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aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin

Schwarz? Weiß? So einfach ist es nicht.

Seite 3: Die Schattenwirtschaft verbessert die Lebensbedingungen

Robert Neuwirth  Illustrationen: Thomas Traum Übersetzung aus dem Amerikanischen: Peter Praschl

Die Weltwirtschaft des 21 Jahrhunderts findet nicht nur in Konsumtempeln, sondern auch auf Sonnenschirmäkkten statt (Bild: Ghetty)

Margaret Akiyoyamen, die in Lagos ohne Genehmigung einen solchen Stand betreibt, startete ihr Business mit einem Anfangskapital von umgerechnet 40 Euro. Im ersten Monat, erzählt sie, hatte sie ihre Investitionen wieder verdient, ein halbes Jahr später erzielte sie bereits einen monatlichen Gewinn von mehr als 200 Euro – das Fünffache des von der nigerianischen Regierung empfohlenen Mindestlohns, alles ohne Genehmigungen, Steuern und Gebühren.

Akinwale Goodluck, ein Manager beim südafrikanischen Telekom-Multi MTN, der bei einem jährlichen Umsatz von 12 Milliarden Euro in 21 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens Netze betreibt, erzählte mir, wie wichtig der Sonnenschirmmarkt für den Erfolg seines Unternehmens ist. »Ursprünglich haben wir versucht, mit den Regeln zu arbeiten, die für den Auto- und Telefonmarkt in Großbritannien gelten. Wir wollten ausschließlich mit registrierten Händlern zusammenarbeiten. Sie mussten eine Genehmigung der Nigeria Corporate Affairs Commission vorweisen, ein vom Handelsregister erfasstes Unternehmen sein.« Die Folge: Das Geschäft brach katastrophal ein. Als MTN die Strategie wechselte und auf die Schwarzhändler des Sonnenschirmmarkts zu setzen begann, stieg der Marktanteil in Nigeria auf 40 Prozent, und mittlerweile sorgt das Land für fast ein Drittel des Gesamtgewinns des Unternehmens. »Der Schwarzmarkt ist sehr, sehr wichtig geworden«, versichert Goodluck. »Kein ernsthafter Netzbetreiber kann es sich leisten, die Sonnenschirmhändler zu ignorieren.«

Und das alles in einem Land, das keine stabile Stromversorgung hat. Wie laden die Menschen ihre Telefone auf? Selbstverständlich mit der Hilfe von System D. In ganz Lagos – wie überall in Afrika und vielen anderen Gegenden der Welt – haben Händler am Straßenrand oft selbst konstruierte und abenteuerliche Handyladestationen errichtet, bei denen man sich für wenig Geld mit Handystrom versorgen kann, wenn man selbst keinen Zugang zum Elektrizitätsnetz hat.

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Die Verbreitung des Mobilfunks - und die Gewinne, die den legalen Netzbetreibern daraus erwachsen sind - hätte ohne die Schwarzmarktökonomie nicht stattfinden können. Aber Telekom-Unternehmen sind nicht die einzigen Profiteure der Schattenwirtschaft. So erzählte mir ein Manager des amerikanischen Kosmetikkonzerns Procter & Gamble, dass sein Unternehmen bei der Belieferung der Händler keinen Unterschied macht, ob sie staatlich zugelassen sind oder schwarz operieren.

Das Wachstum dieses mächtigen Untergrunds stellt viele geltende Normen infrage, existiert er doch jenseits von Handelsvereinbarungen, Arbeits-gesetzen, Markenschutz, Produktsicherheitsbestimmungen, Umweltschutzregelungen und dergleichen. Selbstverständlich haben Regierungen das Recht, von Unternehmern zu verlangen, dass sie nicht mit verdorbenen Lebensmitteln, kontaminierten Medikamenten oder gefährlichem Spielzeug handeln. Doch eine offizielle Bewilligung ist weder ein Gesundheitszertifikat noch ein Tarifvertrag - und keine Regierungsgenehmigung garantiert, dass Produkte harmlos sind oder Arbeiter gut behandelt werden.

Robert Neuwirth

ist ein altmodischer Reporter: Er nimmt die Wirklichkeit nicht bloß von fern zur Kenntnis, sonder lässt sich auf sie ein. Für sein »Buch Stealth of Nations« hat er vier Jahre lang bei Straßenhändlern und Schmugglern recherchiert und in Slums gelebt.

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