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aus Heft 38/2012 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Ein Mann rauft sich zusammen

Ausgerechnet Wrestling: Den prolligen Showsport zu mögen, war für Till Krause Rebellion gegen seine friedensbewegten Eltern. Jetzt traf er seinen Lieblingskämpfer. Der ringt heute mit ganz anderen Gegnern.

Von Till Krause  Fotos: Attila Hartwig, Martina Fuchs



NÜRNBERG-LANGWASSER, SOMMER 1992

Ich bin Kind zweier Lehrer, Jahrgang 1980, ich erinnere mich an Ostermärsche, Holzspielzeug, an die Friedenstaube, die an unserer Haustür klebte. Und ich erinnere mich an Fasching, weil ich mich als Cowboy verkleiden durfte, aber ohne Pistole.

Kaum einen Satz habe ich als Kind so oft gehört wie diesen: Gewalt ist keine Lösung. Frieden war das Wichtigste, ein Leben ohne Gewalt das Ziel meiner Erziehung. Meine Eltern taten, was sie konnten. Und ich dankte es ihnen, indem ich nachts ins Wohnzimmer geschlichen bin, um mir heimlich Wrestling anzuschauen.

Wrestling, diese amerikanische Mischung aus Kampf und Show, ist das Gegenteil von allem, was meine Eltern gut finden: Es ist brutal, aufdringlich und irgendwie billig. Da springen sich Typen namens Macho Man, Hitman, Hulk Hogan und Ultimate Warrior mit dem Knie ins Gesicht, hauen sich mit Fäusten und Klappstühlen. Vor dem Kampf haben sie sich minutenlang angeschrien und die Zähne gefletscht wie wilde Tiere. Ich bin überwältigt von so viel Entertainment.

Für Wrestling begeistert haben mich die Kinder aus meiner Grundschule in Nürnberg-Langwasser. Einer Vorstadt, wo gleich neben unserem Garten die grauen Betonklötze mit den Sozialwohnungen standen. Meine Eltern hatten wahrscheinlich Angst, Wrestling könnte der erste Schritt sein, mich aus der Reihenhauswelt wegzubringen, hin zu Privatfernsehen, Fast Food und Plastikspielzeug.

Dabei ist alles viel harmloser: Ich male das Wrestling-Logo mit Buntstift auf Karopapier, bastle mit meinem Freund Philipp einen Miniatur-Wrestling-Ring aus einem Schuhkarton und frage im Gitarrenunterricht, ob ich statt The House of the Rising Sun nicht lieber die Melodie lernen kann, mit der der Ultimate Warrior in den Ring marschiert. Natürlich kannte mein Gitarrenlehrer weder das Lied noch den Warrior. Ich habe mir den Gitarrenriff dann selbst beigebracht – und kann ihn heute noch.

Mein Lieblingswrestler heißt Bret Hart, Kampfname »Hitman«: ein Hüne mit verspiegelter Sonnenbrille, engen Hosen, Lederjacke mit aufgemaltem Totenkopf. Und dann diese Haare: lang und immer nass und strähnig. Mein Vater hatte als Student auch lange Haare, die Fotos von damals hängen bei uns im Treppenhaus, aber irgendwie sehen seine dunkelblonden Locken nach Shampoowerbung aus. Vor jedem Kampf verschenkt Bret Hart seine Sonnenbrille an ein Kind im Publikum – und im Traum auch an mich. Beim Wrestling kämpft das Gute gegen das Böse. Bret Hart war einer der Guten.

Wobei »Kampf« eigentlich das falsche Wort ist: Bei Wrestling sieht zwar vieles nach Prügelei aus, aber in Wahrheit folgt alles einer Choreografie. Der Sieger steht von Anfang an fest, jeder Schlag ist abgesprochen. Das sollte ich allerdings erst Jahre später merken.

Die Kämpfe laufen auf Tele 5, die Sendung heißt Ring frei! und kommt immer freitags um zehn Uhr abends. Zu dieser Zeit sind meine Eltern noch wach. Bei der Wiederholung gegen zwei Uhr nachts schlafen sie schon. Ich stelle mir den Wecker und schleiche ins Wohnzimmer. Im Treppenhaus traue ich mich kaum noch zu atmen. Meine Eltern haben mir verboten, diesen »brutalen Quatsch«, anzugucken. Wrestling ist ein lauter Sport, die Moderatoren schreien unentwegt, die Kämpfer sowieso, und wenn sie in den Ring marschieren, dröhnen ihre Kampfhymnen so laut wie bei einem Rockkonzert. Ich aber sitze im Schneidersitz direkt vor dem Fernseher, den Ton fast ausgedreht.

Besonders toll ist der Summerslam 1992, die größte Wrestling-Show aller Zeiten, das Wembley-Stadion in London ist mit über 80 000 Zuschauern ausverkauft. Mein Idol Bret »Hitman« Hart kämpft gegen seinen Schwager, den British Bulldog.

Ich freue mich seit Wochen. Es geht um den Titel des »Intercontinental Champion« und um noch viel mehr: Bret Hart und der British Bulldog sind auch privat zerstritten, erklären die Moderatoren, im Ring soll ein Familienzwist ausgetragen werden. Sie prügeln eine halbe Stunde aufeinander ein, mit Manövern, die Bodyslam und Dropkick heißen. Als Bret Hart besonders hart einstecken muss, möchte ich schreien, aber ich darf nicht. Wenn meine Eltern das hören, könnten sie zur härtesten Maßnahme greifen und mir das Taschengeld kürzen. Das bedeutet: Kein Geld mehr für Wrestling-Sammelkarten, die ich inzwischen mit den Jungs aus meinem Viertel tausche. Ich muss also stumm zuschauen, wie der Bulldog meinen Bret Hart in die Seile schleudert und mit so viel Wucht auf den Ringboden donnert, dass seine Schultern für drei Sekunden die Matte berühren – damit hat Hart den Kampf verloren.

Doch die Show geht jetzt erst richtig los: Der Bulldog steht als Erster auf und reicht seinem Schwager die Hand zur Versöhnung. Umarmung, Hallenfeuerwerk, mir ist jetzt alles egal, ich kann nicht mehr leise sein, sondern jubele und klatsche. Nachts, allein vor dem Fernseher. Niemand hört mich.

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Kommentare

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  • C O (1) sympathischer Kerl, der Hitman. Vor ziemlich genau 20 Jahren war ich mit meiner Schulklasse Gast bei der ZDF Computer Future Show X-Box X-Bay(?) irgendwie so, und der Hitman war Stargast.
    Nach der Show ist er nicht, wie so viele in den Backstagebereich oder ins Hotel zurück, sondern hat sich mit uns unterhalten und Autogramme gegeben, das ging so weit, dass meine Klasskameraden auf Geldscheinen oder dem Führerschein unterschrieben ließen, weil niemand im Vorfeld wußte, wer da bei der Aufzeichnung Gast ist...
    Netter Kerl und auch Idol meiner Jugend.