Anzeige

aus Heft 01/2012 Politik 6 Kommentare

Völker in Aufruhr

Seite 3: Al-Dschasira und al-Arabiya waren die wichtigsten Antreiber der Arabellion

Von Jürgen Todenhöfer  Fotos: Moises Saman/ Magnum


Die im Westen weit verbreitete Vorstellung, die ägyptische Revolution sei eine Facebook-Revolution gewesen, führt heute vor allem bei jungen Ägyptern zu fröhlichem Gelächter. Facebook spielte zwar zu Beginn des Aufstandes eine wichtige, die Kommunikation erleichternde Rolle. Doch ohne Facebook hätte man sich über Handys, Flugblätter oder Mundpropaganda verständigt. Wie bei allen späteren Massendemonstrationen. Facebook war immer nur eines von vielen Kommunikationsmitteln – wenn auch das einzige, das daraus sofort eine weltweite, lukrative Marketingkampagne machte.

Unvergleichlich größer war die Bedeutung von al-Dschasira und al-Arabiya. Sie waren die wichtigsten Antreiber der Arabellion – und sind sich dieser Rolle voll bewusst. Genauso wie der hinter al-Dschasira stehende Emir von Katar, der große Waffenlieferant der arabischen Revolution. Al-Dschasira und al-Arabiya sind längst nicht mehr nur Berichterstatter, sondern Motor, Einpeitscher der Revolution – soweit diese sich nicht gegen die Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien richtet. Darf man hinzufügen, dass Katar geostrategisch in erster Linie ein amerikanischer Stützpunkt ist und erst in zweiter Linie ein winziges arabisches Land mit nur einigen Hunderttausend inländischen Einwohnern?

Zusammen mit einigen westlichen Medien wirken diese beiden arabischen TV-Sender wie Brandverstärker, wie tausendfache Multiplikatoren, die den Aufstand um ein Vielfaches größer, mächtiger darstellen, als er tatsächlich ist. Täglich hämmern sie ihre revolutionären Meldungen und Reportagen kampagnenartig den Menschen der arabischen Welt ein. Oft aus Idealismus, doch noch öfter aus Machtkalkül sind sie treibender, meist übertreibender Teil der Umwälzungen. Die Revolution lebt von der medialen Verstärkung, von der Übertreibung, von der Dämonisierung der Unterdrücker, von der platten Unterteilung in Gut und Böse.

Die Ungerechten haben von ihnen keine Gerechtigkeit, keine Objektivität und schon gar keine Wahrheit zu erwarten. Wie im Krieg ist auch in der Revolution die Wahrheit das erste Opfer. Sie wird hemmungslos verbogen. Horror- und Gräuelmärchen haben Hochkonjunktur. Notfalls werden sie inszeniert. Revolutionspropaganda ist immer einseitig. Untaten begehen stets nur die anderen. Eigene Verbrechen werden totgeschwiegen oder der anderen Seite in die Schuhe geschoben. YouTube-Videos, die vor keinem ordentlichen Gericht als Beweismittel zugelassen würden, werden als unumstößliche Wahrheiten behandelt. Leider sind sie es manchmal auch.

Revolutionen sind die hohe Zeit der Märchenerzähler, der »Hakawatis«. Heute wie in der Französischen Revolution. Die Taschen der Soldaten Gaddafis waren nie mit Viagra gefüllt, wie Luis Moreno Ocampo, der Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof, und die amerikanische UN-Botschafterin Susan Rice behauptet hatten. Mörder und Vergewaltiger brauchen kein Viagra. Und so verschwand das Viagra-Gerücht wieder aus den Schlagzeilen, nachdem es seinen Zweck erfüllt und die NATO die Panzer Gaddafis vor Bengasi vernichtet hatte. Wie einst die »Kuwait-Baby-Lüge« vor dem Zweiten Golfkrieg.

In den vier Wochen, die ich im Juni und im November in Syrien verbrachte, habe ich so viele Falschmeldungen erlebt, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte. An einem Novembertag, an dem al-Dschasira mehrfach fünf zivile Todesopfer in Homs, der Hochburg der Revolution, gemeldet hatte, besuchte ich das dortige Zentralkrankenhaus. Doch von Todesopfern oder Verwundeten war den Ärzten an diesem Tag nichts bekannt. Auch nicht aus anderen Krankenhäusern. Als ich einen der Ärzte auf die Falschmeldung hinwies, beendete er das Gespräch kommentarlos. Al-Dschasira ist längst eine mediale Weltmacht. Vielleicht aber war dem großartigen Mann diese eine Falschmeldung auch gleichgültig. Zahllose Unschuldige waren schließlich an anderen Tagen in seinem Beisein gestorben. Sinnlos ermordet, von welcher Seite auch immer.

Anzeige


Ebenfalls im November berichtete die Weltpresse über eine humanitäre Katastrophe in Homs. Da ich genau in jenen Tagen auf dem Wochenmarkt von Homs Stände voller Fleisch, Gemüse und Obst gesehen hatte, sprach ich bei einem späteren Besuch der Stadt einen Revolutionär auf die seltsame Meldung an. Er lachte vergnügt. An dieser Falschmeldung sei nicht al-Dschasira schuld. Die hätten er und seine Freunde gestreut.

Im Dezember meldete die Weltpresse aus Syrien ein »iPhone-Verbot«. Ich rief einen mir bekannten iPhone-Besitzer in Damaskus an. Er bedauerte ironisch, dass die Meldung nicht wahr sei. So müsse er auf seinem iPhone weiter unsinnige Falschmeldungen dementieren.

Die syrische Regierung ist an diesem Informationschaos mitschuldig. Die große Zeit der Falschmeldungen und YouTube-Videos begann erst, als sie der ausländischen Presse die Einreise verbot. Und leider ist die Glaubwürdigkeit der Meldungen des syrischen Staatsfernsehens auch nicht größer als die von al-Dschasira und al-Arabiya.

Die Rolle der Mittel- und Großmächte
Die Mittel- und Großmächte versuchen fast immer, sich in den Kreislauf der Revolutionen einzuklinken, ihn zu steuern, um am Ende den Sieger mitzubestimmen.

Von den Ereignissen in Tunesien und Ägypten weitgehend überrascht, haben vor allem die USA den Arabischen Frühling als einmalige Chance erkannt, den Mittleren Osten nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Ihr vorrangiges Ziel ist dabei nicht Demokratie, sondern die Durchsetzung und Absicherung eigener Interessen – in einem proamerikanischen »Greater Middle East«. Verbündete wie Saudi-Arabien oder Bahrain haben daher vom Westen nichts zu befürchten. Demokratiebewegungen gegen diese Diktaturen dürfen weiter niedergeknüppelt werden.

Ganz anders verhält sich der Westen, wenn es sich um Revolutionen gegen erklärte Feinde handelt und er dabei – wie bei Gaddafi und Assad – seine »Schurkenliste« abarbeiten kann. Dann wird er wieder zum Herold der Menschenrechte. Er bildet »Heilige Allianzen« zur Verteidigung der Demokratie, so wie die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert »Heilige Allianzen« zur Verteidigung der Monarchie gründeten. Mit derselben gespielten Inbrunst. Revolution und Intervention vermischen sich zu einem schmutzigen Geschäft. Und über allem schwebt die Lüge.

Selbst dort, wo Großmächte den Revolutionären schließlich zum Sieg verhelfen, stehlen sie ihnen am Ende oft die Revolution. Es geht ihnen nie um die Freiheit der Unterdrückten, der »Verdammten dieser Erde«.

Der zähe Prozess der Demokratisierung

Nur selten gelingt es den Revolutionären, ihren Traum von Freiheit, Würde, Arbeit und Wohlstand im ersten Anlauf zu verwirklichen. Nur selten erkennen sie, dass hierzu nicht nur eine Revolution an der Spitze des Staates, sondern auch in den Köpfen der Menschen erforderlich ist.

Man braucht Jahrzehnte, Jahrhunderte, um echte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Menschenrechte zu lernen – und oft noch länger, um ihre Früchte zu ernten. Revolutionen sind nur ein kleiner Schritt auf dem langen Weg zum demokratischen Rechtsstaat. Noch heute suchen Demokraten des Westens nach der »wahren Demokratie«.

200 Jahre lang gab es auch in Europa immer wieder Rückschläge, Zerstörungen, Blut und Tränen. Wer die arabische Revolution schon nach wenigen Monaten als Erfolg bejubelt oder als Misserfolg abschreibt, weiß nichts von der langen Revolutionsgeschichte unseres eigenen Kontinents. Arabien kann nicht in einigen Monaten das erreichen, wozu der Westen Generationen gebraucht hat.

Die arabischen Demokratien werden bei Erfolglosigkeit und revolutionärem Kater stets vom Rückfall in autoritäre Herrschaftsformen bedroht sein. Wie die Demokratien der westlichen Welt. Demokratie muss jeden Tag neu gelebt und verteidigt werden. Die populistische Diktatur ist der gefährlichste Feind aller Demokratien, ihr ewiger Begleiter, ihr ständiger Schatten. Auch Deutschland hat diesen Schatten nicht für immer abgeschüttelt.

Es gäbe Alternativen zum blutigen, barbarischen Elend der Revolution: wenn sich die bedrohten arabischen Herrscher an die Spitze der Demokratiebewegung stellten und eine Revolution von oben wagten. Die Könige von Saudi-Arabien, Marokko oder Jordanien, ja sogar der syrische Präsident Baschar al-Assad, hätten diese Chance noch immer. Doch wie lange noch?

Kurz vor meinem Rückflug nach Deutschland Anfang Dezember ging ich in Bengasi noch einmal über den Platz der Befreiung. Er war mit Hunderten Fahnen und Tausenden Fotos gefallener Rebellen geschmückt. Die Augen Abdul Latifs schauten mich gleich von mehreren Postern fragend an. Auf einer riesigen, alles überragenden Plakatwand aber stand: »We have a dream«. Obwohl in Libyen nur wenige Menschen Englisch sprechen. Ahmed, der Bruder Abdul Latifs, zupfte mich sanft am Ärmel: »Sagen Sie Ihren Freunden, die dieses schöne englische Plakat entworfen haben, dass dieser Traum uns gehört. Unsere Toten sind für eine arabische Revolution gestorben, nicht für eine amerikanische.«

Jürgen Todenhöfers Buch »Feindbild Islam: Zehn Thesen gegen den Hass« finden Sie hier.

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • ENDBUREAUCRAZY BULLIES (0) NEW - https://www.youtube.com/watch?v=jtWCcCkB...

    NOT THAT IT IS GERMAN OR EUROPEAN UNION'S FOLD FOR WHAT IS TAKING PLACE, BUT INSTEAD LIBERAL/COMMUNIST BUREAUCRACY BULLIES IN INDIVIDUAL EUROPEAN STATES WHO LOVE TO PICK ON SMALL PEOPLE WITH IDEA TO TURN THEM INTO DISSIDENTS FOR THE SAKE OF THEIR POLITICAL AGENDA (anti German-European sentiment is used or stereotyping = exactly why we see Greece in flames and numerous people are incarcerated throughout German prison system) WITH USE OF GENOCIDE PROCEDURES WHILE BEHIND OUR BACKS, CRIMINALS ARE SUGGESTING TO THE REST OF COMMUNITY DURING THEIR BOGUS FINANCIAL CRISES WHICH THEY HAVE CREATED, HOW IT'S RIGHTISTS FOLD FOR EUROPEAN UNION TO FALL APART AND EVEN HOW THERE IS STILL HOPE(because YOUR hope people, dies last if you remember)...WE CAN STILL SAVE EUROPE(after they have screwed Europe with third world population flood and cheap Chinese imports = all with INTENTION to turn you in jobless trash for the sake of NWO, they dare to talk to you about hope - imagine this).

    As far as America, see for yourself on video(truth about chameleon Ron Paul, other presidential candidates, and manipulated voting pols)...
    NEW - https://www.youtube.com/watch?v=jtWCcCkB...
  • Stefan Finke (0) @ Herrn Donauer: Was ist das denn für eine schräge Behauptung - jetzt sind also nicht die Angreifer schuld, sondern die Angegriffenen selbst ...? Wahrscheinlich sind Sie Psychoanalytiker, dass Sie so einen Unfug in die Welt setzen. Haben Sie nicht gelesen,
    - dass Todenhöfer selbst unter Beschuss war?
    - dass es hieß, Breda sei befreit?
    - dass der ortskundige Herr Latif selbst der Meinung war, die Passage sei ungefährlich?
    Ich sehe nicht, dass Todenhöfer unverantwortlich gehandelt habe. Ihre Bemerkungen entbehren jeder Grundlage. Also wahrscheinlich wirklich Psychoanalytiker ... :)
  • Wolfgang Donauer (1) Hat sich Herr Todenhöfer nicht einmal gefragt, ob er an dem Tod seines Freundes Abdul Latif mit Schuld ist? Immerhin war es ausdrücklich sein Wunsch von Bengasi nach Brega zu fahren. Er hat dadurch seinen Freund und andere Mitfahrer in die Gefahr gebracht, die schließlich tödlich endete.
  • Janusz Pomer (0) Nein, Herr Todenhöfer ist nicht objektiv, für mich sogar unangenehm subjektiv.
    Die ganze "kritische " Welt, die Süddeutsche ausdrücklich eingeschlossen, berichtet doch so gerne u.a. über Hunger in Gaza. In Anbetracht der vollen Verkaufsstände eigentlich eine recht unglaubliche Nachricht, an die allerdings so viele so gerne glauben. Kam Herr Todenhöfer nie auf die Idee, in Gaza nachzufragen, wessen Idee es war, vom ununterbrochen "Hunger in Gaza" zu berichten? Dabei könnte er natürlich dem Apartheid-Vorwurf gegen Israel nachgehen. In dem er beispielsweise die Richterin, die Präsident Katzav ins Gefängnis schickte und die zufällig Araberin ist, nach ihrer Meinung zu dem Thema "Israel ein Apartheid-Staat" fragen könnte. Oder den stellvertretenden Generalinspekteur der israelischen Polizei. Der auch israelischer Araber ist.
  • Tihomir Tumbri (0) Leider fehlt Herr Todenhöfer die Objektivität in dieser
    Berichterstattung . Demnach währe zu erwähnen das die ganzen Revolutionen in der Arabischen Welt niemals zustande gekommen währen , wenn es nicht OTPOR gäbe . OTPOR eine Studentenbewegung aus Serbien die damals Slobodan Milosevic zu Fall brachten und demnach ein Handbuch herausgebracht haben wo es genau aufgeführt ist wie man Korrupte Regime zu Fall bracht .
    Wo diesem Handbuch hat die ganze Arabische Welt gebraucht gemacht. MFG
  • Josef Geb (1) Die Realtät in Lybien wird und wurde immer wieder in den Medien unkorrekt dargestellt! Nicht das gesammte Volk hat Gaddafi gemeuchelt! Viele trauern ihm nach!
    Natürlich war er verbohrter Tyrann, der weg musste! Wir werden ja sehen, ob sie dort die Kurve zur Demokratie hinbekommen.
    Übrigens habe ich einen FB-Freund-Scheich in einer Oase 1000 km südlich von Bengasi. Er hat von Bürgerkrieg nichts mitbekommen!
    alias Joe Geb