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aus Heft 06/2012 Sprache

… das Ende der Handschrift?

Peter Praschl   Schrift: Beni Haslimeier

Die Kringel in Liebesbriefen, alte Tagebucheinträge, elterliche Geburtstagsgrüße: all das versetzt beim Wiedersehen Erinnerungsstiche. Aber reichen Sentimentalitäten aus, um für die Handschrift ins Feld zu ziehen?


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Es ist der Untergang, wieder einmal. Diesmal kommt er als a, k, m, o daher. Nicht weil sich diese hübschen Buchstaben zu so unhübschen Wörtern wie Koma oder Amok verbinden lassen. Sondern weil sie sich in Zukunft, von Hand geschrieben, möglicherweise gar nicht mehr miteinander verbinden. Der Grundschulverband, eine einflussreiche Interessenvereinigung von Lehrern, Pädagogen, Wissenschaftlern und anderen Menschen, denen das Wohl von Grundschülern am Herzen liegt, setzt sich nämlich dafür ein, die in deutschen Schulen unterrichteten und bewährten Schreibschriften (die LA, die VA und die in der DDR entwickelte SAS) durch eine neue, die sogenannte Grundschrift abzulösen. Diese orientiert sich an Druckschriften, besteht aus lauter voneinander abgesetzten Buchstaben, die nicht mehr wie bisher durch Zwischenzüge verbunden werden müssen; man kann es zwar, aber ob, wie und an welchen Stellen die Schüler es tun, bleibt ihnen selbst überlassen. In Hamburg steht es den Grundschulen seit Herbst frei, ob sie den Anfängern wie bisher die Schulausgangsschrift SAS oder die neue Grundschrift beibringen, in anderen Bundesländern wird die Grundschrift in Schulversuchen erprobt. Die Argumente der Reformer: Die Unterrichtszeit, die man spart, wenn Schüler nicht mehr zusätzlich zu Druckbuchstaben eine eigene Schreibschrift erlernen, kann man effektiver nutzen; außerdem werden Schüler, die sich mit der Schreibschrift schwertun, nicht mehr so leicht gleich zu Beginn ihres Schülerlebens abgehängt.

Erstaunlich viele Menschen halten diese Entwicklung für apokalyptisch. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan befürchtet, Kinder damit zu unterfordern. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff erklärte, die Preisgabe der Schreibschrift sei eine »bodenlose Idiotie«, weil alles, »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird, eine ungleich intensivere körperliche Spur legt, die sich im Gedächtnis einlagern kann, als Wörter und Sätze, die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. Sprachschützer, die schon gegen die Rechtschreibreform polemisiert hatten, kämpfen unter anderem mit einer Facebook-Gruppe und einer Unterschriftenaktion gegen die drohende Schreibreform. Die mitunter außerordentlich erbost vorgetragenen Einwände gegen die Idee, Kinder profitierten davon, wenn sie Druckbuchstaben nachmalen anstatt für das Schreiben mit der Hand spezielle Formen, Auf- und Abstriche, Schnörkel und Verbindungslinien beigebracht zu bekommen, haben das Potenzial, liberalere Gemüter zu beschämen, weil sie sich offenbar über die fatalen Effekte einer Schreibschriftabschaffung nicht genügend Gedanken machen. Von drohenden grafomotorischen Störungen ist die Rede, vom Verlust kultureller Identität oder von der Gefahr, dass Kinder zukünftig nicht mehr die handschriftlichen Hinterlassenschaften ihrer Urahnen lesen können werden. Kurzum: Das Ansinnen, ohne Schleifchen-s auszukommen, ist gleichbedeutend mit der Preisgabe einer Kulturtechnik.

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Das Groteske an dieser Debatte, bei der es wie so oft in Bildungs- und Erziehungsfragen um alles oder nichts zu gehen scheint: Beide Positionen stehen auf völlig verlorenem Posten. Denn gleichgültig, welche Schreibschrift man deutschen Schülern beibringt – sie werden sie in ihrem späteren Leben kaum je verwenden. Selbstverständlich ist das Schreiben mit der Hand eine Kulturtechnik. Aber ebenso gewiss handelt es sich um eine, die den Menschen immer weniger von Nutzen ist – so wie die Kulturtechnik des Reitens. Ganz schön, aber nicht mehr rasend wichtig. Es gibt verständlicherweise keine belastbaren Untersuchungen darüber, wie viel noch mit der Hand geschrieben wird – aber dass es nicht mehr sehr oft vorkommt, zeigt ein Blick aufs eigene Leben oder in die nähere Umgebung. Die Einkaufslisten; die paar Notizen, die man sich noch macht; die Briefe, die man dann und wann schreibt, wenn sie besonders persönlich wirken sollen; oft genug gibt es auch Tage, an denen das Einzige, was man von Hand schreibt, die Unterschrift auf einem Kreditkartenbeleg ist.
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