnen, Anführerinnen, Revolutionärinnen. Und vielleicht die Vorstandsvorsitzende von morgen.
Ein dritter Punkt ist auch der, dass Frauen sich vielleicht öfters selbst im Weg stehen. Um das Klischee zu bedienen, wage ich hier einmal zu behaupten, dass Frauen den sozialen Beziehungen in ihrem Leben tendenziell mehr Bedeutung beimessen als Männer. Soziale Beziehungen ? Freundschaften, Partnerschaft, Familie ? benötigen jedoch viel Zeit und Energie. Die fehlt dann zwangsläufig woanders.
Ich glaub es geht also um mehr, als nur Kinderbetreuung, einen Mentor zu haben und die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn dies ohne Zweifel wichtige Voraussetzungen sind!
22 Uhr 52