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aus Heft 44/2007 Tiere/Pflanzen Noch keine Kommentare

Auf der Lauer

Gehasst, bewundert und jenseits aller Gesetze: In den bayerischen Bergen treiben die Wilderer ihr Unwesen wie vor 100 Jahren. Wir waren mit einem von ihnen unterwegs. Von Bastian Obermayer (Text); Robert Voit (Fotos) 



Die Maske zieht Anton Hardt, der Wilderer, nur über, wenn es gefährlich wird. Wenn er schießen will oder schon geschossen hat.
Der Wilderer hat an diesem Tag kein Gewehr dabei. Sagt er. Aber Anton Hardt* hat schon oft versprochen, sein Gewehr im Versteck und das Wildern sein zu lassen. Nach den zwei Hausdurchsuchungen, nach der ersten Verhandlung und nach der zweiten. Nachdem Polizisten und Jäger ihn acht Stunden lang mit Hubschrauber und Wärmebildkamera durchs Gebirge hetzten, ehe sie ihn festnahmen. »Wildern macht süchtig, das kannst du nicht aufhören. Irgendwann fangen deine Beine von selber an zum Gehen, dann stehst du wieder mit der Büchse im Wald. Wilderer bleiben Wilderer, für immer«, sagt er, und dass er sein Fleisch nicht im Supermarkt kaufen will.

Der Wilderer trinkt an diesem Sonntag um kurz vor zehn Uhr morgens sein zweites Weißbier in der Talstation der Wendelsteinbahn im oberbayerischen Brannenburg. Dann sagt er: »Auf geht’s« und steigt in die wartende Zahnradbahn. Der Wendelstein glänzt in der Sonne, um den Berg scharen sich weiße Wolken vor blauem Himmel. Anton Hardt, kräftige Statur, Dreitagebart, kurze Haare, Typ: Hubert von Goisern, ist gekleidet wie einer von vielen, die gern am Berg sind – blaue Funktionshose, kariertes Hemd, bunter Rucksack. Eine bessere Tarnung gibt es kaum: »Wer nachts geht und sich das Gesicht schwärzt, der kann sich auch ein gleich ein Schild umhängen, auf dem ›Wilderer‹ steht.« Er lacht. Hardt sagt »Wuidler« statt »Wilderer« und »Votzn« statt »Gesicht«. Er muss nicht flüstern; die Touristen um ihn herum verstehen sein derbes Bairisch ohnehin nicht.
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Die letzten Wanderer zwängen sich in die voll besetzte Bahn, dann ruckelt sie los. Dicht an dicht stehen die Rucksäcke im engen Mittelgang, Müsliriegel und Äpfel werden ausgepackt. Wenn Hardt jagen geht, steckt in seinem Rucksack ein Kleinkalibergewehr mit ausklappbarer Schulterstütze, Zielfernrohr und Schalldämpfer zum Aufschrauben, außerdem Munition, ein scharfes Messer zum Aufbrechen der erlegten Gämsen und eine Wollmütze mit Augenlöchern, die er sich als Maske übers Gesicht ziehen kann. Aber erst, wenn er die Pfade der Wanderer verlassen und sein Gewehr hervorgezogen hat. Wenn er auf den ersten Blick als Wilderer zu erkennen ist oder sogar schon geschossen hat.

Auf dem Rückweg liegen in Hardts Rucksack die Köpfe der erlegten Gämsen und die guten Fleischstücke von Rücken, Schulter und Schlegel, eingepackt in Tüten, damit das Blut nicht heraustropft. So passen leicht zwei Gämsen in einen Rucksack, erzählt er. »Runter gehst du auch mit Wanderern. Da sagst du ›Servus‹, und schon bist du im Gespräch.« Und völlig unverdächtig für entgegenkommende Jäger. In den Tagen nach dem Schuss verteilt Hardt die Fleischstücke an Freunde und Verwandte oder bestückt die Gefriertruhen, kocht die Gämsenköpfe aus und nagelt die Geweihe an die Wand. »Das gehört dazu, Krickerl versteckt man nicht im Keller«, sagt er und nickt seinem Spiegelbild im Bahnfenster zu. »Krickerl« sind Geweihe.

(Auf der nächsten Seite lesen Sie: Warum die Wildererlegende George Jennerwein in Bayern verehrt wird "wie sonst nur König Ludwig")

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