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aus Heft 19/2012 Aus dem Magazin Noch keine Kommentare

Der Knallkopf

Miguel Caballero ist kein Schneider wie jeder andere: Der Kolumbianer stellt schusssichere Mode her, auf die sich Politiker der ganzen Welt verlassen. Ein Werkstattbesuch.

Von Roland Schulz  Fotos: Luca Zanetti

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Nach dem Frühstück macht sich der Firmenchef Miguel Caballero auf die Suche nach einem Mitarbeiter, auf den er schießen kann. Er schlendert erst durch die Entwicklungsabteilung: »Guten Morgen. Habe ich euch schon angeschossen?« Stummes Nicken. »Aha. Na, vielleicht im Vertrieb.«

Als er die Abteilung erreicht, sind die Büros leer. Es ist früh, und seine Fabrik steht jenseits der Stadtgrenze von Bogotá in Kolumbien. Vielleicht sind die Beschäftigten spät dran. Vielleicht haben sie sich auf Warnung der Entwickler verdrückt. Die Vorliebe Caballeros, auf das mittlere Management zu schießen, ist bekannt. Bleibt die Buchhaltung.

Dort haben sich die Mitarbeiter schon auf einen Kollegen geeinigt. »Wusste doch, die Buchhalter hatte ich noch nicht alle durch«, sagt Caballero. Zögerlich folgt ihm der Kollege in die Fabrikhalle. Er ist neu im Betrieb, keine vier Monate dabei. Er wusste, was ihn erwartet. Aber nun befällt ihn die Angst. Wenn Caballeros Assistenten die  Waffen bringen, ist noch jeder neue Mitarbeiter nervös geworden.

Miguel Caballero ist Modefabrikant. Er ist 44 Jahre alt und brüstet sich, auf mehr als 400 Menschen geschossen zu haben. Seine Karriere begann mit einem Schuss auf seinen besten Freund, und seitdem hat ihn jede Kugel seinem Ziel näher gebracht, der weltweit bekannteste Schneider von schussfester Mode zu werden. Er hofft, dass sein Name eines Tages einen Klang haben wird wie Louis Vuitton oder Ralph Lauren. Auch Caballero fertigt Maßanzüge, allerdings sind seine gepanzert.

Caballero lässt sich eine Auswahl an verschiedenen Kalibern kommen, wenn er auf Mitarbeiter feuert: eine Maschinenpistole der Marke Uzi mit zwei Magazinen, eine Glock-Halbautomatik 9 mm Parabellum, eine Armeepistole des Typs Walther P1, einen Smith & Wesson-Revolver Kaliber .38 und eine Kiste Munition. Der Buchhalter zwingt sich zu einem Lächeln. »Entspann dich«, sagt Caballero.

Die Fabrikhalle liegt im Neonlicht, eine halbe Hundertschaft Frauen sitzt an surrenden Nähmaschinen. Hoch über der Fertigungsstraße hängt ein Dutzend Flaggen, darunter die von China und Großbritannien. Caballero lässt für jeden Absatzmarkt eine Fahne aufziehen. Die große Weltkarte am Rand der Fertigungsstraße pflegt der Chef persönlich: Jeder Ort, an dem seine Firma Geschäfte macht, ist durch einen Nagel gekennzeichnet - Mexiko-Stadt, London, Hongkong. Seine liebste Sammlung an Trophäen aber stellt er am Kopf der Halle zur Schau. Caballero lässt alle Zeitungsartikel, in denen er auftaucht, in Holz rahmen und an die Wand schlagen.

Es heißt, der amerikanische Präsident Barack Obama habe bei seiner Amtseinführung kugelsichere Kleidung von Caballero getragen. Auch die roten Hemden der Revolution, in denen Venezuelas Präsident Hugo Chávez seine Reden hält, sollen von Caballero stammen. Das spanische Königshaus, die Rapper der Band Wu-Tang Clan, Puff Daddy - alles angebliche Kunden. Caballero verweigert dazu die Auskunft. Das war nicht immer so.

Früher protzte Caballero gern mit seiner Kundschaft: König Abdullah II von Jordanien, der alternde Actionheld Steven Seagal, der ehemalige kolumbianische Präsident Álvaro Uribe. Dann aber hat Caballero den Fehler begangen, in einem Interview den Namen eines hochrangigen Politikers aus Mexiko zu erwähnen. Das schlug Wellen: Ausgerechnet ein Amtsträger, der betonte, dass sein Land trotz des Kriegs der Drogenkartelle sicher sei, traute sich nur in kugelsicherer Kleidung auf die Straße. Caballero musste nach Mexiko fliegen, um zu erklären, er sei falsch zitiert worden. Die Regierung hätte ihm sonst seine Filiale geschlossen. Seitdem schweigt sich Caballero über seine Kunden aus, auch wenn es ihm schwer fällt. Er liebt es, eine Show um seine Produkte zu machen.

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