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aus Heft 07/2012 Religion

»Beim Yoga schwitzt der Geist«

Kristin Rübesamen (Interview)  Fotos: Namas Bhojani/ Agentur Focus, Coni Hörler; Imago, SZ Photo/ Rue de Archives

Ein Gespräch mit Iyengar, 93, dem bedeutendsten Yogi der Gegenwart. Für ihn standen Künstler und Königinnen kopf, Millionen von Schülern in aller Welt folgen seinen Lehren.



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SZ-Magazin: Herr Iyengar, Sie sind 93 Jahre alt. Stehen Sie immer noch früh am Morgen auf, um Yoga zu machen?

Bellur Iyengar: Natürlich. Um fünf Uhr trinke ich eine halbe Tasse Kaffee, dann mache ich eineinhalb Stunden Atemübungen. Anschließend gehe ich die Post durch und übe bis etwa zwölf Uhr.

In dieser Zeit erledigen andere Menschen in Ihrem Alter Arztbesuche. Oder sehen fern.
Unmöglich für mich. Ich muss meinen Geist im Zaum halten, außerdem unterrichte ich ja meine Schüler. Sie üben mit mir zusammen.

Sie wurden als elftes von 13 Kindern in die Kaste der Brahmanen, der Gelehrten und Priester, hineingeboren. Ihre Familie war allerdings sehr arm. Hatten Sie als Kind überhaupt genug zu essen?
Als ich geboren wurde, 1918, grassierte weltweit eine lebensgefährliche Grippe-Epidemie, die Millionen Menschen das Leben kostete. Meine Mutter überlebte knapp, und ich kam bereits krank zur Welt. Ein dürres Bündel mit dickem Bauch und viel zu schwerem Kopf, das sich nicht aufrecht halten konnte. Später bekam ich Tuberkulose, Typhus und Malaria.

Ihrem kümmerlichen Gesundheitszustand, so haben Sie einmal geäußert, entsprach eine »kümmerliche Seele«.
Ich war oft melancholisch und habe mir den Tod gewünscht. Nachdem mein Vater sehr früh gestorben war, wollten meine Geschwister das Schulgeld für mich nicht mehr bezahlen, weil niemand glaubte, dass ich lange leben würde. Ich fühlte mich ständig als Parasit. Wir jüngeren Geschwister waren eine Last für die älteren, die bereits eigene Familien hatten. Ständig wurden wir zwischen den Haushalten hin- und hergeschoben, mussten Wäsche waschen, putzen, Wasser holen und die gesamte Hausarbeit verrichten. Ich hatte kein Spielzeug, kein Buch, nichts.

Der Mann Ihrer Schwester, Krishnamacharya, gilt heute als Urvater des modernen Yoga. 1934 wurde er vom Maharadscha von Mysore angestellt, um die königliche Familie im Yoga zu unterrichten. Waren Sie stolz, dass er Sie zu sich holte?
Er sagte: »Yoga wird dir helfen.« Aber obwohl er mein Schwager war, hatte ich schreckliche Angst vor ihm. Er hat mich morgens um vier geweckt, damit ich vor der Schule noch den Garten gießen und im Haus arbeiten konnte. Zur Schule musste ich mehrere Kilometer zu Fuß laufen und dann bei ihm in der Yogaschule mit den anderen Schülern üben. Er hatte vollkommene Kontrolle über mich. Ich durfte nicht mal Freunde haben. Am liebsten wäre ich davongerannt.

Aber Yoga hat Ihnen geholfen. Sie kamen zu Kräften, wurden sogar völlig geheilt. Wie lang hat das gedauert?
Lange. Irgendwann hatte ich ein Fahrrad, und manchmal tat mir der Rücken so weh, dass ich mich auf dem Weg zum Unterricht rückwärts über die Mittelstange des Fahrrads hängen ließ, um den Schmerz zu lindern. Ich habe oft nur eine kleine Mahlzeit am Tag bekommen und bin abends, wenn ich meine Hausaufgaben machen sollte, vor Erschöpfung eingeschlafen. Ich bin sogar durch die Abschlussprüfung der Schule gefallen, so erbärmlich war mein Zustand.

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Sie finden nicht sehr warme Worte für Ihren Lehrer und Retter.
Ich verdanke ihm alles. Aber er war ungeduldig und launisch und hat sich anfangs nicht wirklich für mich und meinen armen Körper interessiert. Ich war sehr steif und konnte, wenn ich mich nach vorne beugte, nicht mal meine Knie berühren. Doch als sich sein Vorzeigeschüler aus dem Staub machte, brachte er mir ein paar Übungen bei, denn er wollte auf keinen Fall die öffentlichen Demonstrationen, mit denen er seine Reputation unter Beweis stellte, absagen. Einmal zwang er mich, vor Publikum einen Spagat zu machen. Dabei konnte ich den gar nicht. Es dauerte Jahre, bis die Zerrung im Oberschenkel heilte, die ich mir da geholt habe.

Gibt es etwas, was Sie an ihm geschätzt haben?
Oh ja! Seine Leidenschaft. Die anderen Gelehrten haben ihn nicht ernst genommen, denn damals war Yoga ein rein spiritueller Weg. Dass man Körper und Geist verbinden könnte und es dafür jahrhundertealte Anleitungen gab, wusste kaum jemand. Seine Auffassung von Yoga hat Krishnamacharya sehr einsam gemacht. Er hat dennoch nie aufgegeben. Ich bin ihm schon lange nicht mehr böse. Sein Licht leuchtet bis heute.

Sie haben aus dem, was Sie bei ihm lernten, das weltberühmte Iyengar-Yoga entwickelt. Dafür sind Sie mehrfach von der indischen Regierung ausgezeichnet worden. Warum begegnete man Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere mit so viel Skepsis?
Das körperliche Yoga, wie Krishnamacharya es uns beibrachte, war damals nur etwas für Halbdebile und gesellschaftliche Außenseiter. Bei unseren Demonstrationen verhöhnten uns die Zuschauer wie Zirkusdarsteller. Trotzdem wurden sie neugierig. Ich machte mich mit der Zeit ganz gut und durfte Krishnamacharya auf seiner Tour durchs Land begleiten.
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Kristin Rübesamen

war nervös vor dem Treffen mit dem Yogalehrer Iyengar, denn sie macht auf dem Titel ihres eigenen Yogabuches »Alle sind erleuchtet« einen etwas schlampigen Kopfstand. Wer wissen möchte, wie Iyengar auf mangelnde Perfektion reagiert, sieht sich am besten den Kinofilm »Der atmende Gott« von Jan Schmidt-Garre an, eine Dokumentation über den Ursprung des modernen Yoga.

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