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aus Heft 49/2011 Liebe & Partnerschaft

Grauer Wolf sucht Haselmaus

Karoline Amon und Andreas Bernard  Fotos: Bert Heinzelmeier, Gianni Occhipinti

Unerfüllte Leidenschaft, verheulte Nächte - gibt es das nur bei Teenagern? Nein, auch Menschen über sechzig kennen Liebeskummer in all seiner Grausamkeit. Nur gilt er dann als Tabu - Senioren sollen aus dem Alter der großen Gefühle raus sein. Warum?  

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Hat er ihr Rendezvous vergessen? Oder kommt er absichtlich nicht?


Die Schmetterlinge im Bauch lösen sich irgendwann auf. Es gibt sie offenbar nur in den Körpern jüngerer Menschen. Liebeskummer, verstanden als die Qual unerwiderter Liebe, nicht als Trennungsschmerz nach dem Ende einer langen Beziehung, ist ein Gefühl, das mit einem bestimmten Alter – in den späten Fünfzigern? In den Sechzigern? – zu verschwinden scheint. In der Öffentlichkeit kommen liebeskranke Senioren, die ihre Umwelt wie Teenager wochen- und monatelang mit ihrer Leidensgeschichte strapazieren, nicht vor. Die Darstellung von Sex im Alter ist zwar spätestens seit Andreas Dresens Film Wolke 9 kein Tabuthema mehr - der Liebeskummer von Menschen über sechzig schon.  

Aber stimmt die öffentliche Absenz dieses Gefühls wirklich mit den realen Gegebenheiten überein? Bringen die stark anwachsenden Scheidungsraten, Trennungen nach jahrzehntelanger Ehe oder auch die Möglichkeiten, im Internet einen Partner zu finden, nicht eine Vielzahl von Rentnern und Großeltern hervor, die sich noch einmal unglücklich verlieben? Die das ganze Drama aus Hoffnung, kurzzeitiger Erfüllung und Abweisung durchleiden müssen wie ihre 14-jährigen Enkel? Man muss nur die Internetforen der Frauenzeitschriften oder die Kommentare auf den Online-Dating-Seiten ansehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie verbreitet diese Geschichten tatsächlich sind. Von Menschen wie Karin, 63, einer ehemaligen Altenpflegerin aus einer Kleinstadt bei Hannover, zweifache Großmutter.

Sie sitzt in ihrer Wohnung in einem Zweifamilienhaus, und die rötlichen Haare leuchten ein wenig in dem von der Herbstsonne nur schwach erhellten Zimmer; es ist dieses Rot mit einem Stich ins Rosé, das beim Färben grauer oder weißer Haare entsteht. Eigentlich freut sich Karin jedes Jahr auf den Herbst, sie mag die Farben: Ihr Sofa im Wohnzimmer ist mit einem dunkelroten Überwurf dekoriert, die beiden kleinen Teppichläufer sind orange-rot gestreift, auf dem Couchtisch steht eine Vase mit gelben Astern. Doch in diesem Jahr hat sie keinen Blick für die Schönheiten der Jahreszeit. Sie kann nicht aufhören, an diesen einen Tag im August zu denken, als sie ihn an der Haltestelle der Regionalbahn zum ersten Mal traf.

Sie hat nächtelang geweint, weil der Mann, den sie über das Internet kennengelernt hatte, nach zwei Treffen nichts mehr von sich hören ließ. Karin, eine 63-jährige ehemalige Altenpflegerin und zweifache Großmutter, leidet unter Liebeskummer – ein Gefühl, von dem viele glauben, dass es bei Menschen ihres Alters nicht mehr vorkommt.

Es ist die erste Begegnung mit einem Mann, den Karin über die Internet-Community 50plus-Treff kennengelernt hat. Als sie ihn die Rolltreppe heraufkommen sah, erzählt sie, »traf es mich wie ein Schlag«. Die beiden gehen ins nächstbeste Café. Sie nimmt seine Hand, sagt: »Spürst du, wie ich zittere?« Er sagt, ihm gehe es genauso, es sei Wahnsinn, was da gerade passiere. Doch die Wirkung dieses magischen Moments hält nur eine halbe Stunde lang an. Denn als Karin erwähnt, dass sie bald wieder nach Hause fahren müsse, weil ihre beiden Enkelsöhne warten, für die sie vorübergehend die Pflegschaft übernommen hat, erkaltet sein Interesse deutlich. Sie verabreden sich noch ein-, zweimal, beim letzten Telefonat sagt er: »Mach dir keine Sorgen«, aber sie hört nichts mehr von ihm. Seitdem kreisen Karins Gedanken, kreist sie selbst nur noch um ihr Handy, stundenlang, Abend für Abend. Kein Anruf, keine SMS. »Er sagte doch bei unserem ersten Treffen: Ich verzehre mich nach dir«, erinnert sich Karin. Den Beweis blieb er ihr schuldig.

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Karin leidet unter Liebeskummer. Sie hat zwar zwei Scheidungen hinter sich, eine schwere Krebserkrankung, ist Mutter zweier erwachsener Kinder, aber dennoch ist sie seit diesem letzten Telefonat, wie sie sagt, »total neben der Spur, wie erschlagen«. Sie kann mit niemandem reden, weint nächtelang. Sie betrauert nicht unbedingt den Mann selbst, sondern den Verlust dieses »intensiven Gefühls«. In der Vorstellung vieler Menschen sind solche Gefühle schwer mit einer Generation von Frauen in Verbindung zu bringen, die man noch bis vor Kurzem als gesetzte, erotisch neutrale Großmütter wahrgenommen hat, die mit den Enkeln spazieren gehen und am Sonntag einen Kuchen backen. Liebeskummer ist ein Gefühl, das den Jungen und Wankelmütigen gehört, und ein Blick in die einschlägigen Ratgeber für unglücklich verliebte Teenager verrät, warum sich diese Anschauung so hartnäckig hält. Denn der Tumult der Empfindungen wird hier an die Unfertigkeit des Körpers gekoppelt. »In der Pubertät spielen die Hormone verrückt«, schreibt Silvia Fauck, eine bekannte Liebeskummer-Expertin, in ihrem Buch SOS Herzschmerz, »und dieser bunte Cocktail lässt die eigenen Gefühle noch stärker kochen.« Das Drama um den unerreichbaren Schwarm aus der Parallelklasse ist also nur das Vehikel oder der Verstärker für ein Chaos, das sich ohnehin gerade im Innenleben abspielt. Genau diese Verschränkung von Biochemie und Biografie aber macht den Liebeskummer im Alter zu einem prekären, fast peinlichen Gefühl. Denn die Körper der Rentner und Großeltern sollten sich hormonell nicht nur längst konsolidiert haben, sondern bereits in eine Art Abwicklungsphase übergegangen sein. Was ist von einer »Achterbahn der Gefühle« zu halten, wenn die eigenen Emotionen eher dem Takt einer Krinoline folgen sollen?
Karoline Amon

, 45, reiste durch die Republik, um mit älteren Menschen über ihren Liebeskummer zu reden. Dann bekam sie eine Nachricht von ihrem 78-jährigen Vater: Er hatte sich gerade frisch verliebt! Für diese Geschichte kam er jedoch nicht in Betracht: Er und seine neue Liebe sind glücklich miteinander.

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