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aus Heft 30/2012 Kino/Film/Theater Noch keine Kommentare

Nur die Ruhe

Wenn es im Film ganz, ganz still ist… hören wir immer dieselbe Stille. Ein Tontechniker hat sie vor 50 Jahren aufgenommen. Und, pssst: Seitdem wird sie praktisch ständig verwendet.

Von Gabriella Herpell 




Von irgendwoher summt es immer, oder raschelt, brummt, dröhnt, knistert, scheppert. Die Welt ist voller Nebengeräusche, die von Autos, Flugzeugen, Computern, Nachbarskindern, Kirchenglocken, Straßenarbeitern, dem Wind, dem Kühlschrank erzeugt werden. Ein Grundrauschen, das einen ständig umgibt.

Wenn der Geräuschpegel niedriger wird, in der Nacht oder auf dem Land, hört man eine Uhr ticken, eine Fliege summen, Vogelzwitschern. Denn merkwürdig: Um Stille zu hören, sie überhaupt bewusst wahrzunehmen, braucht es ein Geräusch, ein leises, das man nur hört, weil sonst nichts zu hören ist.

Mehr Stille wäre entsetzlich still. Mehr Stille erträgt man kaum. Das kennt man aus Filmen. Aus Spiel mir das Lied vom Tod zum Beispiel. Wie rasend zirpen die Grillen in der Mittagshitze, Maureen, die Tochter, deckt den Tisch fürs Fest und summt Danny Boy. Dann plötzlich: Totenstille. Eine Minute lang, wie eine Ewigkeit. Vögel fliegen auf, ein Schuss fällt, die Tochter schwankt, die ganze Familie wird erschossen. Wenn man nichts mehr hört, wird es unheimlich.

Also hört man meistens was im Film. Auch wenn man nur Landschaft sieht oder Menschen, die nicht reden und auch sonst keinen Krach machen. Es läuft dann Musik. Oder der Wind pfeift, Vögel singen, Hunde bellen, der Hahn kräht. Alle zwei Sekunden ein neues Geräusch. Denn anders als in der Wirklichkeit vermischen sich die Töne im Film nicht miteinander zu diesem Grundrauschen, sondern werden aneinandergereiht.

Was nicht während der Dreharbeiten aufgenommen wurde und eine gute Tonqualität hat, wird erst beim Vertonen des Films unterlegt und kommt aus der Konserve – als Aufzeichnung eines Tons auf Band. Und weil viele Tondesigner dieselben Töne verwenden, hört man immer wieder dasselbe Hundegebell, dasselbe Telefonklingeln, dasselbe Türquietschen.

Der Ton passt dann zum Bild, zur Atmosphäre, aber manchmal hat er mit der Situation, die gezeigt wird, nicht allzu viel zu tun. Zum Beispiel der Falke: Er gleitet durch die Luft und ruft, einmal, zweimal. Ein leiser Ruf ist es, ein Ruf wie ein Seufzer. Gänsehaut.

Zwei Sekunden lang ist der Ruf des Falken. Er heißt »Bird Hawk Single Screech PE020801« und gehört seit mehr als 50 Jahren zu den beliebtesten Sound-Effekten. Tondesigner aus aller Welt greifen ständig auf den Falken zurück, wenn sie einen Vogelruf brauchen, der die Weite der Landschaft hervorhebt.

Ihre Töne finden die Sound-Designer auf CD-Reihen wie der Premiere Edition der Tonbibliothek Hollywood Edge, auf der Tausende Spezialeffekte preisgekrönter Spielfilme zusammengefasst sind, darunter auch weniger stereotype als der Falke, zwitschernde Vögel oder Hundegebell. »Book«: Buchseiten rascheln beim Umblättern. Oder »Handle turns« – der Türknauf, der sich dreht. »Hamburger, frying«: Eine Frikadelle brät in der Pfanne.

Sound-Designer brauchen unendlich viel Material. Denn im Film hört man alles, was sich ereignet. Auch Dinge, die in Wirklichkeit kaum ein Geräusch machen – Schritte, wenn einer über die Straße läuft. Regen, der aufs Pflaster prasselt. Im Film knarren Holzdielen, klappern Fenster im Wind, quietschen Türen immer laut und deutlich.

Der amerikanische Sound-Designer Peter Michael Sullivan, der den Ton für Filme von James Cameron und Wolfgang Petersen gemacht hat, sagt: »Sound-Design ist etwas, was den Zuschauern gar nicht bewusst ist. Aber es hat einen sehr starken Einfluss darauf, wie sie die Bilder und infolgedessen die ganze Geschichte, die sie sehen, erleben.«

In Brokeback Mountain, einem Western aus dem Jahr 2005, verlieben sich zwei Cowboys ineinander. Am Morgen nach einer dramatischen Nacht reitet der eine, gespielt von Heath Ledger, ins Gebirge und sieht nach den Schafen, die er eigentlich hätte hüten sollen. Es ist kalt und stürmisch, der Sattel knarzt. Man denkt, schöne Landschaft, aber ziemlich ungemütlich. Dann ruft der Falke. Und man denkt, was für eine weite, was für eine großartige Landschaft!

Es funktioniert also. Das Bild, vom Ruf des Vogels untermalt, ist viel stärker als das Bild ohne diesen Ton. Daran liegt es wohl auch, dass man den Falken in so vielen Filmen hört, während man ihm im echten Leben eher selten begegnet.

Zunächst tauchte der Ruf des Falken in klassischen oder Italo-Western aus den Sechziger- und Siebzigerjahren auf. Männer wie Clint Eastwood reiten im Poncho durch karge Gegenden, die Sonne brennt auf sie herab und irgendwo lauert ein Indianer.

Inzwischen ruft der Falke in Filmen, die in der afrikanischen Wüste spielen oder in den Bergen Wyomings, aber auch in deutschen Produktionen. In Romy beispielsweise, dem Fernsehzweiteiler mit Jessica Schwarz über Romy Schneiders Leben. Im modernen, hochgelobten Heimatfilm und Familiendrama Hierankl mit Sepp Bierbichler. Im Roadmovie Friendship: Zwei Jungs aus der DDR trampen durch die USA.

Im Oktober kommt Die Wand ins Kino, die Verfilmung eines Romans der österrei-chischen Schriftstellerin Marlen Haushofer: Eine Frau ist allein im Wald hinter einer gläsernen Wand gefangen, abgeschnitten von der Welt. Schnell begreift sie, wie bedrohlich ihre Situation ist. Aber solange der Falke noch ruft, ist noch Leben. Noch Hoffnung.

Niemand weiß, wo und wann genau der Falke aufgenommen wurde. Aber weil keiner je einen vergleichbaren Ton aufgenommen hat, wurde »Bird Hawk Single Screech PE020801« in den letzten Jahren digital überarbeitet und entrauscht. Er klingt nun noch reiner. Manchmal wird er mit einem Hall verlängert, dann ist er etwas leiser, undeutlicher.

Aber zu erkennen ist er immer. Auch wenn er, weil er so überstrapaziert wird, bereits parodiert wird. Dann ruft er aus dem Wald bei Springfield. Dort wohnen die Simpsons.
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