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aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin 3 Kommentare

Schwarz? Weiß? So einfach ist es nicht.

Einer der weltweit wichtigsten Märkte wird von den meisten Ökonomen verachtet oder ignoriert: der Schwarzmarkt. Doch das ist falsch.

Von Robert Neuwirth  Illustrationen: Thomas Traum Übersetzung aus dem Amerikanischen: Peter Praschl



Wo Licht ist, ist auch Schatten: Alles, was in der offiziellen und legalen Wirtschaft gibt, wird auf den Schwarzmärkten angeboten. Man könnte sich über die unfaire Konkurrenz empören. Man kann sie aber auch für eine Notwehr pfiffiger Kleinunternehmer halten.


David Obi hatte nicht mehr als ein Handy und die Aussicht auf ein wenig Geld von seinem Onkel, als ihm etwas gelang, woran die nigerianische Regierung seit Jahrzehnten scheitert: Er fand einen Weg, in seiner Heimat, dem am dichtesten bevölkerten Land Afrikas, Strom zu den Menschen zu bringen.

David ist kein Erfinder und kein Ingenieur, und seine Lösung der Energieversorgungsprobleme Nigerias hat nichts mit ausgeklügelter Photovoltaik oder irgendwelchen anderen alternativen Energiequellen zu tun. Stattdessen tat er 11 000 Kilometer von zu Hause entfernt etwas, was Händler seit je tun: Er machte ein Geschäft. Er beauftragte ein chinesisches Unternehmen damit, unter dem Namen seines Onkels Aakoo kleine dieselbetriebene Generatoren herzustellen und verschiffte sie nach Nigeria. Nichts konnte ihn daran hindern: weder die Tatsache, dass er sich illegal in China aufhielt, weil er sein Drei-Monats-Touristenvisum weit überzogen hatte, noch dass er von einem Hotelzimmer aus operierte oder darauf angewiesen war, über den tatsächlichen Wert der Ware zu lügen, die er nach Nigeria importierte, um Zollgebühren zu sparen.

»Ich habe eine Marktlücke gefunden, das ist alles«, sagt David, während er in der Bar gegenüber dem Wohnkomplex in Guangzhou, in dem er jetzt lebt, an seinem Bier nippt. »Wenn jemand etwas braucht, ist es mein Job, es herstellen und nach Nigeria bringen zu lassen.«

Aus seiner Geschichte kann man lernen, wie im 21. Jahrhundert die Weltwirtschaft funktioniert: Es gibt eben nicht nur multinationale Konzerne, die alles beherrschen – es existiert auch ein ökonomisches Paralleluniversum, das den Welthandel revolutioniert: eine Art Graswurzel-Bewegung, die die Konturen eines neuen und womöglich gerechteren Kapitalismus erkennen lässt.

EINIGE BEISPIELE

- Seit Jahrzehnten setzen Händler aus Paraguay Millionen von Euro damit um, dass sie von Ciudad del Este (der zweitgrößten Stadt des Landes) aus Computer und Elektrogeräte über die nahe Grenze ins benachbarte Brasilien schmuggeln. Damit fördern sie nicht nur die Verbreitung technologischen Wissens im größten Land Südamerikas, sondern kurbeln auch die Wirtschaft Paraguays an, dessen Bruttoinlandsprodukt zu 14 Prozent vom Schmuggel abhängt.
- In Nigerias Hauptstadt Lagos, berüchtigt für ihre Verkehrsstaus, ist es vor allem den Heerscharen illegaler Motorradtaxi-Unternehmer zu verdanken, dass die Stadt nicht völlig zum Stillstand kommt.
- Am Rande der Innenstadt von São Paulo versorgt ein gigantischer Schwarzmarkt täglich bis zu eine Million Kunden. Würde man die Wirtschaftsleistungen aller seiner Händler addieren, handelte es sich um das fünftgrößte Unternehmen des Landes.

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Es gibt eine zweite Ökonomie da draußen. Sie bewegt sich außerhalb der Gesetze, ist aber eng mit der legal operierenden Geschäftswelt verbunden. Sie beruht auf Kleinverkäufen und minimalen Profiten, aber in ihrer Gesamtheit produziert sie einen riesigen Reichtum – mehr als 7,6 Billionen Euro jährlich. Es ist diese Wirtschaft unter dem Ladentisch, die dafür sorgt, dass ein erklecklicher Teil der Menschheit überhaupt Arbeit hat und überlebt. Aktuellen Schätzungen zufolge verdient mehr als die Hälfte aller Arbeiter der Welt – annähernd 1,8 Milliarden Menschen – Geld außerhalb der Geschäftsbücher. Dennoch wird diese Ökonomie von den meisten Experten, Unternehmern und Politikern ignoriert und verachtet.

Für sie gehören die Bar-auf-die-Kralle-Unternehmer zu einer zerstörerischen Halbwelt, die informelle Ökonomie, Schattenwirtschaft oder Schwarzmarkt genannt wird. Aber sie irren sich. Der Handel, der sich auf den Straßen von Guangzhou, Ciudad del Este, Lagos, São Paulo und in vielen anderen Städten der unterentwickelten Regionen abspielt, findet nicht im Geheimen oder planlos statt und ist auch nicht kriminell. Er ist ein Produkt von Intelligenz, Zähigkeit, Selbstorganisation und Gruppensolidarität, und er folgt einer Reihe von bewährten, wenn auch ungeschriebenen Gesetzen. Es handelt sich um ein System, das von den Kaufleuten selbst gemacht wird. Das ist der Grund, warum man es - gemäß einem Ausdruck aus den ehemaligen französischen Kolonien in der Karibik und in Westafrika – lieber »System D« nennen sollte. Wobei »D« für das französische Wort débrouillardise steht, das Pfiffigkeit bedeutet.


Kommentare

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Kommentar:

  • Christian Becker (0) Der Fehler mit der Bevölkerungsdichte am Anfang des Artikels, auf den Herr Kopper bereits hingewiesen hat, hängt wohl mit der Übersetzung aus dem Englischen zusammen.
    Im Original von Robert Neuwirth (http://www.foreignpolicy.com/articles/20...), heißt es an der betreffenden Stelle "most populous", was in dem Zusammenhang wohl treffender mit "bevölkerungsreichster" zu übersetzen wäre.
  • Stefan R. (0) Ich kann leider nicht mit der Rechercheleistung des Autors gleichziehen und kann nur "gesunden Menschenverstand" dagegen setzten
    aber einiges in dem Artikel bereitet mir doch Kopfschmerzen.

    Wenn man sich die Fallbeispiele ansieht kommen doch einige Punkte auf die etwas seltsam anmuten.

    Das mit den Dieselgeneratoren ist so eine Sache. Hier stellt sich natürlich die Frage wie hoch die Kosten für den Treibstoff sind.
    Im Vergleich zu Solarzellen könnte das eventuell eher ungünstig sein. Nicht das die Chinesen so etwas nicht auf Lager hätten und günstig verkaufen würden,
    wie einige deutsche Hersteller in den letzten Jahren schmerzlich erfahren mussten.

    Technologisches Wissen und die Verfügbarkeit elektronischer Geräte sind nicht zwingend gleichzusetzen und der Schmuggel in Südamerika ist auch dort klar illegal.

    Was den Markt in Nairobi betrifft, wenn es eine inoffizielle Standgebühr gibt, wohin fließt diese?
    Ich stelle mal die gewagte These auf das ihre "inoffizielle" Natur darauf beruht das Sie eben nicht in die
    Kasse der Stadt sonder in den privaten Taschen einiger Beamter landet.
    Die genannten Unkosten für Reinigung, Sicherheit etc. kommen durchaus auch auf legale Unternehmen, zusätzlich zu nicht unerheblichen Gebühren.

    Das Thema Mobiltelefone ist dann schon etwas komplexer. Wenn ich richtig informiert bin dann sind viele der chinesischen Fabrikate durchaus
    technische Eigenwicklungen, die aber tausende Patente verletzen dürften.
    Nun ist das westliche Patentsystem gerade dabei ein paar eher zweifelhafte Kapriolen zu schlagen, wenn man sich die Patentklagen rund um Android
    und iOS ansieht oder den Rückzug der Logistik aus Deutschland, den Microsoft vor einigen Wochen bekanntgegeben hat; trotzdem, bei 750 Millionen
    Mobiltelefonen würden selbst einige Cents für die Inhaber dieser Patente enorme Summen bedeuten und die chinesischen Hersteller sind sicher keine
    wohltätigen Organisationen. Das ist dann doch mehr als Dreist.
    Da hilft es dann wenig das man beim Abkupfern der Dual-SIM-Modelle darauf verzichtet das Design gleich mit nachzubauen.

    Was die Schlussfolgerungen die der Autor zieht sind die wird es in meinen Augen nur noch schlimmer.

    Das mit der Effizienz ist so eine Sache. Wenn ein deutscher Discounter Hunderte von Kunden pro Tag mit einem Dutzend Angestellten "versorgen" kann
    und man für die gleiche "Leistung" in Südamerika Dutzende von Straßenhändlern braucht, steht die zweifellos vorhanden Energie dieser
    Menschen an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung. Das Prinzip "Teilhabe an der Ökonomie durch Ineffizienz" funktioniert bis zu einem gewissen Grad, aber
    hat auch nicht unerhebliche Schattenseiten, wie man in der DDR beobachten konnte.

    Das mit den Dieselgeneratoren mag ja pragmatisch klingen aber die laufenden Kosten sind nicht unerheblich und es fördert nicht gerade den Wohlstand
    wenn man am Ende mehr zahlt als etwa bei einer Solarlösung.

    Das fehlende Steuereinnahmen nicht unbedingt förderlich für die Infrastruktur sind ist anscheinend nicht allgemein akzeptiert.

    Die Missachtung von Gesetzten scheint den Autor auch nicht besonders zu stören. Das so etwas Korruption fördert und die Fallbeispiele teilweise
    klassische Situationen sind, in denen gerne und oft geschmiert wird, wird übergangen. Sei es Standgebühren, Schmuggel oder Produktfälschung. In all diesen Fällen ist es schwer vorstellbar das nicht bestochen wird.
    Das unter solchen Umständen legale Unternehmen keine Chance haben, dürfte nicht ganz unerheblich dazu beitragen, das dieser Sektor stagniert. Wer es nicht
    glaubt soll mal versuchen mit jemandem zu konkurrieren der keine Steuern und Abgabe zahlt und von den Behörden trotzdem bevorzugt wird.
    Die USA haben das sogar in einem Gesetz angerkannt. Im FCPA sind "Facilitation Payments" straffrei, sprich wenn man schmiert damit man etwas bekommt das einem sowieso zusteht und selbst das ist moralisch gesehen eher zweifelhaft.

    Einer der wenigen Punkte bei dem ich zustimmen würde wäre das Thema "Cargo-Cult Bürokratie". Sprich Bürokratie die, ohne die notwendigen faktischen
    Entscheidungsgrundlagen, versucht bestimmte Dinge zu erreichen (Umweltschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz) bzw. einfach eine bestehende Ordnung erhalten soll (Lizenzen zur Ausübung von Tätigkeiten).

    Meine Meinung zu diesem Artikel ist eher düster.
    Ich sehe wenig bis keine Kritik an dem "System D". Es wird sogar als eine Art "Lösung" angepriesen und die Tatsache das die "informelle Ökonomie" mit
    Begriffen wie "Graswurzel-Bewegung" und "Revolution des Welthandels" oder so schön hemdsärmeligen Bildern wie "Bar-auf-die-Kralle-Unternehmer" oder
    "System D wie System Pfiffigkeit" eingeleitet wird, läutet doch die ein oder andere Alarmglocke.
    Schmuggel, Steuerhinterziehung und Bestechung sind weder neu noch in irgendeiner Form besonders Demokratisch. Wer glaubt das Vitamin B bei einer Bewerbung in Deutschland eine zu große Rolle spielt kann ja mal in Paraguay anfragen ob er da noch eine Stelle als Schmuggler haben kann.
    Da hilft es auch nicht, sich schon vorab gegen Kritik von "Experten", die ja naturgemäß dann doch keine Ahnung haben und mehr falsch als richtig liegen,
    zu immunisieren.
    Die Argumentation das dieses System in einem "gerechteren Kapitalismus" münden würde ist dann doch dünn, um es vorsichtig auszudrücken.

    Ein Erfolgsmodell sieht anders aus. Keinem Land mit einem ausgeprägten Schwarzmarkt bzw. hoher Korruption geht es besonders gut. Das man
    Überbordende Bürokratie abbauen muss und das es dabei auch Leute gibt die dann ihre Pfründe verlieren kann man sich in Griechenland ansehen, beispielsweise Taxilizenzen.
    Öffnet man die Tür zur legalen Welt kann man auch die Korruption austrocknen und Staatseinnahmen stabilisieren, Infrastruktur bauen, und so weiter.
    Das es zwingend in diese Richtung gehen muss ist nicht gottgegeben und erfordert Einiges an Mühe. Selbst dann garantiert es noch keine Erfolg. Aber die
    andere Richtung ist sicher nicht erstrebenswert und den Berg runter geht es immer einfacher als rauf.

    Auch die Kritik an den westlichen "Konzernen" inklusive "Massenentlassungen" und "Outsourcing" sind schwierig zu verdauen. Immerhin sind China und auch Indien nicht ganz unschuldig an diesen "westlichen Problemen". Auch in diesem Szenario wird von einer Seite gerne alles was so überflüssige Dinge wie
    Umweltschutz oder Arbeitssicherheit betrifft, ignoriert. Die andere Seite spielt entweder mit (Outsourcing) oder verliert (glücklicherweise nicht zwingend).
    Ein System bzw. die dahinter stehende Grundeinstellung, die in Teilen ein Phänomen wie Outsourcing erst hervorgerufen haben, als große Antwort zu präsentieren, hat etwas von einem Zirkelschluss.

    Die Personen die Begleitet wurden handeln natürlich eher aus einer Zwangslage heraus pragmatisch, aber das macht sie noch lange nicht zu Helden wie suggeriert wird.

    Es scheint so als wird etwa die Unabhängigkeit von Nichtregierungsorganisationen, damit sind wohl Solarprojekte oder Mikrofinanzierung gemeint, als Pluspunkt herausgestellt. Die NGOs und ihre Konzepte kann man kritisch sehen aber die Geldquellen für die "informelle Ökonomie" werden hier nicht transparent genug dargestellt. Als Sonnenschirmhändler verdient man nicht so eben schnell 40'000 US-Dollar und fliegt damit nach China.

    In der Einleitung zum Autor wird aber schon auf gewollt mangelnde Distanz verwiesen. Die Authentizität die man damit gewinnt kommt mit einem Preisschild.
    Für einen Reisebericht in dem man Beobachtungen vermittelt ist das etwas anderes als in einem Artikel in dem man ein Botschaft verbreiten will.

    Es soll Gerüchten zufolge auch in westlichen Ländern Unternehmer geben die es ohne Subventionen, Bankkredite und NGOs schaffen ein
    funktionierendes Geschäft aufzubauen. Allerdings mit allen Gesetzten, bürokratischen Hemmnissen und einer mehr oder weniger
    drückenden Steuerlast die ein legales Geschäft mit sich bringt. Das ist dann etwas worauf man zu Recht Stolz sein kann.
  • Friedrich Kopper (0) Unterhaltsamer Artikel, aber doch einige Fehlerchen, und direkt am Anfang wird voll übertrieben - allein Ruanda hat die dreifache Bevölkerungsdichte Nigerias... Schade, dass eigtl. schöne Artikel immer öfter mit solchen eigtl. handwerklich schweren recherchefehler durchsetzt sind..