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aus Heft 28/2012 Musik

Stell dir vor, du hättest den Hintern von Montserrat Caballé

Eva Menasse  Illustrationen: Nishant Choksi

Gesangsstunden? Fand unsere Autorin völlig abwegig. Bis sie selbst welche nahm. Ein Lob in den höchsten Tönen.


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Im Grunde besteht das einzige Glück des Älterwerdens darin, in sich selbst immer weitere Sümpfe von Dummheit zu entdecken und, wenn möglich, trockenzulegen. Mein Verhältnis zur Musik war ein solcher Sumpf. Nicht zur Musik an sich, nur zur selbst gemachten. Ich war eine engstirnige Verfechterin des klassischen deutschen Geniekults. Auf der einen Seite die Sterne am Firmament: Dirigenten, Pianisten, Geiger, Sänger, denen gottgleiche Anbetung gebührt. Auf der anderen Seite die Scharen fröhlicher Dilettanten, die, wenn sie schon nicht anders können als selber zu singen oder auf Instrumenten herumzustümpern, dies bitte in schalldichten Bunkern tun mögen, ohne die empfindlichen Ohren der Gesellschaft damit zu belästigen.

An diesen hochfahrenden Ansprüchen ist auch mein Klavierspiel gescheitert. Da es mir nicht gelang, im formbaren Kindesalter ein Niveau zu erreichen, das mir akzeptabel schien, ließ ich es lieber ganz. Ich beschuldige bis heute meine Mutter, das Klavier zu spät angeschafft zu haben. Es ist ja immer bequem, andere Gründe zu finden als die eigene Talentlosigkeit. Aber inzwischen finde ich beides feige, die Sündenbock-Konstruktion genauso wie die wehleidige Selbstermächtigung, aufzuhören, nur weil aus mir nicht nur kein Lipatti, sondern nicht einmal eine mittelmäßige Bar-Pianistin werden konnte.

Denn dass das eine mit dem anderen, die begnadeten Götter mit dem laienhaft musizierenden Volk etwas zu tun haben könnten, ist mir erstaunlich spät aufgegangen, und zwar in einem etwas skurrilen Selbstversuch.

Denn eines Tages fand ich mich in einer fremden Schöneberger Wohnung mit der Nasenspitze dicht vor einer weißen Wand »uuoouuh« machen.

In meinem Rücken saß eine Frau am Klavier und schlug gelegentlich eine Taste an, ich glaube, es war ein F.

Pling! - Uuoouuh!

»Viel weniger Luft«, sagte die freundliche Stimme hinter mir, »stell dir vor, die Wand singt dir den Ton zu, nicht umgekehrt.«

Pling! - Uuuuoooouuuh!

»Genau! Hast du das gehört?«

Ich drehe mich um, hochrot, und sage voller ehrlichem Selbsthass: »Nein.«

Irgendetwas Erfreuliches ist passiert, aber ich habe es gar nicht gehört. Ich singe, wie ein Blinder malt. Ist ja wieder typisch. Eine Szene wie aus einem Albtraum. Wie bin ich hierher gekommen? Was ist in mich gefahren?

Es gibt, aber das wurde mir erst später klar, eine Zwillingsszene dazu. Ich bin zwölf, ich singe seit zwei Jahren im Schulchor, der jedes Jahr im Frühling am Wiener Chorwettbewerb »Jugendsingen« teilnimmt und dort so erfolgreich ist wie der 1. FC Kaiserslautern in der vergangenen Saison.

Aber im Jahr 1982 wurde unser Musiklehrer, den wir hier Professor Koranda nennen wollen, unversehens von Ehrgeiz durchpulst. Er muss davon geträumt haben, wenigstens ein einziges Mal nur Vorletzter zu werden, oder sogar Drittletzter. Er ließ die Kinder einzeln vorsingen. Und da stehe ich ängstlich vorne neben dem Flügel, schräg hinter mir die auf Versagen lauernde Meute. Korandas Zeigefinger hackt auf eine schwarze Taste ein, ich glaube, es war das Gis. Hier lag offenbar der Fehler in der Liedzeile, die ich gerade gesungen habe. Ich versuche es noch einmal, saftlos wie ein tuberkulöser Spatz. Koranda hebt beide Hände, als würde er mit aller Kraft ein unsichtbares Tablett vor seinem Gesicht hochstemmen. »Giiiis!«, ruft er in Gis. Ich hebe sein Tablett offenbar nicht hoch genug. Er schließt die Augen, wie im Schmerz, dann schüttelt er langsam den Kopf. Ich bin draußen.

Warum ist Gesang eigentlich mit so besonders viel Peinlichkeit verbunden? Zumindest bei Kindern lächeln wir nachsichtig, wenn sie am Klavier danebenhauen, wir zucken vielleicht, wenn sie eine Geige malträtieren und dieses Geräusch erzeugen, das man sonst nur aus der metallverarbeitenden Industrie kennt. Aber jemand, der sich hinstellt und falsch, oder nicht ganz richtig, oder auch nur nicht besonders gut singt, der ruft körperlich messbare, aggressive Verachtung hervor. Deshalb wird Troubadix auch jedes Mal gefesselt, geknebelt und auf den Baum gezogen.

Davon leben die Castingshows. Deren gelungenste Momente sind ja immer die, wo das johlende Fremdschämen bruchlos in den Gottesdienst am Klangwunder übergeht, wie damals, als die unansehnliche schottische Arbeitslose Susan Boyle in einer Art goldenen Wursthaut auf die Bühne von Britain’s Got Talent gestapft kam und die grässliche Kitschnummer I Dreamed a Dream derart herzergreifend sang, dass den Konfektionsgröße-Null-Tussis im Publikum vor Rührung die falschen Wimpern abfielen. Millionen Klicks auf Youtube, ein Plattenvertrag und eine Kosmetikerin, die Susans buschige Augenbrauen zupfte - a star was born.

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Eva Menasse schreibt an einem Roman und erlaubt sich eigentlich keine Ablenkungen. Mit zwei Ausnahmen: den Gesangsglücksstunden und diesem Text. Nun arbeitet sie weiter an Kapitel zwölf, wo nicht gesungen, sondern gemordet wird.

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