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aus Heft 29/2012 Politik

Die blonde Gefahr

Paul Waugh  Übersetzung: Peter Praschl

Boris Johnson ist ein Phänomen: Der Londoner Bürgermeister legt einen peinlichen Auftritt nach dem anderen hin – und trotzdem (oder gerade deshalb) lieben ihn alle. Jetzt fragt sich ganz England, wie er wohl die Olympischen Spiele versauen wird.


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Am Morgen nach seiner Wiederwahl zum Bürgermeister von London machte sich Boris Johnson zum Joggen auf. Er sah aus, als hätte er sich im Dunkeln angezogen. Seine Socken passten nicht zusammen, über seinem T-Shirt mit dem Slogan »Love London« trug er eine pilzfarbene Fleecejacke, aber am unglaublichsten waren seine Seiden-Shorts: marineblau mit neonpinkfarbenem Bund und einem chinesischen Drachen auf der Vorderseite. Ganz offensichtlich hatte er das Teil verkehrt herum angezogen. Das groteske Outfit war ein klassischer Boris Johnson – selbstvergessen, schlampig, aber gut gelaunt und unwiderstehlich komisch. Für solche Auftritte liebt ihn die britische Öffentlichkeit.

Wenn am 27. Juli die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden, wird die ganze Welt auf London blicken. Doch als Bürgermeister von Europas größter Stadt hat sich Boris – er ist der einzige Politiker im Königreich, den jeder beim Vornamen nennt – längst verewigt. Er hat sich eine neue Version der legendären Doppeldecker-Busse ausgedacht (den »Boris Bus«), die chronisch verstopfte Stadt mit Leihfahrrädern versorgt (den »Boris Bikes«) und denkt darüber nach, den überlasteten Flughafen von Heathrow durch einen neuen zu ersetzen, für den er in der Themse eine Insel aufschütten lassen will (»Boris Island«). Seine Wiederwahl hat ihn zum beliebtesten Konservativen Großbritanniens gemacht, und bei den Buchmachern gilt er als wahrscheinlichster Nachfolger des derzeitigen Premierministers David Cameron.

Der Grund für seinen Erfolg liegt aber weniger in seinen Taten als in seinem Charakter. Andrew Gimson, einer von Johnsons Biografen, meint: »Johnson hat eine Begabung, die man in der Politik kaum je antrifft: Er macht den Menschen bessere Laune. Selbst Leute, die ihn nicht gewählt haben, fangen an zu lächeln, wenn sie ihn sehen.«

Der 48-Jährige ist berühmt für erfrischend witzige Statements. Für seine Partei warb er mit dem Versprechen: »Wenn Sie die Konservativen wählen, bekommt Ihre Frau größere Brüste und Sie haben bessere Chancen auf einen BMW M3.« Auf die Frage, ob er je Drogen genommen habe, antwortete er: »Man hat mich einmal Kokain probieren lassen, aber während des Schnupfens musste ich niesen, deswegen ging nichts die Nase hoch. Kann gut sein, dass es sowieso Puderzucker war.«

Dank seines unübersehbaren Blondschopfs kann sich Johnson nicht durch London bewegen, ohne auf Schritt und Tritt von Menschen belagert zu werden. Seine Mitarbeiter erzählen, dass sie immer 15 Extraminuten in seinen Terminplan einbauen, weil ihn so viele Leute auf der Straße ansprechen.

Anfang des Jahres habe ich ihn bei Wahlkampfauftritten begleitet und miterlebt, wie er die Menschen für sich gewinnt: Im Westlondoner Vorort Chiswick hält ihm ein Mann ein Buch zum Signieren unter die Nase – die Autobiografie seines Labour-Konkurrenten Ken Livingstone. Johnson stutzt kurz und schreibt dann: »Dieses Buch ist kompletter Mist, Ihr Boris Johnson.« Der Labour-Anhänger lacht schallend.

Ken Livingstone selbst ist wahrscheinlich der Einzige, der sich nicht über seinen Nachfolger amüsieren kann. »Labour-Wähler sagen, dass sie für ihn stimmen, weil er sie zum Lachen bringt«, erzählt er. »Boris Johnson ist jemand, der ungefähr mit zehn herausgefunden hat, dass man sogar mit einen Mord davonkommen kann, wenn man diesen strubbeligen Knuddel-Charme kultiviert.«

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Der Journalist und Blogger Paul Waugh berichtet seit mehr als 14 Jahren über britische Innenpolitik, zuerst für den Independent und den London Evening Standard. Inzwischen ist er bei politicshome.com, der führenden politischen Nachrichtenseite in Großbritannien. Sein täglich verschickter E-Mail-Newsletter »TheWaughRoom-Memo« wird auch von Premier David Cameron und Oppositionsführer Ed Miliband gelesen.

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