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aus Heft 28/2012 Kunst Noch keine Kommentare

»In manchen Museen hängt nur Baumarkt«

Werner Murrer ist einer der besten Rahmenmacher Deutschlands - ein Gespräch über die hochkomplizierte Kunst, alten Meistern die richtige Fassung zu verpassen.

Von Thomas Bärnthaler   Fotos: Martin Fengel

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München-Thalkirchen, ein puristischer Bau in einem Hinterhof eines bürgerlichen Wohnviertels. Laufkundschaft verirrt sich hierher nur selten. Werner Murrer, 52, führt durch seine Werkstatt. Oben wird montiert. Unten wird geschreinert. Es riecht nach Holzstaub. Hin und wieder zischt es, das ist eine Mitarbeiterin, die mit einer Druckluftpistole letzte Staubkörnchen aus einem Rahmen bläst. Zehn Mitarbeiter hat er, darunter Schreiner, Vergolder, Glaser, Holzbildhauer und Kunsthistoriker. Vor über zwanzig Jahren hat er angefangen, als Autodidakt, jetzt zählt er Gerhard Richter, Georg Baselitz und bedeutende Museen zu seinen Kunden und gilt daneben als weltweit führender Rahmen-Experte für die Zeit des Expressionismus.

SZ-Magazin: Herr Murrer, warum ist der Rahmen für ein Bild so wichtig?
Werner Murrer: Weil ohne den richtigen Rahmen den allermeisten Werken etwas fehlt, was allerdings im Kunstbetrieb noch nicht richtig angekommen ist. Kunsthistoriker interessieren sich für kleinste Details im Bild, aber ob der Rahmen drum herum stimmig oder echt ist, ist ihnen ziemlich egal. Schauen Sie sich die Ausstellungskataloge und Bildbände an, da sind die Werke meistens ohne Rahmen abgebildet. Dabei käme es gerade bei bestimmten Künstlern oder bedeutenden Werken darauf an, auch zu zeigen, wie sie gerahmt sind. Bei Leuten wie Mondrian oder Kirchner zum Beispiel war der Rahmenentwurf eine Einheit mit dem Bild, das kann man gar nicht trennen. Gott sei Dank fängt man langsam an, sich dafür zu interessieren.

Warum jetzt erst, Rahmen gibt es doch, seit es Malerei gibt, oder?
Zumindest lange genug, dass man merken könnte, dass Rahmen nicht nur Beiwerk oder Umrandung sind. Die Ursprünge liegen in der Malerei der Gotik des 12. Jahrhunderts. Zu jener Zeit wurde das Profil um das Bild noch aus der Holztafel entwickelt, auf die gemalt wurde - ein massives Stück Holz, bei dem in der Mitte eine Fläche herausgehobelt wurde für das Bild, der Rahmen blieb stehen. Danach begann man einfache Profile aufs Bild zu nageln. Daraus haben sich im Laufe der Jahrhunderte die vielen Rahmenarten entwickelt.

Was macht einen guten Rahmen aus?
Das hängt immer vom zu rahmenden Bild ab. Aber wichtig ist die Harmonie im Profil des Rahmens, die Proportionen. Ein gutes Profil ist meistens im Goldenen Schnitt. Grundsätzlich sollte ein Rahmen nicht negativ auffallen. Im besten Fall geht der Rahmen eine Verbindung mit dem Bild ein, eine Hochzeit, wie wir sagen. Ein guter Rahmen ist auch handwerklich überzeugend. Dies muss aber nicht heißen, dass er automatisch teuer ist.

Braucht jedes Bild einen Rahmen?
Nein. Es gibt zum Beispiel Werke aus den Siebzigerjahren, als die Malerei sehr ausufernd und wild war, zu denen kein Rahmen passt. Oder Bilder mit starken Keilrahmen, die bewusst ohne Rahmen angelegt wurden, wo die Ränder teilweise mitbemalt sind. Sie finden z. B. bei Gerhard Richter viele Arbeiten, die man nicht unbedingt rahmen muss. Auch die Minimallösung, die Künstlerrandleiste, kann sehr schön sein. Nehmen Sie Arbeiten von Kunststudenten, die noch nicht etabliert sind - da kann der einfache Keilrahmen, auf den die Leinwand gespannt ist, viel stimmiger sein.

Kann der richtige Rahmen auch wertsteigernd sein für das Bild?
Sicher. Ein falscher oder billiger Rahmen zieht das Bild nach unten. Aus diesem Grund machen sich gute Kunsthändler auch auf die Suche nach dem optimalen Rahmen. Für Heinz Berggruen war der Kauf eines Bildes die eine Sache, die Suche nach dem optimalen Rahmen danach das Schwierigste. Ob sich Bieter bei Auktionen vom Rahmen beeinflussen lassen, bezweifle ich. Da zählt nur das Bild.

Sie rahmen hauptsächlich Originalgemälde, ist dieser Markt nicht sehr überschaubar?

Sie glauben gar nicht, wie viele Bilder in Sammlungen und auch in Privatbesitz noch keinen passenden Rahmen gefunden haben. Auch im Museumsbetrieb kommen viele noch in der Kunsthandelsanmutung daher, dort hängt oft nur Baumarkt.

Wie darf man sich das vorstellen?
Wie Fertigleisten. Oder es hängt immer die gleiche Leiste, egal um welches Bild. Ohne Auseinandersetzung mit der Kunst. Wenn Sie zum Beispiel in eine Monet-Ausstellung gehen, werden 99 Prozent der Bilder in Billigkopien von Barockrahmen hängen. Dabei wäre ein geschnitzter französischer Original-Barockrahmen, wie er zu jener Zeit benutzt wurde, viel schöner. Noch besser wäre ein schlichter, weißer Rahmen, wie ihn die Impressionisten selbst für ihre Bilder vorsahen. Die wurden allerdings schon zu deren Lebzeiten in den Salons nicht akzeptiert.
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