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aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin 3 Kommentare

Schwarz? Weiß? So einfach ist es nicht.

Seite 2: Ohne die Schattenwirtschaft hätten Millionen keinen Strom

Von Robert Neuwirth  Illustrationen: Thomas Traum Übersetzung aus dem Amerikanischen: Peter Praschl




Der Schwarzmarkt hat alle Eigenschaften, die dem Kapitalismus vor allem nachgesagt werden:  Er ist erfinderisch, mutig, bedürfnisorientiert. Wenn Menschen in Entwicklungsländern Handys wollen, bekommen sie sie. Und mobile Ladestationen gleich dazu.

Die meisten Regierungen werfen den Schwarzmarktunternehmern vor, sie wollten sich bloß vor Gebühren und Besteuerung drücken und schadeten dadurch ihren Ländern. Aber in vielen Regionen, vor allem in den Entwicklungsländern, floriert das System D, während die legale Ökonomie stagniert. Eine Mehrheit der Menschen hätte ohne den Schwarzmarkt kein Auskommen.

Schließlich bedeutet der Umstand, dass viele dieser Unternehmer sich nicht um erforderliche Genehmigungen kümmern und keine Steuern bezahlen, nicht, dass ihre Gesellschaften nicht von ihnen profitieren. Maina Mwangi, der auf dem Muthurwa Market in der Innenstadt von Nairobi Baumaterial verkauft, ist ein gutes Beispiel dafür. Dieser Straßenhändler bezahlt jeden Tag an die Stadt 50 Kenianische Shilling (etwa 50 Cent) für seine Standgebühren, im Jahr, so hat Mwangi es ausgerechnet, 18 000 Shilling (etwa 165 Euro) - mehr als das Doppelte dessen, was ein offizieller Händler für seine Lizenz entrichten muss. Dazu kommen die Kosten für die Straßenreinigung, private Wachdienste und sanitäre Anlagen, die von den Markthändlern aufgebracht werden müssen.

Die ungestümen Straßenmärkte der Entwicklungsländer tragen dazu bei, ihre Nationen in die wirtschaftliche Zukunft zu führen. Das wird besonders bei der Verbreitung von Mobiltelefonen deutlich - vor allem in den Ländern, die niemals Festnetzleitungen besaßen. In Lagos haben selbst die »Müllmenschen« auf den Deponien, in Nairobi auch die Schnorrer und Bettler Mobiltelefone. Wie können sie sich das überhaupt leisten? Ganz einfach: durch Markenpiraterie, Schmuggel und System D.

Wie das System funktioniert, kann Chief Arthur Okafor erklären, ein Kaufmann aus Nigeria, der auf der Suche nach erschwinglichen Mobiltelefonen bis nach China gereist ist und dabei auch das Dashatou Second Hand Trade Center in Guangzhou besuchte. Er hatte ein paar hektische Tage hinter sich und wollte am nächsten Tag zurück in die Heimat. »Ich bin mit 40 000 Dollar nach China gekommen und habe alles davon ausgegeben.«

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Offiziellen Statistiken zufolge exportierte China im Jahre 2010 750 Millionen Mobiltelefone. Die Telefone, die Chief Arthur im Second Hand Trade Center gekauft hat, sind allerdings inoffiziell und trotz des Namens des Markts keine Gebrauchtware. Bei einigen handelt es sich um das, was die Chinesen shan zhai nennen, Geräte mit Markennamen wie »Sansung«, »Motorloa« oder »Seimens«. Aber Chief Arthur hat sich in Guangzhou vor allem mit perfekt gefälschten Markenhandys eingedeckt – allerdings bestreitet er unverdrossen, dass es sich um Piratenware handelt, er nennt sie stattdessen »wirkliche Kopien«, was immer das bedeuten mag. Tatsächlich kann man auf den afrikanischen Schwarzmärkten nicht nur Produkt-Fakes kaufen. Einige gewitzte Verkäufer haben den Handel mit der Piratenware aufgegeben und arbeiten stattdessen mit chinesischen Herstellern zusammen, um erschwingliche Modelle für Dual-SIM-Karten anzubieten, die es ihren Besitzern ermöglichen, mit einem einzigen Telefon die Dienste von gleich zwei Netzbetreibern in Anspruch zu nehmen.

Auch die Netzbetreiber profitieren von der Schwarzmarktökonomie. Anders als in der EU und in den Vereinigten Staaten, wo man bei Handyfirmen teure Verträge mit langer Laufzeit und einer bestimmten Anzahl monatlicher Freiminuten abschließt, funktioniert das Geschäft in den Entwicklungsländern ohne monatliche Grundgebühren und mit billigen Prepaid-Karten. Sie werden oft von Händlern verkauft, die ihre Stände am Rande großer Straßen aufgebaut haben - kleine Plastiktischchen unter Sonnenschirmen. Tatsächlich sind diese Händler so erfolgreich, dass sie eine eigene Branche geschaffen haben – den sogenannten Sonnenschirmmarkt.

Kommentare

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Kommentar:

  • Christian Becker (0) Der Fehler mit der Bevölkerungsdichte am Anfang des Artikels, auf den Herr Kopper bereits hingewiesen hat, hängt wohl mit der Übersetzung aus dem Englischen zusammen.
    Im Original von Robert Neuwirth (http://www.foreignpolicy.com/articles/20...), heißt es an der betreffenden Stelle "most populous", was in dem Zusammenhang wohl treffender mit "bevölkerungsreichster" zu übersetzen wäre.
  • Stefan R. (0) Ich kann leider nicht mit der Rechercheleistung des Autors gleichziehen und kann nur "gesunden Menschenverstand" dagegen setzten
    aber einiges in dem Artikel bereitet mir doch Kopfschmerzen.

    Wenn man sich die Fallbeispiele ansieht kommen doch einige Punkte auf die etwas seltsam anmuten.

    Das mit den Dieselgeneratoren ist so eine Sache. Hier stellt sich natürlich die Frage wie hoch die Kosten für den Treibstoff sind.
    Im Vergleich zu Solarzellen könnte das eventuell eher ungünstig sein. Nicht das die Chinesen so etwas nicht auf Lager hätten und günstig verkaufen würden,
    wie einige deutsche Hersteller in den letzten Jahren schmerzlich erfahren mussten.

    Technologisches Wissen und die Verfügbarkeit elektronischer Geräte sind nicht zwingend gleichzusetzen und der Schmuggel in Südamerika ist auch dort klar illegal.

    Was den Markt in Nairobi betrifft, wenn es eine inoffizielle Standgebühr gibt, wohin fließt diese?
    Ich stelle mal die gewagte These auf das ihre "inoffizielle" Natur darauf beruht das Sie eben nicht in die
    Kasse der Stadt sonder in den privaten Taschen einiger Beamter landet.
    Die genannten Unkosten für Reinigung, Sicherheit etc. kommen durchaus auch auf legale Unternehmen, zusätzlich zu nicht unerheblichen Gebühren.

    Das Thema Mobiltelefone ist dann schon etwas komplexer. Wenn ich richtig informiert bin dann sind viele der chinesischen Fabrikate durchaus
    technische Eigenwicklungen, die aber tausende Patente verletzen dürften.
    Nun ist das westliche Patentsystem gerade dabei ein paar eher zweifelhafte Kapriolen zu schlagen, wenn man sich die Patentklagen rund um Android
    und iOS ansieht oder den Rückzug der Logistik aus Deutschland, den Microsoft vor einigen Wochen bekanntgegeben hat; trotzdem, bei 750 Millionen
    Mobiltelefonen würden selbst einige Cents für die Inhaber dieser Patente enorme Summen bedeuten und die chinesischen Hersteller sind sicher keine
    wohltätigen Organisationen. Das ist dann doch mehr als Dreist.
    Da hilft es dann wenig das man beim Abkupfern der Dual-SIM-Modelle darauf verzichtet das Design gleich mit nachzubauen.

    Was die Schlussfolgerungen die der Autor zieht sind die wird es in meinen Augen nur noch schlimmer.

    Das mit der Effizienz ist so eine Sache. Wenn ein deutscher Discounter Hunderte von Kunden pro Tag mit einem Dutzend Angestellten "versorgen" kann
    und man für die gleiche "Leistung" in Südamerika Dutzende von Straßenhändlern braucht, steht die zweifellos vorhanden Energie dieser
    Menschen an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung. Das Prinzip "Teilhabe an der Ökonomie durch Ineffizienz" funktioniert bis zu einem gewissen Grad, aber
    hat auch nicht unerhebliche Schattenseiten, wie man in der DDR beobachten konnte.

    Das mit den Dieselgeneratoren mag ja pragmatisch klingen aber die laufenden Kosten sind nicht unerheblich und es fördert nicht gerade den Wohlstand
    wenn man am Ende mehr zahlt als etwa bei einer Solarlösung.

    Das fehlende Steuereinnahmen nicht unbedingt förderlich für die Infrastruktur sind ist anscheinend nicht allgemein akzeptiert.

    Die Missachtung von Gesetzten scheint den Autor auch nicht besonders zu stören. Das so etwas Korruption fördert und die Fallbeispiele teilweise
    klassische Situationen sind, in denen gerne und oft geschmiert wird, wird übergangen. Sei es Standgebühren, Schmuggel oder Produktfälschung. In all diesen Fällen ist es schwer vorstellbar das nicht bestochen wird.
    Das unter solchen Umständen legale Unternehmen keine Chance haben, dürfte nicht ganz unerheblich dazu beitragen, das dieser Sektor stagniert. Wer es nicht
    glaubt soll mal versuchen mit jemandem zu konkurrieren der keine Steuern und Abgabe zahlt und von den Behörden trotzdem bevorzugt wird.
    Die USA haben das sogar in einem Gesetz angerkannt. Im FCPA sind "Facilitation Payments" straffrei, sprich wenn man schmiert damit man etwas bekommt das einem sowieso zusteht und selbst das ist moralisch gesehen eher zweifelhaft.

    Einer der wenigen Punkte bei dem ich zustimmen würde wäre das Thema "Cargo-Cult Bürokratie". Sprich Bürokratie die, ohne die notwendigen faktischen
    Entscheidungsgrundlagen, versucht bestimmte Dinge zu erreichen (Umweltschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz) bzw. einfach eine bestehende Ordnung erhalten soll (Lizenzen zur Ausübung von Tätigkeiten).

    Meine Meinung zu diesem Artikel ist eher düster.
    Ich sehe wenig bis keine Kritik an dem "System D". Es wird sogar als eine Art "Lösung" angepriesen und die Tatsache das die "informelle Ökonomie" mit
    Begriffen wie "Graswurzel-Bewegung" und "Revolution des Welthandels" oder so schön hemdsärmeligen Bildern wie "Bar-auf-die-Kralle-Unternehmer" oder
    "System D wie System Pfiffigkeit" eingeleitet wird, läutet doch die ein oder andere Alarmglocke.
    Schmuggel, Steuerhinterziehung und Bestechung sind weder neu noch in irgendeiner Form besonders Demokratisch. Wer glaubt das Vitamin B bei einer Bewerbung in Deutschland eine zu große Rolle spielt kann ja mal in Paraguay anfragen ob er da noch eine Stelle als Schmuggler haben kann.
    Da hilft es auch nicht, sich schon vorab gegen Kritik von "Experten", die ja naturgemäß dann doch keine Ahnung haben und mehr falsch als richtig liegen,
    zu immunisieren.
    Die Argumentation das dieses System in einem "gerechteren Kapitalismus" münden würde ist dann doch dünn, um es vorsichtig auszudrücken.

    Ein Erfolgsmodell sieht anders aus. Keinem Land mit einem ausgeprägten Schwarzmarkt bzw. hoher Korruption geht es besonders gut. Das man
    Überbordende Bürokratie abbauen muss und das es dabei auch Leute gibt die dann ihre Pfründe verlieren kann man sich in Griechenland ansehen, beispielsweise Taxilizenzen.
    Öffnet man die Tür zur legalen Welt kann man auch die Korruption austrocknen und Staatseinnahmen stabilisieren, Infrastruktur bauen, und so weiter.
    Das es zwingend in diese Richtung gehen muss ist nicht gottgegeben und erfordert Einiges an Mühe. Selbst dann garantiert es noch keine Erfolg. Aber die
    andere Richtung ist sicher nicht erstrebenswert und den Berg runter geht es immer einfacher als rauf.

    Auch die Kritik an den westlichen "Konzernen" inklusive "Massenentlassungen" und "Outsourcing" sind schwierig zu verdauen. Immerhin sind China und auch Indien nicht ganz unschuldig an diesen "westlichen Problemen". Auch in diesem Szenario wird von einer Seite gerne alles was so überflüssige Dinge wie
    Umweltschutz oder Arbeitssicherheit betrifft, ignoriert. Die andere Seite spielt entweder mit (Outsourcing) oder verliert (glücklicherweise nicht zwingend).
    Ein System bzw. die dahinter stehende Grundeinstellung, die in Teilen ein Phänomen wie Outsourcing erst hervorgerufen haben, als große Antwort zu präsentieren, hat etwas von einem Zirkelschluss.

    Die Personen die Begleitet wurden handeln natürlich eher aus einer Zwangslage heraus pragmatisch, aber das macht sie noch lange nicht zu Helden wie suggeriert wird.

    Es scheint so als wird etwa die Unabhängigkeit von Nichtregierungsorganisationen, damit sind wohl Solarprojekte oder Mikrofinanzierung gemeint, als Pluspunkt herausgestellt. Die NGOs und ihre Konzepte kann man kritisch sehen aber die Geldquellen für die "informelle Ökonomie" werden hier nicht transparent genug dargestellt. Als Sonnenschirmhändler verdient man nicht so eben schnell 40'000 US-Dollar und fliegt damit nach China.

    In der Einleitung zum Autor wird aber schon auf gewollt mangelnde Distanz verwiesen. Die Authentizität die man damit gewinnt kommt mit einem Preisschild.
    Für einen Reisebericht in dem man Beobachtungen vermittelt ist das etwas anderes als in einem Artikel in dem man ein Botschaft verbreiten will.

    Es soll Gerüchten zufolge auch in westlichen Ländern Unternehmer geben die es ohne Subventionen, Bankkredite und NGOs schaffen ein
    funktionierendes Geschäft aufzubauen. Allerdings mit allen Gesetzten, bürokratischen Hemmnissen und einer mehr oder weniger
    drückenden Steuerlast die ein legales Geschäft mit sich bringt. Das ist dann etwas worauf man zu Recht Stolz sein kann.
  • Friedrich Kopper (0) Unterhaltsamer Artikel, aber doch einige Fehlerchen, und direkt am Anfang wird voll übertrieben - allein Ruanda hat die dreifache Bevölkerungsdichte Nigerias... Schade, dass eigtl. schöne Artikel immer öfter mit solchen eigtl. handwerklich schweren recherchefehler durchsetzt sind..