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aus Heft 37/2012 Literatur

»Die Leute mögen sich über Gewaltszenen in meinen Büchern aufregen, ich sage ihnen: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer«

Seite 2: Vom Privatdetektiv zum Krimiautor

Lars Reichardt (Interview)  Fotos: Bryce Duffy


Sie waren früher einmal Privatdetektiv. Haben Sie eigentlich auch an Drogenfällen gearbeitet?

Eher nicht. Am Anfang habe ich in New Yorker Kinos nach Taschendieben Ausschau gehalten. Später wurde ich auf vermisste Personen angesetzt - alles nichts Dramatisches, ich war ein kleiner Hund, dem man zurief: Such, fass! Man muss bei solchen Jobs eine Menge Zeit totschlagen, wenn man im Zug oder irgendeinem Motelzimmer sitzt. Ich habe damals jede Menge Krimis gelesen. Zuletzt habe ich in Kalifornien an einigen Fälle von Versicherungsbetrug, Brandstiftung, Industriespionage oder Mord gearbeitet. 

Hatten Sie eine Waffe?

Gelegentlich. Ich habe sie aber nie benutzt. Gott sei Dank. Einmal hat jemand auf mich gezielt, das war gruselig.

Warum haben Sie mit dem Schreiben erst so spät angefangen? Sie gingen schon auf die 40 zu, als Ihr erster Roman veröffentlicht wurde.
Ich könnte jetzt sagen, dass ich ja damit beschäftigt war, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, und ich musste wirklich hart für meine Miete arbeiten. Aber natürlich habe ich auch Angst vor dem Scheitern gehabt. Versagensangst hält viele Menschen davon ab, das zu tun, was man sich am meisten wünscht. Geschrieben habe ich ja, seit ich sechs war, nur nicht veröffentlicht.

Kinder-Krimis?
Kleine Westernstücke, die Kinder aus der Nachbarschaft aufführten: Daniel Boone und Texas John ziehen mordend in den Westen, um mehr Platz für ihre Ellenbogen zu finden. Der Titel war fast länger als das ganze Stück. Immerhin zahlten mir die anderen Kinder meine erste Gage: 25 Cent.

Wann haben Sie das nächste Mal mit dem Schreiben Geld verdient?
Irgendwann vor etwa 25 Jahren. Da war ich gerade in Afrika und habe Fotosafaris in Kenia geleitet. Ich habe ja einen Universitätsabschluss in Afrikanischer Geschichte, mit dem ich mich als schwer vermittelbarer Arbeitsloser qualifizierte, da nimmt man jeden Job an. 

Inzwischen lobt James Ellroy Ihre Bücher. Welche Krimischriftsteller haben Sie in Ihrer Zeit als Privatdetektiv gelesen?
Ich erstelle ungern eine Liste der Leute, die mich beeinflusst haben, weil ich fürchte, jemanden dabei zu vergessen. Aber schön: Elmore Leonard war sehr wichtig. Raymond Chandlers Der lange Abschied lese ich gerade zum fünften Mal. James Ellroy, T. Jefferson Parker, mit dem ich inzwischen befreundet bin. Viele mehr. Und es sind ja nicht nur Krimischriftsteller, die uns prägen: Henry IV von Shakespeare ist die grundlegende Mafiapaten-Geschichte. Charles Dickens ist genauso wichtig für die Krimigeschichte, habe ich natürlich auch viel gelesen.

Surfen Sie noch jeden Tag?
Ich sitze jeden Morgen um halb sechs mit einer Tasse Kaffee am Computer. Vier Stunden lang, danach renne ich vier bis sechs Meilen oder ich gehe ins Wasser, je nachdem, wo meine Frau und ich gerade sind. Ich mache inzwischen öfter Bodysurfing, das ist einfacher als Surfen, man ist nicht auf so hohe Wellen angewiesen, kann an einsamere Strände gehen und braucht nur einen Anzug, mit dem man sich ins Wasser schmeißt. Und um vier, fünf setze ich mich wieder an die Arbeit. Wenn ich meinen Romanrhythmus erreiche, wenn ich an einem schwierigen Kapitel sitze, arbeite ich mehr und surfe weniger. 

Wo genau leben Sie eigentlich in Kalifornien?

In einem winzigen Nest namens Julian, eine Stunde mit dem Auto von San Diego. Am Wochenende sind wir oft in Dana Point, 40 Minuten nördlich von San Diego, am Meer. Und zwischendurch fahren wir oft nach Rhode Island, meine Mutter besuchen.

Sie fahren mit dem Auto? Haben Sie Flugangst?
Ich habe keine Flugangst, ich hasse es nur. Ich hasse Flughäfen, ich hasse es, meine Schuhe auszuziehen, die Hälfte aller Flüge hat Verspätung, und man langweilt sich. Und Fahren ist großartig, ich liebe es. Man sieht Ecken des Landes, in die man sonst nie gelangen würde. Wunderbare Lokale.

Ihre letzten Romane spielen alle in Laguna Beach.  
Ich liebe Kalifornien. Ich werde nicht satt davon. Einige Orte habe ich tausend Mal gesehen, aber sie erregen mich immer wieder und machen mich jedes Mal glücklich. Ich bin überhaupt ein sehr glücklicher Mensch. Wirklich. Ich bin sehr dankbar, dass ich vom Schreiben leben kann.


Don Winslow
ist 58 Jahre alt und lebt in der Nähe von San Diego. Sein Roman »Kings of Cool« erscheint am 17. September auf Deutsch im Suhrkamp Verlag. Der Film »Savages«, der nach dem gleichnamigen Roman Winslows von Oliver Stone gedreht wurde, läuft am 11. Oktober in Deutschland an. Unter anderen spielen darin Salma Hayek, John Travolta und Benicio Del Toro. Der Roman »Savages« erschien unter dem deutschen Titel »Zeit des Zorns«.


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Lars Reichardts

Lieblingskrimi von Don Winslow heißt Tage der Toten und ist bei Suhrkamp erschienen.

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