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bedeckt München
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aus Heft 48/2011 Essen & Trinken

Robert Shaw: früher Regisseur und Videokünstler, heute Gärtner

Norbert Thomma  Fotos: Manuel Vasquez, Felix Brüggemann/Brigitta Horvat, Marco Clausen/Prinzessinnengarten

Eigentlich ging es nur um familienfreundliches Arbeiten – und was kam raus? Ein sehr lässiger Kneipengarten mit Kollektivbewirtung.

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Das Paradies liegt am Arsch der Welt. Wer es nicht sofort findet und die nähere Umgebung absucht, der sieht: Sozialbauten der Sechzigerjahre, eine Tankstelle, Discountmärkte, ein Billighotel, sanierte Plattenbauten, nackte Brandwände; schließlich einen Kreisverkehr, der zwei Verkehrsadern verknüpft, durch die sich Tag und Nacht Autos schieben und mit ihren Abgasen die Luft verpesten. Hier wurde vor gut zwei Jahren das Paradies eröffnet.

Man betritt es durch eine Tür in einem Maschendrahtzahn, der diesen wuchernden Garten umgrenzt. Ein giftgrüner Rechen liegt am Boden, Schubkarren stehen herum, blecherne Waschzuber, Holzböcke, aus zwei Autoreifen wachsen Bäumchen, in einem kleinen Wald von Robinien, Scheinakazien, hängen fünf Vogelhäuschen. Und überall: Hunderte von Plastikgitterkisten in Weiß, Rot, Grau, aufeinandergestapelt, mit Erde gefüllt und zu Beeten zusammengestellt.

Hier wachsen 15 Sorten Kartoffeln, zwanzig Sorten Tomaten, neun Sorten Karotten, zwanzig verschiedene Minzen, es wachsen Mangold und Chili, Kopfsalat und Zucchini, Lauch und Bohnen. An jeder Kiste hängt ein Zettel mit Buchstaben, Zahlen und dem Namen des Grünzeugs, das darin wächst. Weiter hinten steht auch eine große Holztafel mit einer Ernteliste, auf der sich die Buchstaben und Zahlen wiederfinden; im ganzen Durcheinander hat alles seine Ordnung.

Dies also ist der Prinzessinnengarten in Kreuzberg, Berlin, direkt am U-Bahnhof Moritzplatz. Seinetwegen war die Neue Zürcher Zeitung da, die New York Times, La Repubblica und die norwegische Aftenposten – die halbe Weltpresse; sogar CNN hat Kameras hierhergeschleppt, um zu berichten: Ein wunderlicher Garten inmitten von Beton und Verkehr! Ein Trend? Eine neue soziale Bewegung gar? Jedenfalls kein weiterer Fall von normalem Urban Gardening wie beim Tempelhofer Feld um die Ecke, bei dem jeder seinen eigenen Quadratmeter beackert. Im Prinzessinnengarten bearbeiten alle alles gemeinsam.

Es ist ein sonniger Herbsttag, die Saison geht langsam zu Ende. Mittagszeit. Ein Dutzend Leute um die dreißig werkeln herum. Ganz hinten an einer Hauswand steht ein weißer Container mit drei ausgeschnittenen Fenstern, aus denen es nach Gebratenem duftet. Die Küche serviert jeden Tag ein preiswertes vegetarisches Gericht; an warmen Tagen werden schon mal 200 zahlende Gäste bewirtet. Das Gelände wirkt zwar ein wenig wie eine Hippie-Kommune, aber mit den Pflanzen und dem Essen soll durchaus Geld verdient werden. Neun durch den Garten finanzierte Arbeitsplätze sind schon entstanden, die sich 18 Leute teilen.

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Der Container neben der Küche: Toilette. Der rote Container: das Café. Ein Gast bestellt einen doppelten Espresso, ein anderer Kräutertee. Die Frau hinterm Tresen schiebt ihm ein kleines Küchenmesser hin und zeigt auf zwei Pflanzen: »Das ist Verbene, Eisenkraut, sehr lecker. Schneide dir Blätter ab und tu sie in das Glas.« Sie gießt dann heißes Wasser auf, stellt Biohonig daneben und kassiert 2,50 Euro.

Irgendwo müsste auch Robert Shaw sein, 34, gelernter Dokumentarfilmer mit britischem Vater, seit zehn Jahren wohnt er hier um die Ecke. Er hatte mit einem Freund die Idee zu diesem wunderlichen Garten. Shaw? Die Frau vor dem Ladencontainer sagt lachend, das sei der mit Kappe und Handy. Und da geht er schon auf und ab, redet in die rechte Hand und raucht mit der linken. Er trägt Braun: Jackett, weite Hose, festes Schuhwerk; die Schiebermütze aus Tweed. Es ist der lässige Chic der Kreativen. Der Mann hat sein Geld meist mit Kulturprojekten verdient.
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