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aus Heft 05/2012 Politik

Das bessere Bagdad

Malte Herwig  Fotos: Simon Norfolk

Nach acht Jahren Krieg gegen den Terror sind die letzten amerikanischen Truppen aus dem Irak abgezogen. Und wo beginnt jetzt das neue Leben? Ausgerechnet in Erbil, mitten im Gebiet der ewig unterdrückten Kurden. Porsche, Marriott und Brioni sind schon da - ein Besuch in der heimlichen Hauptstadt des Irak.

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Nachts, wenn die Soldaten mit ihren Kalaschnikows von den Toren abgezogen sind und nur eine silberne Mondsichel über dem bröckeligen Bollwerk wacht, wird die alte Zitadelle von Erbil zur Geisterstadt. Dann verschließt Mohammed Qadr Ali dort oben die Tür seiner kleinen Backsteinhütte, schaltet den Fernseher ein, und die Belagerung beginnt aufs Neue.

Diesmal sind es die Horden Dschingis Khans, die im TV gegen die Mauern der Zitadelle anrennen, die wenige Meter hinter Alis Gemüsegarten stehen. Das war vor knapp 800 Jahren, und es lief nicht gut für die Mongolen. Sie mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Alexander der Große hatte mehr Glück. Er machte im Jahre 331 vor Christus einen Bogen um die Zitadelle und schlug den persischen König Dareios den Dritten in der Nachbarschaft. Die Schlacht von Arbela wurde zwar nicht im Fernsehen gezeigt, aber immerhin von Jan Brueghel dem Älteren gemalt. Gerade sind die letzten Amerikaner abgezogen, und in der Stadt zu Füßen der alten Zitadelle hat ein Bauboom begonnen. Der Kontrast könnte größer nicht sein: Unten in der Millionenstadt werden Luxushotels und Shoppingmalls aus dem Boden gestampft. Oben auf dem Hügel lebt Mohammed Qadr Ali mit seiner Familie, sie halten als letzte Zitadellenbewohner die Stellung.

Der Hügel macht von außen nicht viel her. Ein knapp dreißig Meter hoher Schichtkuchen, auf dem einige Hundert halb verfallene Lehmhäuschen von einem bröckeligen Wall umgeben werden.

Aber er ist uralt. Die Zitadelle von Erbil ist laut UNESCO die älteste kontinuierlich bewohnte Stätte der Menschheit. In 8000 Jahren lebten hier, in diesem weltfernen Winkel im Norden Iraks: Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, Römer, Mongolen, Araber, Ottomanen.

Der Kurde Mohammed Qadr Ali zog erst 1976 auf die Zitadelle von Erbil. Da drängten sich bereits Hunderte von Familien in den engen Gassen und Häusern. Es wurden immer mehr, als Saddam Hussein begann, massenweise kurdische Dörfer dem Erdboden gleichzumachen, und die Überlebenden in die Provinzhauptstadt Erbil flüchteten.

Die reichen Familien waren längst in die Stadt gezogen und hatten sich weitläufige Villen gebaut, als man sich in der Stadtverwaltung bewusst wurde, welch historischen Schatz man hier verkümmern ließ.

Bereits im letzten Jahrhundert wurde renoviert, doch nicht immer mit glücklicher Hand. In den Fünfzigerjahren riss man die mittelalterliche Moschee ab und setzte ein Beton-Gotteshaus an ihre Stelle. 1979 ließ Saddam an der Südseite ein Riesentor im neo-babylonischen Stil errichten.

Der 1775 gebaute Hamam wurde um 1980 »grundsaniert« – es blieb kein Stein auf dem anderen. Die Hausbesetzer schließlich mauerten in den alten Bürgerpalästen ohne Rücksicht auf die Architekturgeschichte drauflos oder ließen die Wohnhäuser verfallen. Hafenstraße auf Irakisch.

2006 zog man bei der Stadtverwaltung die Notbremse: Innerhalb von drei Tagen wurden alle Zitadellenbewohner zwangsumgesiedelt. Dafür gab es 4000 Dollar und ein Vorstadthaus für jede Familie. Nur Mohammed Qadr Ali blieb oben, denn man brauchte ihn.

Während seine Frau im Gemüsegarten Tomaten pflückt, sitzt das Familienoberhaupt im wallenden Beinkleid mit Kummerbund beim alten Feigenbaum, stützt die Hände auf die Knie und erzählt, warum er als Letzter hier oben die Stellung halten muss. »Es war nicht meine Entscheidung, es war meine Pflicht.«

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Da ist einmal der riesige graue Wassertank neben seinem Haus, den die britischen Besatzer in den Zwanzigerjahren auf die Zitadelle gestellt haben und der regelmäßig gewartet werden muss.

Und da ist, was den heutigen Stadtvätern noch viel wichtiger schien, die jahrtausendealte Tradition, die nicht abreißen durfte. »Ist es nicht schön, dass man hier eine Familie wohnen lässt und nicht irgendwelche Museumswärter?«, fragt der Großvater stolz.

Besonders komfortabel kann es nicht sein im Bungalow unter dem Wassertank, jedenfalls nicht für eine neunköpfige Familie. »Aber wir vertreten die Menschen, die viele Tausend Jahre hier lebten«, ruft Alis ältester Sohn Rebwar begeistert und wippt den kleinen Reder, die dritte Generation, auf seinem Knie.

Mein Haus, mein Wassertank, meine Zitadelle. 8000 Jahre Tradition. Sie waren nicht von Anfang an dabei, die Kurden, und es lief nicht immer gut für sie. Aber jetzt scheinen sie zum ersten Mal in der Geschichte angekommen zu sein.
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Malte Herwig, 39, und Simon Norfolk, 48

, wurden auf der irakischen Autobahn von der Polizei angehalten, weil sie 15 km/h zu schnell fuhren. Statt Punkten in Bagdad gab es für Herwig sofort Führerscheinentzug. Seitdem weiß er, dass die Kurden im Nordirak nicht nur in Sachen Wirtschaftsaufschwung Deutschland als Vorbild nacheifern.

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