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aus Heft 48/2011 Essen & Trinken

Graciela Cucchiara: früher Psychologin und Grafikerin, heute Wirtin

Karen Cop  Fotos: Julian Baumann

Was in der Münchner »Kochgarage« passiert, ist weit mehr als nur Arbeit nach Rezept. Hier werden sogar steife Hamburger weichgekocht.

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Graciela Cucchiara ist Italo-Argentinierin, sie mag große Stücke gutes Fleisch. Wenn sie in ihrem manchmal ulkigen Deutsch »Komm, wir machen China!« ruft, passiert das: Sie kauft beim Metzger ein geschlachtetes Schwein, reibt es mit Salz und Kräutern ein, hängt es an einem Haken an die Decke, stellt die Deckenventilatoren an und geht. Nach acht Stunden kommt sie wieder. Dann duftet es nach luftgetrocknetem Schinken. Und Graciela empfängt Gäste in ihrer Münchner »Kochgarage«.

Die Kochgarage ist Graciela Cucchiaras übergroße Wohnküche mit ungewöhnlichem Gastronomiekonzept: Speisekarten, Restaurant-Öffnungszeiten oder professionelle Küchenteams interessieren sie nicht. Rezepte? »Auch nicht.« Sie zeigt anderen Leuten lieber, wie Essen Spaß machen kann, wenn man zusammen kocht und dabei improvisiert. Dafür hat sie einen Industriebau aus den Sechzigerjahren gemietet, in einem Hinterhof mitten in München. Früher rührte hier die Firma Hindelang Kesselmilch zu Käse. Noch immer schlängeln sich die alten Kupferrohre an der Wand entlang. Den großen Tisch ersteigerte Graciela bei Ebay, für 101 Euro, von einem württembergischen Gemeinderat. »Gut Platz für 26 Esser!« Auf einer Empore thront eine riesige Kochinsel mit angrenzender Bar. »Damit jeder in der Küche bleiben kann.«

Als Kind stand sie neben ihrer italienischen Großmutter am Herd und kochte auf dem Kinderherd nach, was die in großen Töpfen brodeln ließ: selbst gemachte Pasta, dunkelrote Tomaten und Kräuter. Graciela Cucchiara, heute 54, liebt die Improvisation. »Rezepte lesen kann jeder«, erklärt sie, »besser, man lernt riechen.« Das kann man hier.

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In der Kochgarage gibt es keine Kochkurse. »Wir machen Kochevents.« In Workshops wird zu Anfang gemeinsam überlegt, was zu einem idealen Menü gehört. Graciela und ihre Schwester Monica kaufen die Zutaten ein, verstehen sich aber nicht als Vorkocher, sondern als Moderatoren. »Beim Kochen kommt man automatisch in Kontakt mit seiner kreativen Ader«, meint Graciela. Sogar steife Hamburger würden schnell weichgekocht. Große Firmen wie BMW, E.on, Danone oder Sony schätzten das »coaching by cooking«, wie Graciela es nennt, von Anfang an. Klar, beim Kochen kann man gut erkennen, wie ein Mensch reagiert, ob er laut »Scheiße« schreit, sobald sein Zucchini-Soufflé zusammenfällt. Oder ob er andere fragt, wie er es retten könnte. Nur ihre Familie, die sei nicht zu coachen, stöhnt Graciela, denn »das sind Latinos!«

Graciela Cucchiaras engstes Küchenhelfer-Team besteht aus ihren fünf Neffen, den Söhnen ihrer Schwester Monica, einer Sängerin. Graciela hat keine Kinder und ließ sich nach 18 Jahren Ehe scheiden. Ihr Exmann zahlte ihren Vermögensanteil aus. Rückblickend war diese Scheidung für alle ein »Glücksfall«. Graciela hat mal Psychologie studiert und als Grafikerin und Fotografin gearbeitet. Das Geld aus dem gemeinsamen Vermögen bot ihr Gelegenheit, endlich ein eigenes Unternehmen zu gründen und ihre Schwester Monica und drei ihrer Söhne von Portugal nach Deutschland zu holen.
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