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aus Heft 30/2012 Kunst Noch keine Kommentare

I draw NY

Der Künstler James Gulliver Hancock hat sich vorgenommen, alle Gebäude in New York zu zeichnen. Total bescheuert oder einfach liebenswert?

Von Max Fellmann (Interview)  Illustrationen: James Gulliver Hancock

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SZ-Magazin: Herr Hancock, Sie versuchen, jedes Haus in New York zu zeichnen und in ihrem Blog zu zeigen – warum?
James Gulliver Hancock: Weil ich die naive Vorstellung habe, dass es tatsächlich klappen könnte. Ich bin Australier, und als ich vor zwei Jahren nach New York gezogen bin, wollte ich mir die Stadt zu eigen machen, näher rankommen als ein Tourist. Wenn man zeichnet, schaut man genauer hin. So wurde dieser surreale Ort New York für mich irgendwie realer.

Ist das, was Sie machen, Kunst?
Das müssen die Betrachter entscheiden. Ich habe so ähnliche Zeichnungsserien schon in anderen Städten gemacht, eine über den Regen von London, eine mit den Autos von Los Angeles, eine mit den endlos vielen Fahrrädern von Berlin. Was mir gut gefällt, ist die kindliche Poesie der Behauptung, man könnte alle Häuser zeichnen – das ist so
größenwahnsinnig, das passt zu New York.

Und wenn Sie ganz ehrlich sind: Glauben Sie, dass Sie es schaffen?
Ich könnte wohl auf lange Sicht ein bisschen Hilfe brauchen, aber vielleicht, wenn ich es ganz systematisch angehe … Andererseits – wenn ich irgendwann fertig sein sollte, muss ich sowieso von vorn anfangen, weil am anderen Ende der Stadt schon wieder lauter neue Häuser gebaut sind.

Wie lang würde das wohl dauern?
Keine Ahnung. Vielleicht könnte das einer Ihrer Leser mal durchrechnen?

Gehen Sie nach einem System vor?
Nein, anfangs habe ich einfach die Häuser in meiner Nachbarschaft gezeichnet, in Williamsburg und Greenpoint, Teilen von Brooklyn also. Inzwischen ist mein kleines Projekt ein bisschen in der Stadt bekannt geworden, und Leute bestellen Bilder von ihren Häusern. Auf die Weise komme ich in Ecken, in denen ich noch nie war.

Welche Häuser gefallen Ihnen am besten?
Eigentlich die, mit denen alles anfing: die sogenannten Brownstone Buildings in Brooklyn mit kleinem Laden im Erdgeschoss, darüber nur zwei, drei Stockwerke, dann ein verzierter Sims. In Straßen mit solchen Häusern gibt es auch viel mehr normales Leben zu sehen als in den Wolkenkratzerschluchten drüben in Manhattan.

Was haben Sie dabei über New York gelernt?
Wer sich die Häuser genau ansieht, kriegt eine Ahnung davon, wie die Stadt sich entwickelt hat, wie sie gewachsen ist. Und auch davon, wie sich das Leben im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Auf einmal kann man sich genau vorstellen, dass es an der Canal Street in Chinatown mal einen Kanal gab. Beim Zeichnen bemerkt man Details, die einem sonst entgehen würden: das Haus, bei dem die Feuerleiter so verdreht angebracht ist. Das Haus, bei dem die Weihnachtsdekoration immer noch hängt. All das verleiht den Häusern einen eigenen Charakter.

Was verraten Häuser über ihre Bewohner?
Sie erzählen etwas über das Zusammenleben der Menschen. In den Straßen mit den kleineren Häusern ist alles viel offener, jeder kann jedem ins Wohnzimmer schauen, fast wie im Dorf. Da leben die Menschen natürlich anders als in der Upper West Side. Es ist wie in Alfred Hitchcocks Film Das Fenster zum Hof.

Werden Sie angesprochen, wenn Sie auf der Straße zeichnen?
Kaum. Die New Yorker sind dran gewöhnt, dass immer irgendwelche Typen auf der Straße rumhängen und was Eigenartiges machen.

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