Anzeige

aus Heft 41/2012 Die Gewissensfrage 2 Kommentare

Die Gewissensfrage

Soll ich meinen Mitschüler auf seinen unangenehmen Mundgeruch ansprechen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Ein Schulkamerad hat oft argen Mundgeruch. In einem Kunstkurs sitzt er direkt neben mir. Es ist nicht jeden Tag gleich schlimm, aber irgendwie immer unangenehm, ähnlich wie bei Achselschweiß. Spricht etwas dagegen, dass ich es ihm einfach mal sage?« Patrick F., Lüneburg


Auf eine Ausschreibung der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften hin reichte der Philosoph Arthur Schopenhauer 1839 seine Preisschrift über die Grundlage der Moral ein. Zu seinem Leidwesen, dem er im späteren Vorwort deutlich Ausdruck verlieh, wurde sie »nicht gekrönt«, aber die darin formulierte Maxime seiner Moral halte ich für sehr überzeugend und unabhängig von ihrer Herleitung für allgemein gültig: »Neminem laede; immo omnes, quantum potes, juva. – Verletze niemanden; vielmehr hilf allen, so viel du kannst.«

Vor allem aber hilft sie hier, Ihre Frage zu beantworten. Der erste Teil »Verletze niemanden« scheint zunächst gegen einen Hinweis zu sprechen. Zu hören, dass einen jemand im wörtlichen Sinne »nicht riechen kann«, schlimmer noch, dass man übel riecht – und das womöglich schon lange Zeit –, kann nicht nur zarte Gemüter kränken. Allerdings betrifft das bei näherer Betrachtung nur die Frage, wie man etwas sagt. Natürlich sollte man den anderen keinesfalls rüde angehen, etwa: »Hey, du stinkst ja, du Schwein!« Für die Überlegung aber, ob man überhaupt etwas sagt, sollte man beide Teile der Schopenhauer’schen Maxime zusammen betrachten: Womit schadet oder hilft man mehr? Mit Ansprechen oder Schweigen?

Eine Antwort darauf liefert meines Erachtens die Physiologie: Der Geruchssinn ist ein überwiegend phasischer Sinn, der sehr schnell adaptiert, wie man das in der Sinnesphysiologie nennt, das heißt, man nimmt andauernde Gerüche ziemlich schnell nicht mehr wahr. Deshalb ist man auf Hinweise von anderen geradezu angewiesen. Gegen Mundgeruch wie auch gegen Schweißgeruch kann man etwas unternehmen, und diese Möglichkeit versperrt man dem, der ungut riecht, oder erschwert sie ihm, wenn man nichts sagt.

Damit landet man beim schwierigsten Teil: Fast ebenso ungern wie man hört, dass man stinkt, wollen die meisten Menschen das umgekehrt jemandem sagen. Dennoch wird man fast nicht darum herumkommen, wenn man sich klarmacht, dass die Betreffenden kaum eine Chance haben, es anders zu erfahren. Das Gebot »Omnes, quantum potes, juva – hilf allen, so viel du kannst« zwingt mehr oder weniger dazu, hier über den eigenen Schatten zu springen und das – für beide Seiten – unangenehme Gespräch zu führen.


Quellen:

Arthur Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik: Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, gekrönt von der Königl. Norwegischen Societät der Wissenschaften, zu Drontheim, am 26. Januar 1839. Ueber das Fundament der Moral, nicht gekrönt von der K. Dänischen Societät der Wissenschaften, zu Kopenhagen, den 30. Januar 1840.
F.A. Brockhaus Verlag; Leipzig (1. Auflage 1841), 2. verbesserte und vermehrte Auflage 1860. Das Zitat „Neminem laede; immo omnes, quantum potes, juva.“ findet sich dort auf S. 212.

Die beiden Preisschriften gibt es als gemeinsame Ausgabe: „Über die Freiheit des menschlichen Willens. Über die Grundlage der Moral. Die beiden Grundprobleme der Ethik: Behandelt in zwei akademische Preisschriften. Kleinere Schriften II.“ im Diogenes Verlag, Zürich 2007

„Über die Grundlage der Moral“
ist einzeln 2006 im Felix Meiner Verlag, Hamburg erschienen

Informationen über Mundgeruch (Halitosis), seine Ursachen und Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen:

Webseite des Arbeitskreises Halitosis der DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde)

Rainer Seemann, Wenn der Atem stinkt, 1. Ursachen, Zahnärztliche Mitteilungen, 5/2000 S. 38ff. Online abrufbar hier

Rainer Seemann, Wenn der Atem stinkt, 2. Diagnostik und Therapie, Zahnärztliche Mitteilungen, 6/2000 S. 40ff. Online abrufbar hier

Björn Lang und Andreas Filippi, Halitosis – Teil 1: Epidemiologie und Entstehung, Schweizerische Monatsschrift für Zahnmedizin, Vol 114: 10/2004, 1037-1044 Online abrufbar hier

Björn Lang und Andreas Filippi, Halitosis – Teil 2: Diagnostik und Therapie, Schweizerische Monatsschrift für Zahnmedizin, Vol 114: 11/2004, 1151-1159 Online abrufbar hier


Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Jörg Demuth (0) Ich habe diese Problem vor vielen, vielen Jahren Jahre mit einem gut befreundeten Vorgesetzen gehabt. Eine Mischung aus eigener Scheu und dem Denkmäntelchen "das ist doch nicht mein Job, sonder der seines Chef" haben mich daran gehindert ihm da zu sagen. Irgendwann hat es ihm sein Chef wohl mal gesteckt und ich den Rüffel meines Lebens bekommen, weil er ziemlich enttäuscht war das ich nicht gesagt habe. Das Thema Mund oder auch Körpergeruch ist mir seit dem noch einige Male begegnet. Und ich habe das jedes mal in seinem sehr wertschätzenden kurzen Gespräch drauf hingewiesen. Und auch wenn jedes dieser Gespräche beiden Seite peinlich hat, hinterher ging es beiden besser. Visier hochklappen und ehrlich sein.....
  • Elisabeth Matzke (0) Der Schulkamerad wird einem auf den zweiten Blick sogar dankbar sein.
    Allerdings gäbe es noch die Möglichkeit, den Hinweis anonym zu überbringen. Dadurch wird es nicht nur für den Überbringer der unangenehmen Botschaft weniger peinlich, sondern auch für den Schulkamerad. Was meinen Sie?