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aus Heft 42/2007 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare

Wenn die Liebe langsam stirbt

Kein Rosenkrieg, nicht mal ein richtiger Streit: die traurige Geschichte eines Ehepaars, das mit den Jahren einfach aufhörte, ein Paar zu sein.

Von Nina Poelchau (Text); Martin Parr (Fotos) 



Juni 2007

Als sie mit dem gemeinsamen Rechtsanwalt zusammensitzen, im Straßencafé am Bach, da wo die Traumwohnungen sind, für die sie sich auch mal interessiert haben, holt Beate die Zigarettenschachtel aus der Handtasche. Sie lässt sich vom Anwalt Feuer geben. Sie zieht. Bläst den Rauch über den Tisch. Guckt zum Wasser. Sie überlegt: »Meine Güte, wie scheißegal es mir heute ist, vor Franz zu rauchen!« Ein herrliches Gefühl breitet sich in ihr aus. Freiheit. Franz sieht ihr zu, er macht, aus alter Gewohnheit, ein vorwurfsvolles Gesicht. Er denkt: »Soll sie sich doch kaputt rauchen. Ich hab ja geahnt, dass sie sofort raucht wie blöd, wenn ich sie nicht mehr daran hindere.«
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Der Scheidungstermin liegt eine halbe Stunde zurück. Der Tag, als Franz auszog, ein Jahr und 47 Tage. Vor einer halben Stunde saßen Franz, 42, und Beate, 37, auf der Bank dem Richter gegenüber. Ein väterlicher Typ. Heile Familie im Rücken, denkt Beate, vielleicht ist er schon Großvater. Sie kennt das inzwischen: Menschen, die diese Heile-Familie-Ausstrahlung haben, wirken auf sie wie K.-o.-Tropfen. Sie fühlt sich niedergestreckt. Der Richter fragt, ob sie wirklich sicher seien. Sie sähen doch »ganz einträchtig« aus. So, als würde »ganz einträchtig« reichen, um eine Ehe zu führen. Der Richter versucht einen kleinen Witz: »So einträchtig sehen andere Paare vor dem Standesbeamten aus!« Franz sagt: »Ja, wir sind sicher.« Beate sagte: »Ja, wir sind sicher.« Sie fügt noch hinzu, als müsse sie sich rechtfertigen: »Wir haben sogar sechs Stunden Mediation gemacht.«

April 2006
Gefühlschaos: Erleichterung. Schock. Angst. Nach 15 Jahren, fünf guten, fünf mittelmäßigen und fünf schlechten, nach der immer schneller zirkulierenden Entmutigungsspirale. Sie liegen im Bett in der Ferienwohnung auf Lanzarote, Jona, der zehnjährige Sohn, im Nebenzimmer, es ist die letzte Urlaubsnacht. Kein »Gute Nacht«. Kein Gutenachtkuss. Früher hat Beate nicht geraucht, weil Franz sie zur Strafe nicht küsste, wenn sie nach Rauch schmeckte. Auf Lanzarote war es längst so: Sie rauchte, weil sie sich sowieso längst nicht mehr küssten. Natürlich war das Rauchen nur eins von vielleicht hundert Ärgerthemen, Knebelungskapiteln. Wie sehr er – zum Beispiel – ihren genervten Blick hasste, wenn er aus der Klinik kam, sich vor dem Fernseher ins Sofa fallen ließ, die Aktienkurse studierte. Oder die Preise in den Zeitungsbeilagen verglich. Beide können nicht schlafen. Er fängt an: »Lassen wir’s endlich. Wir gehen ein so.« Sie: »Ja. Ich jedenfalls gehe ein, so.« Es ist aus. Sie haben sich geliebt, gestritten, eisern geschwiegen, entliebt. Es ist, daran halten sich beide fest, wie in Tausenden anderen Ehen auch, also eigentlich kein Drama. Man kann eine vernünftige Lösung finden. Als sie aus dem Urlaub zurückkommen, zieht Franz aus, in die Ferienwohnung seiner Eltern, Miete: 200 Euro. Er reicht die Scheidung ein, aber die Scheidung auf dem Papier nach dem offiziellen Trennungsjahr betrachten beide nur noch als eine Formalie.

Juli 2006
Aus zwei Welten mit ungefähr 80-prozentiger Schnittmenge müssen zwei Welten fast ohne Schnittmenge werden; die einzige Schnittmenge, die bleiben soll, ist Jona, sind Jonas Gefühle, ist Jonas Leben. Die eine Schnittmenge zu verlieren, die andere zu behalten, das ist viel schwerer, als sie denken, manchmal so schwer, dass Franz es morgens kaum schafft, aufzustehen und in die Klinik zu gehen, und Beate sich nachts im Bett wälzt und tagsüber immer unruhig herumrennt und herumtelefoniert, als könnte sie durch ständige Betriebsamkeit die Last abschütteln wie Blutegel, die sich festgesaugt haben. Das Leben hatte seine Ordnung, 15 Jahre lang. Jetzt zerfällt alles. In wessen Welt zum Beispiel gehören gemeinsame Freunde? Iris und Peter, Anna und Mario. Sie waren drei Paare, die sich seit dem Studium kannten. Iris und Mario waren die Trauzeugen. Was für eine schöne Liebe: Beate und Franz hatten sich in einem Stocherkahn in Tübingen kennengelernt. Sie war mit einem anderen liiert, damals, Franz kämpfte mit Rosen und einer viel zu teuren Romreise – und ge-wann. Sie: schneewittchenhaft schwarze Locken, er: hellblond; als die beiden zwei Jahre später, im September 1991, heirateten, natürlich mit Stocherkahnfahrt am Nachmittag, sie im sahnefarbenen Seidenkleid, er im goldschimmernden Anzug, gab es viele, die gewettet hätten: Das hat Märchencharakter. Das bleibt.

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