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aus Heft 41/2012 Musik Noch keine Kommentare

Liebe, die ins Ohr geht

Für den Schlagersänger Andy Borg würde die Dresdnerin Karin Witt alles tun. Denn keiner sonst versorgt sie so zuverlässig mit großen Träumen für den kleinen Alltag.

Von Christoph Cadenbach  Fotos: Jörg Brüggemann

»Ich bin ein vernünftiger Fan«, sagt Karin Witt. Die Kissen hat sie selbst gestaltet. Das Foto links oben an der Wand ist 1990 nach ihrem ersten Andy-Borg-Konzert entstanden.
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Die wichtigste Frage in diesen Tagen: Was schenkt man einem wie Andy Borg zum 30-jährigen Bühnenjubiläum?

»Also erst wollten wir ihm eine Palme kaufen, er ist ja auch so'n Gartenfreak, aber wie versteckt man die? Ins Auto krieg ich die, aber in die Halle? Machen Sie das mal, dass er die nicht gleich sieht, das ist gar nicht so einfach bei Herrn Borg, der Herr Borg kriegt alles mit, wenn man nicht aufpasst«, sagt Karin Witt, 51, verheiratet, drei erwachsene Kinder, seit 30 Jahren Andy-Borg-Fan.

Und jetzt?

»Jetzt schenken wir ihm einen Gutschein für ein Gartencenter in Passau, für 60 Euro. Die machen das eigentlich nicht, aber ich hab da angerufen und gesagt: Sie kennen doch den Herrn Borg. Die Birgit hatte einen Paprikabusch vorgeschlagen, aber da wächst ja nur einmal im Jahr was dran.«

Karin Witt, die in ihrem Wohnzimmer auf einem cappuccinofarbenen Sofa sitzt, neben ihr ein Kissen mit einem aufgedruckten Foto von Andy Borg und ihr, redet gern schnell und viel und benutzt ein paar lustige Verben dafür: babbeln und quackeln und schnattern. »Wenn ich zu viel babbel, sagen Sie Bescheid«, meint sie. Ab und zu muss man nachfragen, um bei ihren Geschichten mitzukommen.

Wer ist Birgit?
»Andys zweite Frau.«
Und warum ein Paprikabusch?
»Weil der Andy am liebsten gefüllte Paprika isst.«
Woher wissen Sie das?
»Ich hab ihn die essen sehen.«

Andy Borg ist 51, Österreicher, geboren als Andreas Adolf Meyer. Er lebt heute in Passau und ist seit 30 Jahren Schlagersänger. In Karin Witts Wohnzimmer kann man seine Karriere auf Fotos an der Wand zurückverfolgen: Auf den alten, aus den Achtzigerjahren, sieht er mit seinen braunen zurückgeföhnten Locken ein bisschen aus wie David Hasselhoff. Auf den aktuelleren trägt er öfter Trachtenjanker, seit 2006 moderiert er den Musikantenstadl in der ARD, durchschnittlich mehr als fünf Millionen Zuschauer am Samstagabend, die meistens älter sind. Andy Borg ist ein Star, aber nur in seiner Zielgruppe, und die Titel seiner Alben lassen vermuten, dass er genau weiß, was seine Fans, vor allem die weiblichen, von ihm wollen: Bleib bei mir heut Nacht oder Träumen erlaubt.

Karin Witt, die als Putzfrau arbeitet, will ihm nun diesen Gartencenter-Gutschein schenken, bei einem Konzert in Hoyerswerda, und auf den ersten Blick macht sie den Eindruck, dass sie ganz schön verschossen ist in Andy Borg. Ihr Wohnzimmer sieht aus, als würde ein Teenager darin leben, überall grinst Andy Borg auf Fotos und Autogrammkarten, sie hat sogar Kaffeebecher mit seinem Gesicht darauf und ein Bild von ihm in ihrem Portemonnaie. Sie weiß, dass er nicht nur gefüllte Paprikaschoten mag, sondern auch Käsekuchen. Und bei Konzerten geht auch sie vor zur Bühne, um ihm etwas in die Hand zu drücken. Allerdings keine Blumen, wie die anderen Frauen, sondern eine Flasche Multivitaminsaft oder einen Korb mit Obst. »Denn da weiß ich, das kommt nicht weg, das isst er auf der Fahrt nach Hause«, sagt sie und klingt dabei überraschend leidenschaftslos. Auch würde sie ihn auf der Bühne nicht »abschmatzen, weil er das nicht mag«.

In Sendungen wie dem Musikantenstadl sieht man solche Szenen immer wieder: Fans, die ihrem Star während des Auftritts um den Hals fallen und einen Kuss auf die Wange geben. In keinem anderen Musikgenre gibt es so etwas, wird so viel Nähe von den Künstlern verlangt. Wer nur seine Musik anbietet, sich aber nicht anfassen lässt, wird wohl weniger Erfolg haben. Oder gar keinen. Denn die Schlager- und Volksmusik verspricht ja vor allem eins: dass es die perfekte Welt, in diesem Fall den perfekten Mann, tatsächlich gibt – einen, der hübsch und erfolgreich ist, aber trotzdem keine Allüren hat, ein Star zum Anfassen eben; einer, dem nicht Fußball oder Autos das Wichtigste sind, sondern die Liebe, und der seine Gefühle ausdrücken kann ohne rot zu werden oder zu stottern. Die Musiker scheinen sämtliche dieser Träume zu erfüllen.

Fragt man nun Karin Witt, was sie an Andy Borg besonders mag, sagt sie: seine schöne Stimme. Und sicher ist: Damit fing es bei ihr an.

Das erste Mal hat sie diese schöne Stimme 1982 gehört, auf einer Faschingsfete in Dresden, wo Karin Witt geboren wurde und noch heute lebt. Sie war damals 21, frisch verheiratet und tanzte gerade mit ihrem Mann Lutz, als der DJ Adios Amor spielte, Andy Borgs ersten und größten Hit. Karin Witt war begeistert, konnte aber die Platte in der DDR nicht kaufen, also setzte sie sich nachts, wenn der Empfang von Westsendern am besten war, vors Radio, um das Lied mit einem Tonbandgerät aufzunehmen. Erst zwei Jahre später sah sie dann Andy Borgs Gesicht: bei einem Gastauftritt in der DDR-Samstagabendshow Ein Kessel Buntes. Und bis 1990 musste sie warten, um ihn bei einem Konzert in Dresden live zu erleben.

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