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aus Heft 10/2012 Literatur Noch keine Kommentare

Die 50-jährige Alissa Walser

Tochter von. Kein leichter Job. Und dann auch noch: Schriftstellerin. Ein Gespräch über das Trotzdem.

Von Rebecca Casati (Interview)  Foto: Diana Djeddi, dpa, privat, Gert Eggenberger





SZ-Magazin: Wann versteht man als Tochter den Beruf des Vaters, der keine Aktentasche, kein Büro in der Stadt, keine Insignien des Arbeitslebens hat?

Alissa Walser: Wie bei allem – man versteht erst, wenn man etwas selber tut. Vorher entwickelt man Vorstellungen, aber das sind nur Anschauungen.

Sie machen es seit annähernd 20 Jahren selber. Kennen Sie diese – wie der Schriftsteller David Sedaris es mal beschrieb – Sehnsucht nach Angestelltendasein, Regelmäßigkeit?
Phasenweise, ja. Ich habe mal mit einer Ärztin zusammengewohnt, die sehr früh aufstehen musste, weil in der Praxis jemand wartete, und manchmal habe ich sie darum beneidet; um diese Struktur, die der Beruf ihr vorgab. Ich habe damals erkannt, wie wichtig es ist, für sich selber ein solches Gerüst zu schaffen. Das ist mitunter hart durchzuziehen.

Und wie macht man das?
Ich glaube nicht, dass es ein Rezept ist, aber ich höre abends an dem Punkt auf zu schreiben, an dem ich weiß, wie ich am nächsten Morgen weitermachen möchte. Damit ich mich schon drauf freue und mühelos wieder einsteigen kann, statt das Gefühl zu haben: Oh je, jetzt musst du ohne alles ins Arbeitszimmer.

Weil es dann auch so ist, als würde etwas warten?
Genau, weil mich dann etwas lockt, dorthin zieht. Wenn sich das mit der Zeit wiederholt, dann habe ich das Gefühl, es entsteht eine Struktur. Davon abgesehen schreibe ich eigentlich in einem banalen Rhythmus, ich fange morgens an, mache Mittagspause, arbeite bis abends und gehe zwischendurch mit dem Hund. Dann wird das Wochenende belanglos und jeder Urlaub nur eine Belastung – das Grauen, sich auf Knopfdruck wohlfühlen zu sollen!

Was brauchen Sie noch zum Arbeiten?
Ich brauche sehr viele Orte zum Schreiben. Mein Schreibtisch ist überladen, aber meinen schönen kleinen Computer kann ich wegtragen, aufs Sofa oder in die Küche. Bewegung, Laufen, wenn ich mich körperlich betätige, betätigt sich auch mein Kopf. Ich wäre als Kind bestimmt fernsehsüchtig geworden, wenn mein Körper sich dabei nicht so mies gefühlt hätte. Der Körper spielt für mich beim Schreiben eine große Rolle.
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Auch in Ihren Geschichten ist er sehr wichtig. Sie haben die Fähigkeit, über Sex, oder besser gesagt, sich anbahnenden Sex so zu schreiben, dass es einem beim Lesen nicht peinlich ist.
Danke. Aber das hängt einfach nur damit zusammen, dass ich mir, wenn ich später oder auch viel später mal einen eigenen Text lese, nicht als Voyeurin begegnen will.

Ihre Protagonisten sind häufig in Beziehungen, driften aber auseinander, bevor es zu so etwas wie tiefer Liebe kommt. Warum?
Weil es mich interessiert, wie Leute an genau dieser Stelle miteinander umgehen. Ich finde das Duell im Duett spannender als umgekehrt. Und zusätzlich gibt es ja die Meta-Erzählungen unserer Kultur, die immer mit in unseren Köpfen sind: Vorstellungen und das von den Eltern Tradierte, wie man sich in solchen Situationen zu benehmen habe. So viele Erwartungshaltungen, die ich noch kennengelernt habe, existieren nicht mehr, jedenfalls nicht offiziell. Heute stoßen zwei sich völlig fremde Begriffe von Freiheit aufeinander. Das hat jetzt nichts mehr mit Frau und Mann, aber sehr viel mit Jung und Alt zu tun.

Ihr erster Auftritt in der literarischen Welt war spektakulär: Sie haben 1992 in Klagenfurt die Geschichte Geschenkt vorgelesen. Und gleich den Ingeborg-Bachmann-Preis geholt.
Es war nicht mein Einstieg, ich hatte zwei Jahre zuvor bei Suhrkamp das Buch Traumhochzeit veröffentlicht, mit Texten und Bildern von mir – allerdings unter dem Namen Fanny Gold.

Wieso nicht unter Ihrem eigenen Namen?
Für mich war damals nicht ganz klar, wie das alles weitergeht: Einerseits war ich Malerin, andererseits schrieb ich.

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