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aus Heft 40/2012 Schule

»Mein Traum ist es, dass Bildung ein Menschenrecht wird«

Seite 2: Beginn einer Revolution

Simone Kosog  Foto: Ron Seidenglanz


Nicht alle Inhalte sind so universell wie Mathematik. Wenn ein Kind aus München zum Beispiel Informationen zum Oktoberfest oder zur Frauenkirche sucht, wird es bei Ihnen nichts finden.
Die Übersetzungen sind ja auch nur ein Anfang. Noch besser wäre es, wenn gleich eigene Videos in der jeweiligen Sprache entstehen würden. Ich kann mir vorstellen, dass wir in fünf bis zehn Jahren nahezu unabhängige Organisationen in den jeweiligen Regionen haben, die auch die dort relevanten Inhalte mit aufnehmen. Ich persönlich würde das am liebsten auch alles wissen.

Es muss doch auch Dinge geben, die Sie langweilig finden?
Ganz ehrlich, ich finde das alles spannend. Ich glaube auch, dass nur ein Lehrer, der selbst begeistert ist, seine Schüler begeistern kann.

Laut einer 2011 von der OECD veröffentlichten Publikation müssen sich an deutschen Schulen elf Schüler einen Computer teilen, womit Deutschland im internationalen Vergleich ziemlich weit hinten steht. Andere Studien haben außerdem ergeben, dass Computer in vielen Klassenzimmern nur herumstehen.
Das hat mit Gewohnheiten zu tun und sicher auch mit Angst. Das Internet ist immer noch ein sehr neues Instrument, und berechtigterweise fragen viele Lehrer, was sie denn überhaupt damit anfangen sollen. Nun – zumindest gibt es jetzt die Khan-Akademie …

Sie arbeiten ja in den USA bereits mit Schulen zusammen. Wie sind die Reaktionen?
Wir machen gute Erfahrungen; in den allermeisten Fällen sind die Lehrer wirklich froh über so ein kraftvolles Werkzeug. Ein Lehrer sagte mir, dass er sich mittlerweile wie der Dirigent eines Orchesters fühle. Er selbst hat mehr Freiheiten, und die Schüler haben sie auch.

Kommt es nicht auch vor, dass Lehrer die Khan-Akademie nutzen, um die alten Strukturen zu erhalten?
Das haben wir auch schon erlebt. Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob wir nicht Einschränkungen machen können, damit die Schüler nicht zu weit vor und nicht zurückgehen. Ich habe natürlich »Nein« gesagt – das ist ja gerade die Idee, dass jeder individuell lernt. Wir möchten jedem die Chance geben, die beste Version seiner selbst zu werden – und eben nicht im Vergleich mit den Banknachbarn.

Auch Bill Gates und seine Kinder lernen mit der Khan-Akademie. Der Microsoft-Gründer bezeichnet die Khan-Akademie sogar als »Beginn einer Revolution«. Übertreibt er?

Ich glaube, dass wir tatsächlich an einem Wendepunkt stehen. Mein Traum ist es, dass Bildung ein Menschenrecht wird, nicht nur auf dem Papier, sondern in der Realität. Auch die Schulen werden sich ändern. Wenn sich die Kinder mit Plattformen wie der Khan-Akademie selbst den Stoff beibringen, hat das gravierende Auswirkungen: Es macht dann keinen Sinn mehr, Kinder in Altersklassen zu unterteilen, da ja ohnehin jeder in seinem Tempo lernt. Ich finde auch die Einteilung in Grundschule, weiterführende Schule und College äußerst künstlich. In der Schule wird der Lehrer mehr Zeit haben, auf Probleme einzugehen, oder die Schüler helfen sich gegenseitig.

Was ist mit Ländern in Afrika oder auch Asien, wo noch längst nicht jeder Zugang zu einem Computer hat?
Das ist tatsächlich ein Problem. Aber ich hoffe und glaube, dass auch hier die Entwicklung schnell voranschreiten wird und dieses Thema in fünf bis zehn Jahren erledigt sein wird.

Wenn Sie von »umfassender Bildung für alle« sprechen, müssten Sie auch Ihre Bildungsinhalte erweitern. Bislang unterrichtet die Khan-Akademie hauptsächlich den klassischen Schulstoff, obwohl die Welt viel bunter ist.
Ich glaube, dass es im Moment noch nötig ist, die klassischen Fächer anzubieten, weil wir die Schüler stärken möchten. Aber so langsam erreichen wir die kritische Masse und können gezielt eigene Inhalte setzen. In der Schule wird zum Beispiel im Fach Wirtschaft nicht über die griechische Finanzkrise gesprochen – wir tun das. Wir haben auch eine komplette Reihe über Kosmologie oder über Computerkunde – das wird an keiner Grundschule unterrichtet. Oder wir stellen die Religionen vor – sehr sachlich und wertfrei. Ich finde auch, dass jeder Mensch das Wissen eines Jurastudenten nach dem ersten Semester haben sollte.

Trotzdem fehlt etwas: In Ihren Filmen können wir erfahren, wie ein Stern entsteht, wie die Fotosynthese abläuft oder wie die Bilder Picassos einzuordnen sind. Aber das ist doch etwas ganz anderes, als selbst den Sternenhimmel in der Nacht zu betrachten oder selbst etwas zu pflanzen oder ein Bild zu malen, finden Sie nicht?
Absolut. Wenn ich an eine Schule für meine eigenen Kinder denke, ist das auch ganz klar ein physischer Ort und kein virtueller. Aber die Schule wird sich grundsätzlich von der unterscheiden, die ich besucht habe und Sie vermutlich auch … wo man in einem Raum sitzt, der Lehrer spricht, man macht Notizen, schaut auf die Uhr … Stattdessen glaube ich, dass sich die Kinder in Zukunft einen Großteil des Stoffes mit Hilfe von Plattformen wie der Khan-Akademie selbst beibringen und es in der Schule nur noch um genau diese Dinge geht: Roboter bauen, Feuer machen, Bilder malen, mit Freunden diskutieren, zusammen spielen …

Glauben Sie wirklich, dass solche Schulen kommen werden? Bisher verhält sich das traditionelle Schulsystem ungeheuer starr gegenüber Veränderungen.
Es ist immer schwer, große Systeme zu verändern. Aber mit den Methoden, die wir jetzt haben, ist es möglich, dass die Kinder nicht mehr durch dieses System gehen müssen, sondern einen Weg daran vorbei finden. Für meine Kinder wünsche ich mir das auf jeden Fall.

Sind Sie sicher, dass die Kinder sich dann wirklich noch mit Mathe und Physik beschäftigen würden?
Aber ja, das müssen sie ja, wenn sie zum Beispiel einen Roboter bauen wollen. Genau das macht uns Menschen doch aus, dass wir die Welt um uns herum verstehen wollen.

Wie müssten die neuen Schulen also aussehen?
Wichtig ist, dass die Kinder weiterhin einen Ort haben, an dem sie zusammenkommen, ihre Freunde treffen können. Wie dieser Ort aussieht, wird sich zeigen; vielleicht wie eine Kombination aus Museum, Bibliothek, Labor und Werkstatt. Es wird in diesen Schulen darum gehen, wirklich tiefe Erfahrungen zu machen und als Mensch zu reifen.


Salman Khan
Wer im Netz nach Salman Khan sucht, stößt zuerst auf den bekannten Bollywood-Schauspieler. Auch Salman Khan, der Internetpädagoge, hat indische Wurzeln. Geboren 1976 in New Orleans, erwarb er mehrere akademische Abschlüsse, unter anderem einen MBA der Harvard Business School, und arbeitete dann als Hedge-Fonds-Analyst, bis er sich ganz auf die Khan-Akademie konzentrierte. Heute lebt er in Kalifornien, zusammen mit seiner Frau, einer Fachärztin für Rheuma, die von ihrem Mann regelmäßig gelöchert wird, wenn es um medizinische Themen geht. Sie haben einen Sohn und eine Tochter. Einer großen Öffentlichkeit bekannt wurde Khan 2008: Damals erklärte er den Zuschauern live im Nachrichtenkanal CNN, wie Immobilienspekulationen zur nationalen Finanzkrise führen konnten.

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Simone Kosogs Recherchen zogen sich, weil die Autorin immer wieder neue Videos der Khan-Akademie anklickte, um sich die Welt erklären zu lassen. Ein bisschen wie bei der Sendung mit der Maus, wo man als Erwachsener auch endlich versteht, wie die blauen Streifen in die Zahnpasta kommen.

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