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aus Heft 46/2011 Sport Noch keine Kommentare

»Uns haben die Frauen noch angehimmelt«

Man nannte ihn den Charles Bronson der Berge: Seit 50 Jahren bringt Willi Mathies Menschen das Skifahren bei. Was hat sich in dieser Zeit auf der Piste verändert? Ein Expertengespräch zum Saisonbeginn.

Von Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Markus Burke (privat/2), Getty (1)




Willi Mathies war zwanzig Jahre lang Skischulleiter, trug bis vor drei Jahren den markanten schwarzen Schnauzbart und ist bis heute als Skilehrer tätig. Sein Vater, seine beiden Brüder, seine Schwester und sein Sohn waren beziehungsweise sind: Skilehrer.


SZ-Magazin: Herr Mathies, Sie sind seit fünfzig Jahren Skilehrer. Sind Sie immer noch aktiv?

Willi Mathies: Skilehrer ist man mit Leib und Seele. Da hört man nicht einfach auf.

Sie springen auch noch Saltos?
Ab und an, für den Enkel.

Aus Sicht des Skilehrers: Hat sich die Stimmung beim Wintersport verändert?
Früher war der Skilehrer ein Animateur. Aber der Gast will keinen Lehrer mehr, der schöne Augen macht und witzig ist. Er möchte unterrichtet werden. Es spricht sich schnell herum, wenn ein Lehrer zu lasch ist. Der Beruf ist beinhart geworden. Alle schwärmen vom Gipfel, von der Gaudi redet keiner mehr.

Aber mittags auf der Hütte sitzt man noch schön beisammen.
Als ich jung war, hat man sich, wenn das Wetter nicht so überragend war, mal zusammen in die Mittelstation gesetzt und ein Glas Wein getrunken. Ich habe die Ziehharmonika gespielt, da hat man ein bisschen Holladriho gesungen, das war ein Fest. Wenn ich heute die Ziehharmonika auspacke, kann es passieren, dass einer von den jungen Leuten mir zehn Euro gibt und sagt: Du, sei so gut, hör auf!

Wie gemein!
Damit muss man leben. Der Ton ist anders geworden. Die Leute, die an den Arlberg kommen, sind in erster Linie Sportler. Sie sparen das ganze Jahr auf diesen Urlaub. Im Gasthaus hocken können sie auch daheim.

Wollen sie bei Wind und Wetter auf den Berg?
Absolut. Da kann es regnen. Wie sagt man: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur ein schlechtes Gewand. Was ist denn die schönste Zeit im Winter? An Weihnachten kommen hauptsächlich Familien, die sind jedes Jahr in denselben Häusern und feiern mit den Wirtsleuten. Das ist gemütlich. Sonst kommen die Leute heutzutage oft nur für drei, vier Tage. Früher sind sie mindestens eine Woche geblieben, manche bis zu drei Wochen, haben beim Wegfahren gesagt: Du, nächstes Jahr um die gleiche Zeit bin ich wieder da.

Haben die Leute keine Zeit mehr, oder ist das Skifahren so teuer geworden?
Auch wenn die Unterkunft bei uns in Stuben gegenüber den anderen Orten – Lech, Zürs, St. Anton – billiger ist, der Skipass ist teuer. Er gilt für den ganzen Arlberg, aber hier kann man wenigstens Ski fahren. Letztes Jahr war ich in Ischgl, wollte eine Woche bleiben, am zweiten Tag bin ich heimgefahren. Auf keiner Hütte hast du Platz bekommen, bei jedem Schwung hast du dich umschauen müssen, dass dir keiner in den Hintern fährt.

Was ist anders am Arlberg?
Wir haben viele schwarze Pisten, das Gebiet ist extremer, da traut sich nicht jeder einfach so reinzufahren. Man nimmt einen Skilehrer, und wenn der ein Fuchs ist und ein bisschen ein Feeling hat, findet er immer super Abfahrten. Der schaut sich die Hänge von unten an, wo ist da noch Platz? Wir fahren Spur in Spur, der Skilehrer voraus, also hat man nach zehn Leuten vielleicht einen Streifen von fünfzehn Metern zusammengefahren. So nützen wir das Gelände aus. Wenn jeder einfach kreuz und quer reinfährt, geht alles kaputt. Das ist das Problem mit den Freeridern.

Die lästigen Snowboarder?
Nein, die Skifahrer mit den breiten Ski. Snowboarder sind bei uns weniger geworden. Wir haben in der Skischule auch Heliskiing und Freeriding ins Programm genommen, die Leute wollen extreme Dinge erleben, die kommen daher wie die Nordpolforscher, Mordsrucksack, Helm, und dann muss es runtergehen, am liebsten im Gelände.

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Was ist das größere Erlebnis: Pulverschnee oder Firn?
Ich bin jahrelang mit der 1a gefahren, das ist die Renngruppe. Die sind am Anfang total scharf auf Tiefschnee, aber zum Frühjahr hin sehnen sie sich nach Firn. Da musst du genau wissen: Wann kommt die Sonne in den Hang rein? Aber wenn du fünfzig Jahre Skilehrer bist, hast du das im kleinen Finger.

Der Hang soll leicht angetaut sein?
Ja. Über Nacht muss es gefroren haben, dann muss die Oberfläche weich werden, aber wenn du zu spät kommst, auch nur eine Viertelstunde, brichst du ein. Weil die Schicht, die durchgefroren ist, ziemlich dünn ist. Wenn einer mit ein paar Kilo mehr dabei ist, hast du das Theater beieinander. Aber momentan ist das Tiefschneefahren der Kick. Das wird ja eine Sucht.

Was ist der Kick daran?
Es macht einfach Spaß. Es geht weniger auf die Gelenke als Piste, es ist vom Rhythmus her schön, und wenn du Tiefschnee fahren kannst, kannst du alles. Man sucht sich Hänge, die relativ steil sind, und da muss man einfach runter. In der Falllinie.

Heißt, man kann nicht quer in den Hang reinfahren?
Genau. Weil man dann nie mehr herumkommt, die Kurve nicht kriegt. Und für viele ist es eine Überwindung, so steil herunterzufahren.

Über welche Skischüler freut man sich am meisten als Skilehrer?
So eine Renngruppe macht Spaß, da sind viele schon vierzig Jahre dabei.

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