aus Heft 04/2012 Unterhaltung Noch keine Kommentare
»Zum Jammern findet sich immer was«
Seite 4: Mein Lieblingswort aus der Medizin: »Ösophagusvarizenblutung«
Von Max Fellmann (Interview) Fotos: Paul Kranzler
Haben Sie ein Lieblingswort aus der Medizin?
Sehr gut gefällt mir »Ösophagusvarizenblutung«. Das habe ich sogar in einem Drehbuch verwendet. Ösophagusvarizenblutung, das ist, wenn bei schweren Alkoholikern die Blutgefäße im Rachen porös werden und platzen. Wenn diese Alkoholiker dann blutverdünnende Medikamente nehmen, kann es passieren, dass sie in ihre Speiseröhre hineinbluten. Die können regelrecht in den eigenen Magen hineinverbluten. Eine faszinierende Sache.
Sie meinen: scheußliche Sache.
Aber auch faszinierend! Ich habe einen Kollegen in Wien, den Lukas Resetarits, den kennen Sie als Kottan, der war sogar schon mal bei einer Hämorrhoiden-Operation im OP dabei.
Wer will denn so was?
Ich denke, wir sind so ein bisschen verhinderte Ärzte.
»Wir« - die Österreicher? Die Hypochonder? Die Kabarettisten?
Wir österreichischen hypochondrischen Kabarettisten.
Warum sind die Österreicher so fasziniert vom Tod? Nicht so sehr die Österreicher allgemein, eher: die Wiener. Die Beschäftigung mit dem Tod ist etwas Ostösterreichisches.
Macht der Salzburger das nicht?
Ach, der Salzburger ist ja quasi ein Bayer. Dass das Thema Tod im Osten, in der Wiener Gegend, so eine große Rolle spielt, könnte damit zu tun haben, dass die zwangsweise Beschäftigung mit den unangenehmen Seiten des Lebens - auch die Angewohnheit, darüber Witze zu machen - aus dem jüdischen Humor kommt. Andererseits … in Norddeutschland gibt es auch viel schwarzen Humor. Ich bin zwei Wochen nach dem 11. September im Bremer Schauspielhaus aufgetreten. Vorher habe ich den Inspizienten gefragt: Sollte man dem Feuerwehrmann nicht sagen, dass ich auf der Bühne rauche? Und der sagt: »Ach, die sind jetzt ganz andere Sachen gewöhnt.« Das war in einer Zeit, wo ganz Deutschland Trauer trug und sich gefragt hat, ob überhaupt je wieder ein Witz erlaubt sein wird.
Noch eine ganz andere Krankheit: die Liebe. Befällt den Menschen, hat manchmal sogar ähnliche Symptome zur Folge, fiebrige Zustände, Gänsehaut.
Vor allem, wenn man richtig unglücklich verliebt ist. War ich in meiner Jugend oft. Ein sehr schönes Fieber. Weil man ja immer hofft und so intensiv lebt und sich so freut auf ganz kleine Momente, die dann eh nix bringen. Ich habe das aber nie als rein unglückliche Zeit erlebt, sondern immer auch ein bissl genossen.
Das kann man im Rückblick sagen, aber wenn man mittendrin steckt?
Nein, auch damals, ich hatte immer Freude an dieser Intensität.
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Aber meistens kann man in solchen Situationen nicht viel draus machen, man leidet halt so vor sich hin, oder?
Man könnte Lieder komponieren oder Gedichte schreiben. Beethoven und Schubert haben viel gemacht aus ihrem Liebeskummer. Bei mir geht das leider gar nicht, ich bring nur was zusammen, wenn es mir gut geht.
Die alte Frage: Entsteht die beste Kunst immer aus Unglück?
Es gibt natürlich unter den großen Künstlern viele unglückliche. Die Schauspieler, die ich besonders verehrt habe, waren sehr oft unglückliche Existenzen. Zum Beispiel Norbert Kappen. Ein Deutscher, der am Wiener Burgtheater in den Siebzigerjahren viele Hauptrollen gespielt hat. Alle hatten Angst vor ihm, weil er sich so reingesteigert hat in seine Rollen, dass sie nicht sicher waren, ob er die Desdemona nicht wirklich würgt.
Was wurde aus ihm?
Hat sich erschossen. Mitte der Achtzigerjahre.
Lassen Sie uns noch kurz über den Patienten Europa reden. Europa hat gerade ziemlich Grippe, oder?
Dem Euro geht’s schlecht, den Märkten, den Banken, den Menschen. Ja, ein böser Katarrh. Es gibt ja Leute, die die Krise regelrecht begrüßen, weil sie finden, das bisherige Wirtschaftssystem als solches funktioniert nicht richtig. Die haben völlig recht. Die Sache ist nur: Bis jetzt haben wir ja keine richtige Krise, sondern nur eine Krise im Finanzsystem. Was ist, wenn eine wirkliche Krise kommt, eine, die die ganze Gesellschaft erfasst? Wir Europäer haben ja eine echte Krise in unserem Leben noch nie erlebt. Was wir heutzutage als Krise bezeichnen, ist gar nicht vergleichbar mit dem, was früher eine Krise war, Kriege, Katastrophen.
Beunruhigend ist es trotzdem.
Ja, aber ich habe Angst davor, was passiert - auch politisch -, wenn mal eine richtige Krise kommt. Wenn unser Lebensstandard rapide sinkt. Wenn in ärmeren Ländern alles noch viel schrecklicher wird, weil sie dann gar nichts mehr exportieren können, weil wir auch nichts mehr kaufen. Die einen rutschen vom absoluten Existenzminimum dorthin, wo sie eigentlich nur noch sterben können. Und wir werden von unserem hohen Ross so runtergeschraubt, dass man Angst haben muss um die Demokratie. Kann alles kommen.
Was sollen wir dagegen tun?
Als Einzelner kann man gar nichts tun. Und wir sind eine Gesellschaft der Einzelnen. Also warten wir - wie auf den Schnee.
Biografie:
Der Österreicher Josef Hader, 49, ist Schauspieler, Kabarettist und Drehbuchautor. Mit Soloprogrammen wie Privat und Hader muss weg entwickelte er eine Art Antikabarett, das auch Zuschauer begeistert, die mit Kleinkunst eigentlich nichts anfangen können. Erfolge feierte er als Schauspieler vor allem als verkrachter Ex-Polizist Simon Brenner in den Krimis Komm, süßer Tod, Silentium und Der Knochenmann. Hader lebt in Wien und tritt regelmäßig im gesamten deutschen Sprachraum auf.
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