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aus Heft 01/2012 Politik

Völker in Aufruhr

Jürgen Todenhöfer  Fotos: Moises Saman/ Magnum

Der Arabische Frühling hat 2011 die ganze Welt bewegt. Unser Autor ist vier Monate lang durch den Nahen Osten gereist - und weiß jetzt: Die unruhigen Zeiten haben erst begonnen.

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Die verweigerte Freiheit

Achtzig Jahre benötigte die Französische Revolution, um nach ihrem explosionsartigen Ausbruch 1789 und zahllosen blutigen Rückschlägen Frankreich eines Tages doch noch zu einer Demokratie zu formen. Fast 130 Jahre dauerte es in Deutschland. 222 Jahre brauchte die Französische Revolution, bis sie die arabische Welt erreichte.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die Einführung der Demokratie in der arabischen Welt waren nie Ziel des Westens. Freiheit hieß dort nie Freiheit von uns. Als der Westen Arabien nicht mehr kolonisieren konnte, unterstützte er dort Monarchien und autoritäre Herrscher, die bereit waren, sich gegen Waffen und Geld außenpolitisch anzupassen. Und die jede demokratische Bewegung im Keim erstickten. Bis Anfang 2011 hat der Westen den arabischen Diktatoren in beschämender Weise bei der Unterdrückung ihrer Völker geholfen.

Ihre Sicherheitsapparate benutzte er als Folterfilialen. Terrorverdächtige – oft Unschuldige – wurden heimlich nach Nordafrika transportiert, weil die dortigen Diktatoren besser folterten. Eine besonders beliebte Folterzweigstelle waren bis zuletzt die Kerker Muammar al-Gaddafis. Für seinen Folterservice wurde Gaddafi manch extravaganter Wunsch erfüllt. Sarkozy versorgte ihn mit dem Traumgefährt aller Mafiabosse, einem gepanzerten Tarnkappen-Mercedes, Tony Blair lieferte ihm einen libyschen Regimegegner ans Messer, und Deutschland versorgte ihn mit modernsten Waffen. Wie andere NATO-Staaten und wie Russland. Eine dieser Waffen verwandelte in Libyen unser Auto in einen Feuerball und tötete meinen Freund Abdul Latif.

Abdul Latif al-Hadi al-Jaaki, ein fröhlicher Kaufmann aus Bengasi, war im März 2011 unser Gastgeber gewesen. Sein Lieblingssatz hieß: »Why not, warum nicht?« Und so hatte er auch geantwortet, als ich ihn fragte, ob wir von Bengasi nicht zur 200 Kilometer entfernten Ölstadt Brega fahren könnten. Gaddafi-Truppen hatten Brega tagelang besetzt. Nun aber war die Stadt angeblich befreit.

Mittags waren wir losgefahren. Abdul Latif wollte uns zeigen, wie es in einer Frontstadt aussah, die mehrere Tage lang in den Händen von Gaddafi-Truppen gewesen war. Wir sollten es nie erfahren.

25 Kilometer vor Brega, im »Tal der Flammen«, stießen wir auf fünf ausgebrannte, teils noch glimmende Zivilfahrzeuge. Wir stiegen aus, um sie zu fotografieren, als das Inferno begann. Erst traf eine Boden-Boden-Rakete mit teuflischem Zischen unser Auto, in das sich Abdul Latif gerade wieder gesetzt hatte. Dann ging auf mich und meine Begleiter – die deutsche Videojournalistin Julia Leeb und der junge Libyer Yussuf – ein Geschosshagel nieder, als wollten die Soldaten Gaddafis eine ganze Armee vernichten. Drei Stunden dauerte der Beschuss mit Flakgeschossen, Granaten und Raketen. Eine Sanddüne, hinter die wir uns geworfen hatten, rettete uns das Leben. Als die Nacht hereinbrach, flohen wir durch die Wüste Richtung Bengasi.

Ende November kehrte ich ins »Tal der Flammen« zurück. Am Kampfplatz fand ich zahllose Granat- und Raketenhülsen. Viele aus westlicher Produktion. Gaddafi hat alle Waffenimporte aus Ost und West zur Bekämpfung seines Volkes eingesetzt. Und zum Ausschalten von Menschen, die ihn dabei beobachteten.

Nichts anderes wird mit den jetzigen deutschen Waffenexporten an jene Diktatoren Arabiens geschehen, die angeblich unsere »strategischen Partner« sind. Noch immer unterstützt der Westen skrupellos arabische Diktaturen – Saudi-Arabien ist nur ein Beispiel – bei der Unterdrückung ihrer Völker.

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Die Zeit der Duldung
Jahrzehntelang haben die arabischen Völker die Ungerechtigkeiten und Demütigungen ihrer postkolonialen Herrscher ertragen. Gelegentliche Aufstände gegen das Unrechtssystem wurden von den Mächtigen mühelos und brutal niedergeschlagen. Im Irak, in Syrien, in Libyen und in Algerien. Viele Araber arrangierten sich irgendwann, manche profitierten sogar von den Machtverhältnissen. 222 bleierne Jahre Kolonialismus, Postkolonialismus und Diktatur mussten die Menschen Arabiens erdulden. Ich habe diese Geduld nie verstanden.

Seit 50 Jahren bereise ich die arabische Welt. Sie wurde mir fast zur zweiten Heimat. 1960 erlebte ich in Algier und Constantine den Algerienkrieg mit, 1961 die blutige tunesisch-französische Bizerta-Krise. Mit einer Kamelkarawane durchquerte ich die algerische Sahara und schrieb am Rande der marokkanischen Wüste ein Buch über den Krieg im Irak. Zahllose Male war ich in Syrien und Ägypten – vor allem in den letzten zehn Jahren. Nichts deutete auf den aufziehenden Sturm hin.

Der Aufstand der Ohnmächtigen
Irgendwann – ein bestimmter Grad an Frustration und Erniedrigung war lange zuvor erreicht – führten der Selbstmord eines Gemüsehändlers, die Ermordung eines Bloggers erst in Tunesien, dann in Ägypten zu einem vulkanartigen Ausbruch der aufgestauten Bitterkeit.

Plötzlich, wie durch ein Wunder, entstand in der Gemeinschaft von ein paar 100, 1000 oder 10 000 Machtlosen eine rauschartige »revolutionäre Stimmung« – ein nie gekanntes, mit dem Verstand nicht erklärbares Gefühl unwiderstehlicher kollektiver Macht. Der demokratische Virus und sein wohliges Fieber hatten von den Menschen Besitz ergriffen und ließen sie nicht mehr los.

Die Hoffnung war auf einmal größer als die Angst, wie Abdul Latif mir lächelnd erklärte. Obwohl die Aufständischen fast nie Mehrheiten hinter sich hatten. Die Mehrheit der Völker ist selten revolutionär. Ihre euphorische Siegesstimmung verbreitete sich wie ein Lauffeuer, wie eine Epidemie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Revolutionen kennen keine Grenzen. Wie ein Feuersturm, ein Tornado, ein Tsunami traten die bisher Ohnmächtigen, Gedemütigten, Unbeachteten ihren Machthabern entgegen und wunderten sich über ihren Mut und ihre Stärke.

Die Revolution in Tunesien hatte ich noch für einen Sonderfall gehalten. Als auch in Ägypten Hunderttausende auf die Straßen gingen und Freiheit und Demokratie forderten, spürte ich: Der Augenblick, auf den ich immer gewartet hatte, war gekommen. Die arabische Welt hatte beschlossen, das Joch der Diktatur abzuschütteln. Ich flog nach Kairo. Vier Monate habe ich seitdem in Tunesien, Ägypten, Marokko, Libyen und Syrien verbracht. Auch nach Gaza und Lampedusa bin ich gereist.

Vieles wiederholte sich, was ich von den Revolutionen Europas wusste. Sogar die Symbole und Bilder Fahnen schwenkender Kinder und Jugendlicher glichen sich. Auf dem Boulevard Habib Bourguiba in Tunis, dem Tahrir-Platz in Kairo, dem Platz der Befreiung in Bengasi.

Selbst die Exzesse ähnelten sich. Nicht selten – wie in Libyen – zerstörten die Rebellen im Siegesrausch Paläste und kostbare Kunstdenkmäler und vergaßen, dass diese inzwischen ihnen gehörten. Als sie Gaddafi wie einen Hund massakrierten, unterschied sie einen Augenblick lang nichts mehr von ihrem Tyrannen. Nicht anders hatten die Aufständischen der Französischen Revolution ihre Ideale verraten.
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Jürgen Todenhöfer

, 71, ehemaliger Richter, CDU-Bundestagsabgeordneter und Medienmanager, bereist seit 50 Jahren regelmäßig die arabische Welt. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien von ihm »Feindbild Islam: Zehn Thesen gegen den Hass«.

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