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aus Heft 25/2012 Literatur Noch keine Kommentare

»Die Krise ist für die Gesellschaft der moralische Testfall«

Ein Gespräch mit dem Staatsrechtler und Bestsellerautor Bernhard Schlink über das wankende Europa und typisch deutsche Untergangsfantasien.

Von Max Fellmann und Nico Hofmann (Interview)  Fotos: Markus Jans



Bernhard Schlink zweifelt, ob die finanziellen und internationalen Krisen mit den bisherigen Methoden in den Griff zu kriegen sind.

SZ-Magazin: Herr Schlink, die Europäische Union hat massive Probleme, alles droht auseinanderzubrechen. Einerseits steht die deutsche Wirtschaft noch ganz gut da. Zugleich sprechen Skeptiker von baldiger Inflation, Chaos, Armut. Tanzen wir auf dem Vulkan?
Bernhard Schlink: Wir wissen nur nicht, wann der Vulkan ausbricht. Von jedem Experten, mit dem ich rede, höre ich, dass die ökonomische Krise durch das, was die Staaten tun, nicht bewältigt wird. Und was wird, wenn Israel tatsächlich den Iran angreift? Was, wenn die anderen Spannungen im Nahen Osten zu einem Krieg führen? Es gibt derzeit vieles, das nicht stimmt – und es kann passieren, dass alles zusammen eskaliert.

Die Apokalypse?
Nein, ein Vulkanausbruch. Die Apokalypse wäre das Ende, nach dem Vulkanausbruch geht es weiter.

Die meisten Menschen, die heute in Deutschland leben, haben nie Krieg oder echte Not erlebt. Wären wir in der Lage, mit einer richtigen Krise umzugehen?
Bis jetzt hat jede Generation die Krisen bestanden, die sie bestehen musste.

Aber vielleicht sind wir weniger vorbereitet als die Generationen vor uns. Es gab noch nie eine so lange Phase des Friedens und des Wohlstands wie jetzt.
Die letzte vergleichbar lange Phase lag vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst begeistert begrüßt, erschütterte er die Menschen stärker als später der Zweite, der von Anfang an als bedrückend erlebt wurde. Aber die Generation ist mit der Erschütterung fertiggeworden, mit den Schützengräben, dem Sterben, der Inflation und der Armut. Fertig wird man mit Krisen immer. Die Frage ist nur, was in der Krise noch hält. Kämpft jeder gegen jeden? Was bleibt an Verantwortung? Was an Solidarität? Die Krise ist für die Gesellschaft der moralische Testfall.
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Die Deutschen scheinen einen Hang zur Apokalypse zu haben. Warum spielen wir so gern mit Untergangsfantasien?

Unser Ursprungsmythos ist das Nibelungenlied, eine Heroisierung von Niederlage und Untergang. Der Historiker Ian Kershaw hat in seinem Buch Das Ende gefragt, warum die Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs noch so lange weitergekämpft haben. Ich meine, die prägende Kraft unseres Ursprungsmythos ist ein wichtiger Teil der Antwort.

Die Deutschen haben immer ein Schreckensszenario, auf das sich alle einigen können. Das war lange Zeit die atomare Bedrohung, der Kalte Krieg. Dann Umweltthemen, der saure Regen. Heute ist es die Finanzkrise. Warum ist das so?
Ein Schreckensszenario schafft Gemeinschaft. Und vielleicht gibt es eine Angst vor der Rache des Schicksals dafür, dass es uns so gut geht, historisch betrachtet wie auch im weltweiten Vergleich.

Im Zuge der Euro-Krise wird in anderen Ländern gelegentlich behauptet, die Deutschen würden jetzt mit wirtschaftlichem Druck den Allmachtsanspruch in Europa durchsetzen, den sie vor 70 Jahren mit kriegerischen Mitteln nicht erfüllen konnten.
Die Erinnerung an das Dritte Reich ist nun mal ein Ansatz für Polemik gegen Deutschland, der billig zu haben ist. Auch ein entsetzliches Stück Geschichte kann zum Versatzstück verkommen, das man spielerisch, karikierend hervorzieht – Prinz Harry als SS-Mann verkleidet auf einem Fest. Das heißt nicht, dass wir nicht Behutsamkeit schuldeten, wenn wir mit anderen europäischen Ländern umgehen. Mir erzählte ein Freund aus dem diplomatischen Dienst, wie es bis Kohl oder sogar Schröder war: Wenn die Deutschen in Europa etwas durchsetzen wollten, haben sie es andere vorschlagen lassen und nur unterstützt. Was für eine kluge Art, mit dem Erbe des Dritten Reichs umzugehen! Man verhält sich so, dass der Eindruck von Großmannsgehabe gar nicht erst auftreten kann.

In griechischen Medien wird Angela Merkel dennoch gern mit Hakenkreuzkleid dargestellt.
Das ist wieder das Dritte Reich als Versatzstück. Zugleich macht die Erinnerung an das Dritte Reich und den Holocaust uns immer noch fassungslos. Das Thema behält traumatisierende Bedeutung – und legitimierende; für den Stand des ethnisch-religiös definierten Staats Israel unter den Demokratien des Westens bleibt die Erinnerung wesentlich.

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