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aus Heft 48/2011 Das verstehe ich nicht

Zu viel der Ehre

Andreas Bernard  Foto: dapd, ap

Warum erhält Karl-Theodor zu Guttenberg ein prominentes Forum, um sich zu rechtfertigen, wenn er doch nichts einsieht?


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Guttenberg will die Politik zurückkehren, obwohl alles darauf hindeutet, dass er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt.


Die gelungensten Rehabilitationen sind die, die aus einer schonungslosen Auseinandersetzung erwachsen. Genau so funktioniert Giovanni di Lorenzos Interview mit Karl-Theodor zu Guttenberg. Denn bei aller Schärfe der Nachfragen gewährt es dem Gesprächspartner die Möglichkeit, den Wust der Vorwürfe zu entwirren, ihn zu trennen in einen berechtigten und einen unberechtigten Anteil; wo in Einzelheiten Zerknirschung demonstriert wird, Läuterung, kann ein innerer Raum der Aufrichtigkeit entstehen.

Von den ersten Seiten des Buches Vorerst gescheitert an, in den Passagen über den Dissertationsskandal, wird die Strategie Guttenbergs erkennbar. Es geht um die Deutungshoheit von Grenzen, die ihm di Lorenzo ohne jede Einschränkung überlässt. Was diese Grenze leisten soll, verdeutlicht ein Satz, mit dem Guttenberg auf dem Unterschied beharrt, dass seine Doktorarbeit nur fehlerhaft zusammengeschustert und nicht bewusst gefälscht war: »Das ist für mich ganz wichtig«, sagt er, »weil es auch etwas mit der eigenen Ehre zu tun hat.«

Hier wird die entscheidende Markierung getroffen, in ein Diesseits und ein Jenseits hinnehmbarer Kritik. Die eine Sphäre betrifft die Buchstaben, die Schrift, das Verzetteln in den achtzig Disketten, auf denen Guttenberg offenbar seine Fragmente gespeichert hat. Was diesen Bereich angeht, erklärt er sich mit wortreichen Entschuldigungen bereit, einen Verstoß einzugestehen; er nennt die aus Zeitmangel und Überforderung verursachten Fehler »unerträglich«, »unverzeihlich«, »ungeheuerlich«, »unsäglich«, »unentschuldbar«. Es ist folgerichtig, dass all diese Attribute der Selbstbezichtigung mit einer Negativ-Vorsilbe beginnen, denn er möchte diese in der Vergangenheit liegende Überforderung endgültig von sich abstoßen. Umso glänzender soll dadurch ein intakter Kern erstrahlen, der nichts mit Äußerlichkeiten wie Sprache oder Schrift zu tun hat, und zwar die »Ehre«. In den verschiedensten Varianten zieht sich die Betonung einer solchen angeborenen, von der intellektuellen Überforderung unbeschädigten Charakterqualität durch das Buch. Manchmal heißt sie »Haltung«, manchmal »Prinzipientreue«, und wenn Guttenberg mehrmals versichert, dass »die, die mich kennen«, ohnehin wüssten, dass er kein vorsätzliches Plagiat begehen würde, ist auch klar, dass sich ein Begriff wie »Ehre« über jede Argumentation, jede Textlektüre erhebt.

Dass gerade ein anerkannter Journalist, ein Mann der Buchstaben und der Schrift, Karl-Theodor zu Guttenberg ein Forum bietet, um diese Hierarchie auszustellen, ist ein bemerkenswerter Vorgang.

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