Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 19°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin

»Ich will unsterblich werden«

Eva Karcher  Fotos: Chika Okazumi

Takashi Murakami ist berühmt für seine Manga-Pop-Art in Japan - und einer der erfolgreichsten Designer der Welt. Eine Begegnung.

Bitte warten, die Bildergalerie wird geladen...

Anzeige
SZ-Magazin: Herr Murakami, als lebensechte Riesenpuppe sitzen Sie wie ein Buddha mit untergeschlagenen Beinen im Eingang des Al-Riwaq-Museums hier in Doha und grüßen die Besucher huldvoll mit ausgestreckter Hand. Ist das Provokation oder Selbstverherrlichung?

Takashi Murakami: Die Arbeit heißt Self-Portrait Balloon. Sie ist die größte aufblasbare Skulptur, die ich bisher gemacht habe, und auch die naturalistischste. Ich betrachte die gesamte Ausstellung als eine Art Selbstporträt meiner vielen Identitäten.

Selbstporträt als Ballon … Wie definieren Sie Identität?
Es ist so wie beim Copyright: Jeder ist der Eigentümer seiner Identität, nicht mehr und nicht weniger. Die Menschen, vor allem im Westen, wollen den Star und sein Gesicht. Aus diesem Grund habe ich angefangen, Selbstbildnisse zu machen – ein wenig karikiere ich damit auch das egomanische Selbstverständnis des Westens.

Haben Sie die Schau deshalb Ego genannt?
Mein Ego ist reine Oberfläche. Eine Projektion. Ich habe kein Ego.

Sind Sie Buddhist?
Irgendwie schon. Das Ziel des Buddhismus ist es, das Ego auszulöschen. Meine Familie ist strenggläubig, und noch als Gymnasiast war ich das auch. Ich las die Sutras und glaubte, sie würden mich mehr oder weniger automatisch erleuchten. Erst später wurde mir klar, dass es nicht ganz so einfach war. Ich musste mich dafür auch physisch anstrengen, die richtige Atemtechnik lernen, Yogaübungen machen, das ganze Training. Das wurde mir bald zu mühsam, und ich hörte damit auf. Aber im Kern denke ich buddhistisch, denn ich glaube nicht an das Konzept von Besitz. Alles muss vergehen.

Eine Binsenweisheit. Sie sind einer der erfolgreichsten Gegenwartskünstler. Was bedeuten Ihnen Ruhm und Geld?
Wenig. Mit dem Geld kann ich Dinge sammeln, die ich liebe: Comics, Bücher, Keramik, Kunst. Für meine Frau und meinen kleinen Sohn Shinosuke sorgen, die in Kyoto leben, Freunde einladen und vor allem mein Unternehmen finanzieren. Aber Ruhm, Ansehen und Bewunderung zählen für mich nicht. Mein einziges Ziel ist, dass mein Werk mich überlebt. Ich will unsterblich werden.

Leben Sie wie ein Asket?
Jedenfalls nicht wie ein Rockstar. Wenn ich arbeite, trage ich immer dieselben Sachen, Cargohosen, Tennisschuhe oder Slipper, T-Shirts und mehrere Lagen Pullover, Jacken, Mäntel, weil ich sehr kälteempfindlich bin. Meine Arbeit diktiert meinen Rhythmus. Eigentlich arbeite ich ununterbrochen, Tag und Nacht. Deshalb habe ich auch immer einen Schlafsack dabei. Wenn ich müde bin, döse ich 20 Minuten, und wenn ich aufwache, die Augen öffne und meine Bilder vor mir sehe, bin ich glücklich. Auch mein Team teilt meine Dynamik. In heißen Phasen der Produktion schlafen wir alle manchmal wochenlang im Studio.

Sind Sie ein Kontrollfreak?
Nein. Aber ein Perfektionist. Wieder geht es um das Copyright. Als Eigentümer meiner Ideen muss ich höchste Qualität und die Echtheit jeder Arbeit garantieren können. Das setzt einen extrem aufwendigen Herstellungsprozess voraus.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Mein neues Arhat-Gemälde. Es ist insgesamt 100 Meter lang und besteht aus vier Teilen. Wie immer habe ich zunächst die Figuren und Motive in kleinem Maßstab gezeichnet. Diese Skizzen scannen meine Assistenten und vergrößern sie in mehreren Stufen, wobei wir darauf achten, dass die Konturen so gleichmäßig und fein wie möglich ver-laufen. Meine Assistenten verbringen viele Tage damit, bis die Außenlinien makellos sind. Anschließend müssen die Datenmengen so formatiert werden, dass sie für das Siebdruckverfahren geeignet sind, was erneut langwierig ist und höchsten technischen Sachverstand erfordert. Es kann Wochen dauern. Irgendwann sind wir dann so weit, die Farben für die Siebdrucke zu mischen. Für Arhat gab es über 20 000 Vorlagen, 300 Leute arbeiteten in Tag- und Nachtschichten. Es war der bisher aufwendigste Arbeitsprozess in meiner Karriere. Auch der teuerste. Ich musste dafür extra ein neues Studio bauen!

Warum diese Dimensionen?
Arhat bedeutet »der Würdige« und beschreibt einen erleuchteten buddhistischen Mönch. Ich habe dieses Gemälde mehrere Monate nach dem 11. März 2011 begonnen, dem Tag der großen Erdbebenkatastrophe in Ostjapan, der verheerendsten, die wir je erlebt haben. 20 000 Menschen starben, wir alle stehen nach wie vor unter Schock. Erdbeben begleiten die Geschichte Japans, ungefähr alle 150 Jahre passiert eines, so auch 1855. Das große Ansei-Edo-Erdbeben löste ähnliche Verwüstungen aus. Damals malte der Künstler Kano Kazunobu die monumentale Serie der 500 Arhats. Ausgerechnet kurz nach der Katastrophe war sie letztes Jahr im April zum ersten Mal nach 1945 in Tokio wieder ausgestellt.

Was für ein erstaunlicher Zufall! Ja. Es ist eine Tradition bei uns, dass die Mönche nach einem Desaster religiöse Bilder in Auftrag geben, um das Leiden der Opfer zu mildern und gleichzeitig für ihren Glauben zu werben. Mein Arhat-Gemälde sehe ich in dieser Linie. Es soll die trösten, die leiden. Vielleicht ist es mein Guernica. Auf jeden Fall ein Versuch, meinen Platz in der Natur und der Geschichte zu verstehen.

Was erzählt Ihr Werk auf den 100 Metern?
Auf meinem Bild befindet sich Japan im Zustand der Katastrophe. Es gibt vier Abschnitte, gewidmet der Natur und ihren Gewalten, man sieht Berge, Wald, Wind zusammen mit Wasser, und Feuer. Neben den Mönchen tauchen Drachen, Löwen, Vögel und Dämonen auf. Es ist kein spirituelles, aber doch ein mys-tisches Universum. Es soll einen seelischen und emotionalen Zufluchtsort bieten, wenn wir schon die Realität nicht ändern können. Seit dem Ereignis im letzten Frühling gibt es in Japan eine Rückkehr der Religiosität, was mich an die Situation vor 600 Jahren denken lässt. Damals wurde Japan nicht nur von Erdbeben und Tsunamis, sondern auch von Kriegen gequält. In jener Zeit entstand unsere Form des Buddhismus. Die damalige Atmosphäre stelle ich mir ähnlich vor wie die heutige.

Hat sich das Leben im Land inzwischen wieder normalisiert?
Nun ja … Nach wie vor ist der Osten besonders gefährdet. Fast jeder hat dort einen Geigerzähler, um die Strahlenbelastung täglich messen zu können. Wir alle essen und trinken verseuchte Lebensmittel. Unser Volk ist so müde, wir haben eigentlich aufgegeben … Es ist die schlimmste Lage seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Sie meinen die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki?
Sie fielen am 6. und 9. August 1945 – Daten, die kein Japaner je vergessen wird.

Anzeige

Seite 1 2
Eva Karcher

empfahl Murakami die Ausstellung der Multimediakünstlerin Yayoi Kusama zu besuchen, deren Arbeiten noch bis 5. Juni in der Tate Modern in London zu sehen sind.