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aus Heft 41/2012 Literatur 1 Kommentar

Die Traumindustrie

Der englische Verlag Mills & Boon produziert die erfolgreichsten Liebesromane der Welt – und entwirft seit 100 Jahren ein merkwürdig devotes Bild von weiblicher Sehnsucht.

Von Steffi Kammerer  Fotos: Vorlagen aus dem Buch The Art of Romance. Mills & Boon and Harlequin Cover Designs, Prestel Verlag



Es geht immer gleich los, manchmal schon auf der ersten Seite. Ohne langes Vorgeplänkel ist der Ritter da. Bewahrt eine Unbekannte vor dem Ertrinken im wilden Ozean, befreit sie aus einer peinlichen Situation auf einer Cocktailparty, saugt in letzter Sekunde Schlangengift aus einem blassen Schenkel. Und sehr bald schon wird gehechelt und gekeucht, gezittert und gebebt. Oft alles gleichzeitig. Immer lodert irgendwo ein Kamin, in einer Suite, auf einer Yacht.

Sie: Porzellanteint, seidiges Haar, sehr schlank. Er: sehr muskulös, mit kantigem Kinn und ausgeprägten Wangenknochen, je nach Profession kommt ein Dreitagebart dazu. Er ist Pilot, Scheich, Wüstenarzt, lenkt Staaten und Unternehmen, ein einsamer Wolf, die Schläfen leicht grau. Die Rede ist vom Mills-&-Boon- Mann, im Folgenden MBM.

Mills & Boon ist ein britischer Verlag, gegründet im Jahr 1908, der zunächst alles Mögliche produzierte, vom Krimi bis zum Reiseroman. Bis die Gründer in den Dreißigerjahren merkten, das, womit sie richtig Geld verdienten, waren die unerfüllten Fantasien ihrer Leserinnen. Darauf setzten sie fortan ausschließlich.

Der MBM ist einer, der weiß, wo es langgeht, und zwar immer. Hindernisse? Räumt er zur Seite. Er fragt nicht, er nimmt. Im Konferenzsaal wie in der Liebe. Ein Blick zur Sonne, und er kennt die Uhrzeit, die Himmelsrichtung sowieso. Er ist groß, fast immer dunkelhaarig. Mit Millionen auf dem Konto, besser Milliarden.

MBM sind Männer, die normales physisches Funktionieren außer Kraft setzen. Die Frauen, denen sie begegnen, kriegen oft schon beim ersten Anblick weiche Knie, japsen nach Luft, das Hirn ein einziger Wattebausch. Wie man halt so reagiert angesichts einer Naturgewalt. Der MBM ist sich seiner Wirkung natürlich bewusst und lächelt amüsiert und siegesgewiss. Meistens aber ist er brüsk und arrogant. Er ist der Mann, an dem man im normalen Leben verzweifelt und von dem einen jede gute Freundin fernhält.

Oft trägt der MBM ein Geheimnis in sich, wurde früh von der Mutter weggegeben oder wuchs in großer Armut auf, aber das weiß niemand. Bis irgendwann, und natürlich nur im Roman, sie kommt: die einzig Richtige, die Auserwählte. Der es endlich gelingt, seine harte Schale zu durchbrechen, ihn aus der Einsamkeit zu erlösen, ihn zu zähmen. Nur ihr zeigt er sein wahres Gesicht, macht sich auch mal klein, gibt zu, dass er immer nur Angst hatte, sein Herz zu öffnen. Zwischen der ersten und der letzten Seite eines Mills-&-Boon-Dramas liegen viele Hürden und Missverständnisse, aber verlässlich steht am Schluss das Happy End. Die Liebe für immer, Schwüre im Mondschein, gottgleiche Nachkommen.

Geführt wird die Traumfabrik aus einem schmucklosen Bürogebäude in Richmond, einem Vorort von London. Es ist ein Bau, der von außen nach Arbeitsamt aussieht, so gar nicht nach Sehnsuchtsquelle. Immerhin steht er am passenden Ort: der Paradise Road. Mills & Boon ist so englisch wie Scones und Pimm’s. Der Name ist jedem Briten ein Begriff, im Oxford English Dictionary steht er als Synonym für populäre Liebesromane. Es ist ein Name, der nicht nur für ein höchst profitables Unternehmen steht, sondern für Millionen Seufzer auf Sofas, in Badewannen, in U-Bahnen. Ein oder zwei Bücher sind an einem Abend gut zu schaffen. Dann kommt der Ehemann aus dem Pub zurück.

Als die BBC im Jahr 1982 ihr 60-jähriges Bestehen feierte, wurde mit gebührendem Ernst eine Zeitkapsel vergraben, die 2000 Jahre später geöffnet werden soll. Unter den ausgewählten Kulturgütern, die die Nachwelt finden wird: ein Mills-&-Boon-Roman.

Man mag das für absurd halten – aber angesichts der Verkaufszahlen ist es nur passend: Mills & Boon ist nämlich eine Gelddruckmaschine, besonders seit der Verlag 1971 vom kanadischen Romantik-Unternehmen Harlequin gekauft wurde, das bereits im Begriff war, den nordamerikanischen Buchmarkt zu erobern. Gemeinsam nahm man sich nun die Welt vor: Mitte der Achtzigerjahre verkauften sie 250 Millionen Bücher, heute sind es jährlich noch 130 Millionen. Übersetzt in 26 Sprachen, erhältlich in über
hundert Ländern. Warum sich die Verkaufszahlen, auch wenn sie immer noch beachtlich sind, fast halbiert haben, beantwortet niemand bei Mills & Boon in London. So wie sie auch auf alle anderen Fragen, die man durchaus noch gehabt hätte, beharrlich nicht reagieren, sondern auf ihre Internetseiten verweisen.

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Kommentare

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  • Maria Lu (0) mmh, vielleicht ist es aber auch so, dass ein Zusammenhang zwischen den schwindenden Verkaufszahlen und den Einreichungen neuer Autoren besteht, die nicht "alpha"-genug sind. Aber da denke ich wohl zu gut von der Leserschaft.