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aus Heft 08/2012 Mode

»Kauft weniger!«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: ap (3), dpa (1)

Vivienne Westwood produziert seit 40 Jahren Mode – und hasst die Konsumgesellschaft. Lieber spricht sie über Balzac und Pinocchio. Und darüber, wie wir die Welt retten können.



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SZ-Magazin: Frau Westwood, Sie tragen einen untertassengroßen Button mit der Aufschrift »AR« an Ihrem Pullover. Wofür stehen diese Buchstaben?
Vivienne Westwood:
Für »Active Resistance to Propaganda«. Das ist der Titel eines 14-seitigen Manifests, das ich ins Internet gestellt habe. Darin lasse ich Figuren wie Diogenes, Pinocchio und Aristoteles auftreten und lege ihnen meine Gedanken in den Mund. Mein Fazit lautet: Da die Menschen immer mehr konsumieren, kommen sie immer weniger zum Denken und werden deshalb immer dümmer.

Sie knüpfen Interviews neuerdings an die Bedingung, dass über die Rettung unseres Planeten gesprochen wird. Was hat Sie zur Öko-Aktivistin gemacht?
Mein Schlüsselerlebnis waren die Bücher des Biochemikers James Lovelock. Ich halte ihn für ein Genie. Lesen Sie sein Buch The Vanishing Face of Gaia. Wenn die Durchschnittstemperatur auf der Erde um zwei Grad steigt, werden 2099 nur noch eine Milliarde Menschen übrig sein. Wir rasen also auf die Apokalypse zu.

Und was wollen Sie dagegen tun?
Der erste Schritt zur Weltverbesserung ist die Selbstverbesserung. Indem wir unser eigenes Leben ändern, verändern wir die Welt. Statt Fleisch und Getreideprodukte esse ich Gemüse und Obst. Und ich habe gerade eine Million Pfund für Cool Earth gespendet. Das ist eine Organisation, die für den Erhalt der Regenwälder kämpft. Gehen Sie auf die Seite nofunbeingextinct.org im Internet. Da wird Ihnen erklärt, wie Sie für drei Pfund drei Bäume retten können.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Mode das Gegenteil von Nachhaltigkeit ist?
Es stimmt, dass Modefirmen die Menschen durch Werbekampagnen unter Druck setzen, sich dauernd neue Kleidung zu kaufen. Ich verkünde seit zwei Jahren das Mantra: »Kauft weniger! Wählt sorgfältiger aus!«

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Naomi Campbell hat für ihre Schuhe ein Apartment angemietet. Wie viele Schuhe besitzen Sie?
Ich schätze, ich habe 20 Paar. Davon trage ich sechs Paar. Die anderen 14 sind halt schon ziemlich alt. Ich tendiere dazu, Schuhe nicht wegzuwerfen.

Es gibt Psychologen, die behaupten, Handtaschen seien für Frauen eine Art Vagina am Riemen. Wie viele haben Sie?
Drei. Ich hasse Handtaschen!

Was ist der teuerste Gegenstand, den Sie besitzen?
Fünf Vasen aus China.

Sie haben mal überlegt, ein Stillleben des niederländischen Malers Willem Claeszoon Heda aus dem 17. Jahrhundert zu kaufen. Warum haben Sie es am Ende sein lassen?
Weil ich es klüger finde, dem Beispiel von Balzac zu folgen. Bei dem zu Hause hing ein Stück Pappe an der Wand, auf das er geschrieben hatte: »Hier bitte ein Rembrandt!
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Sven Michaelsen

, 53, wurde von Vivienne Westwood mit einer Liste ihrer Lieblingsbücher verabschiedet - darunter »Die Straße« von Cormac McCarthy und »Die Götter dürsten« von Anatole France. Ihre jüngste Entdeckung: der fünfbändige Roman »Der Traum der roten Kammer« des Chinesen Cao Xueqin, der, so Westwood, als »Marcel Proust Chinas gilt«.

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