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aus Heft 41/2012 Kino/Film/Theater 1 Kommentar

Das große Herz

Mit ihrem Film Männer … karikierte sie Rollenklischees, später verlor sie die Liebe ihres Lebens. Über die Idee vom idealen Mann kann sich die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie trotzdem vor allem: amüsieren. Ein Gespräch.

Von Max Fellmann und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: dpa





SZ-Magazin: Frau Dörrie, können Sie mit dem Begriff Traummann etwas anfangen?
Doris Dörrie:
Ich selber verwende ihn nicht. Aber die Figuren, die ich erfinde, tun es. Zumindest haben sie oft die Vorstellung, dass es so etwas gibt wie den idealen Mann.

Sind Traummann und Traumfrau vergleichbar – oder bezeichnen Männer und Frauen damit jeweils etwas grundsätzlich anderes?
Uh, wenn man versucht, das zu trennen, sitzt man in der Falle. Man muss schauen, wo der Traum eigentlich herkommt, was er darstellt und warum wir uns so viel mit unseren Träumen beschäftigen. Wir werden ja eigentlich alle immer realistischer. Alles wird sehr präzise benannt, die Ambivalenz hat ausgedient.

Was meinen Sie damit?
Es lässt sich niemand mehr überraschen. Wir machen Pläne, strukturieren alles. Und glauben trotzdem, da wäre noch Platz für die romantische Liebe. Kann ja gar nicht gehen. Wenn ich zum Abendessen gehe und mir vorstelle, da sollen drei Kerzen auf dem Tisch stehen und die sollen rot sein – dann programmiere ich die Enttäuschung. Irgendwas wird an dem Mann schon fehlen aus dem Eigenschaften-Katalog, den ich aufgestellt habe. Ich habe mal für eine Geschichte recherchiert, wie der Traummann in den Internet-Partnerbörsen beschrieben wird. Wie viele Adjektive da abgefragt werden! Wie viele Eigenschaften! Das sind Anleitungen zum Hirngespinst.

War das früher anders?
Aber ja.

Aber warum?

Weil die Reichweite früher nicht so groß war. Wenn ich als Teenager eine Vorstellung vom Traummann hatte, hat die gerade mal bis zum Dorfbrunnen gereicht. Heute tauscht sich die ganze Welt über diese scheinbar so dringenden Fragen aus und diskutiert, was der Traummann alles sein soll, was er können soll, wie er auszusehen hat. Der ideale Mann.

Und wie soll er aussehen?
Es wird festgelegt, wie groß er sein soll, Vegetarierer, Humor, Hobbys. Im Grunde ist diese Idee vom Traummann eine Konsumhaltung: Der ideale Mann ist wie eine Ware. Man kann die Kundenerwartung formulieren und sucht das passende Produkt. Es flirtet ja heute niemand mehr sinnlos vor sich hin. Weil man nicht genau weiß, wie der andere drauf ist, man hat ja sein Profil noch nicht gelesen.

Ist die Welt wirklich so trüb?

Ja, in unserem Kulturkreis schon. Männer und Frauen sind im Umgang miteinander sehr viel vorsichtiger geworden.

Auch die jungen Leute?
Ja, ich habe den Eindruck. Ich hatte doch mit Anfang 20 jede Woche einen neuen Freund! Na ja, sagen wir, alle vier Wochen. Man ist damals immer zu zweit aufgetaucht. Das scheint heute keine so große Rolle mehr zu spielen, es geht mehr um die Gruppe, die Clique.

Worauf führen Sie das zurück? Aufs Internet? Facebook?
Auch, klar. Das ist eine Welt, in der man die Nähe und das Chaos nicht wagen muss. Wenn’s zu eng wird, zu unüberschaubar, loggt man sich halt aus. Nur ist meine Theorie: Wahre Liebe kann man nur finden, wenn man den Mut zur Katastrophe hat.

Warum?

Wenn man liebt, droht immer der Verlust des geliebten Menschen. Weil die Liebe kaputtgeht. Oder weil man betrogen wird. Oder durch den Tod. Wie viel Zeit man zusammen hat, weiß man ja nicht. Wenn man den Mut zur Katastrophe nicht hat, ist der Traum vom Traummann ein ziemlich kleiner, schäbiger Traum.

Trotzdem suchen alle den einen, den Richtigen.
Ist aber total albern. Das bedeutet doch, man vergleicht den einen mit allen anderen. Aber der Vergleich macht immer unglücklich. Und dabei vergleicht man zwangsläufig auch sich selbst mit den anderen Frauen. Wenn ich den Supermann finde – bin ich toll genug für ihn? Da wird’s ganz schrecklich schwierig.

Aber stellen sich Frauen diese Frage wirklich?
Frauen stellen die sich ganz extrem! In welche Liga gehöre ich? Was kann ich von dem Mann fordern? Entspreche ich selbst dem Bild der Traumfrau? Wir versuchen ständig, uns zu optimieren. Männer machen das gar nicht – und wir Frauen bewundern sie dafür, dass sie da so frei sind. Ein Mann würde nie denken, hm, für die Frau bin ich vielleicht zu dick.

Der Film, mit dem Sie berühmt geworden sind, Männer …, war 1985 das Statement über Männer.
Das habe ich damals gar nicht so gemeint. Es war einfach ein Film über zwei Männer.

Wie finden Sie aus heutiger Sicht das Männerbild, das Sie damals hatten?
Es ging ja nicht nur um meins, sondern eher um so ein gesellschaftliches Männerbild. Und ich staune, dass ich das ganz gut auf den Punkt gebracht habe. Obwohl ich erst Ende 20 war. Der Film hat eine liebevolle Ironie, zu der ich nach wie vor stehe. So war ja auch der Titel gemeint: Ach, Männer …

Was für einen Film über Männer müsste man heute machen?
Einen Film über zwei Fanatiker vielleicht? Die in einer WG leben.

Gibt es etwas, worum Sie Männer beneiden?
Manchmal beneide ich sie darum, dass sie Dinge, vor allem im Beruf, nicht so persönlich oder übel nehmen. Erbitterte Feinde können wieder zu Geschäftspartnern werden. Männer sagen sich Dinge, da würde jede Frau total einknicken, und machen doch zusammen weiter. Sie scheinen gerüstet wie ein Ritter, wenn sie morgens ins Büro reiten.

Gibt es einen Traummann, auf den sich gerade alle einigen können – den Sie auch gut finden?
Nö.

George Clooney?
Ach, Schmarrn. Der sieht gut aus und ist ein guter Schauspieler, das ist sein Job. Warum soll der ein Traummann sein? Nur weil er gute Gene abgekriegt hat und die sich vorteilhaft ausgemendelt haben? Ich bitte Sie!

Wird Clooney für einen netten Mann gehalten, weil er gut aussieht?
Hm, ich glaube eher, schöne Männer sind immer sofort verdächtig. Die wissen, dass sie schön sind, und das macht einen schlechten Charakter – ist doch eine Standardweisheit unter Frauen!

Wer war Ihr Traummann als Teenager?
Pierre Brice.

Pierre Brice? Oder Winnetou?
Stimmt, eigentlich Winnetou. Wegen seiner guten Eigenschaften. Das große Drama war, dass ich seinen linken Fuß nicht hatte.

Seinen linken Fuß?

Vom Bravo-Starschnitt. Alle anderen Teile hatte ich, in Lebensgröße. Nur nicht den Fuß.

Mögen Sie Männer mit Pferden?

Nicht mehr. Bei Männern mit Pferden muss man eigentlich misstrauisch sein. Männer mit Porsche und Männer mit Pferd, beides nicht so ganz … Sie verstehen. Polierte Fingernägel. Auch Männer mit sehr kleinen Hunden. Die Herausforderung wäre natürlich, einen sehr gut aussehenden Mann mit Pferd und kleinem Hund, Porsche und polierten Fingernägeln kennenzulernen und trotzdem keine Vorurteile zu haben und sich überraschen zu lassen.

Gibt es Eigenschaften an Männern, die Sie früher sehr wichtig fanden und heute gar nicht mehr?

Ich habe immer Wert auf eine gewisse Wildheit gelegt, und früher war mir auch wichtig, dass die äußerlich erkennbar ist. Die äußerliche Wildheit ist mir heute überhaupt nicht mehr wichtig. Die innere schon noch.

Hatten Sie schon als Jugendliche die Vorstellung von Liebe, wie Sie sie heute haben?
Ach, das waren ja ganz andere Zeiten. Ich konnte mir nie vorstellen zu heiraten.

Haben Sie aber.
Habe ich, ja. Aber dann doch so, dass es möglichst anders war. Bei Navajo-Indianern in New Mexico, ohne Hochzeitskleid, in Cowboy-Stiefeln.

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Kommentare

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  • Margarete Engell (1) well done, doris.. ein sehr nachdenklicher und auch schöner text...